100 Jahre später : Der Rücktritt des Zars als "Breaking News"

"Nix mehr mit Niki und Willi": Der TV-Sender Arte erinnert mit einer fiktiven „Breaking News“-Ausgabe an Abdankung von Zar Nikolaus II. vor 100 Jahren.

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Thomas Kausch moderiert die „Breaking News“ zum Machtwechsel in Russland im Jahr 1917.
Thomas Kausch moderiert die „Breaking News“ zum Machtwechsel in Russland im Jahr 1917.Screenshot: Arte

Bereits die Länge ist außergewöhnlich: 60 Minuten hat Arte der Sondersendung „Breaking News: Zar gestürzt“ gegeben. Mit ihr beginnt am Dienstag der Arte-Themenabend „Revolution in Russland“. Nur wenige andere Momente haben den Lauf der Geschichte des 20. Jahrhunderts ähnlich stark beeinflusst wie die Abdankung des russischen Zaren im März 1917. Und auch mit dem Wissen, dass eine Sondersendung zu einem hundert Jahre zurückliegenden Ereignis ungleich besser zu planen und umzusetzen ist, als auf ein aktuelles Geschehnis zu reagieren, wünscht man sich mehr solche Sendungen.

Der Aufwand, den Arte für die „Breaking News“ zum Zarenrücktritt getrieben hat, ist hoch, obwohl im Prinzip nur jene Elemente eingesetzt wurden, die für solche Sendungen State of the Art sind. Realisiert wurde die Produktion von André Meier (Buch und Konzept) und Lothaire Burg (Regie). Als Moderator wurde Thomas Kausch verpflichtet, der sich durch ein virtuelles Studio bewegt. Auf einem holografischen Screen dreht sich die Zarenkrone als Symbol der 300-jährigen Herrschaft der Romanows.

Bei den Aufnahmen von revoltierenden Soldaten, die sich an brennenden Porträts von Nikolaus II. wärmen, handelt es sich erkennbar um Reenactments, also um nachgespielte Szenen. Aber selbst wenn tatsächlich eine Kamera dabei gewesen wäre, hätten die Bilder sehr ähnlich ausgesehen. Erstaunlich ist ohnehin, wie viel historisches Bildmaterial – auch bewegtes – es aus dem ehemaligen Zarenreich gibt. Koloriert und digital nachbereitet erscheint Geschichte zum Greifen nah.

Live Schalten und Whistleblower-Berichte

Die Breaking News von Arte lassen aber auch ansonsten kein Element aktueller Sondersendungen aus. In Live-Schalten nach Petrograd erfährt der Zuschauer, dass Plünderungen an der Tagesordnung sind. Der Russland-Experte Jörg Baberowski rechnet nicht mit einem Separatfrieden zwischen dem Deutschen Reich und Russland. (In der Ursprungsfassung des Textes stand, dass Olli Dittrich den Experten gespielt hat. Dabei hat es sich um eine Verwechslung gehandelt. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen) Und die ARD-Börsenexpertin Anja Kohl berichtet über die Reaktionen der Wall Street auf das Jahrhundertereignis. Per Skype wird ein weiterer Experte eingeblendet, der von einem Whistleblower im Auswärtigen Amt berichtet. Nach dessen Schilderung hat Deutschland Lenin bei der Destabilisierung des Russischen Reiches unterstützt.

Zu guter Letzt erläutert Mareile Höppner als Adelsexpertin, wohin sich die Romanows in Sicherheit bringen könnten. Nach Deutschland jedenfalls nicht mehr, sagt die Society-Reporterin. Seit Kriegsbeginn gebe es zwischen den Verwandten Funkstille. „Nichts mehr mit Niki und Willi“, so Höppner. Dafür werde der Kriegseintritt der Amerikaner immer wahrscheinlicher, berichtet Ingo Zamperoni aus Washington. In jedem Fall ist „Breaking News: Zar gestürzt“ eine sehr kurzweilige und sehenswerte Lehrstunde in Geschichte. Kurt Sagatz

„Breaking News: Zar gestürzt – Revolution in Russland“, Dienstag, 19 Uhr 30 auf Arte

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