Medien : 120 Tage in der Hölle

„Experiment Bootcamp“: Thriller über Umerziehungslager für Sträflinge

Thomas Gehringer

Alex (Matthias Koeberlin) ist nur noch „Abschaum“. Er muss sich die Haare abrasieren und wird von Wärtern in Springerstiefeln aus Zentimeter-Nähe angebrüllt. Er und seine Mithäftlinge sind in Baracken kaserniert und schuften beim Abbruch eines Hauses, was wie Arbeit im Steinbruch aussieht. Und wenn jemand ungefragt redet, steht er die ganze Nacht über zur Strafe im Freien. Nein, ein Konzentrationslager ist diese „Besserungsanstalt“ nicht, aber es ist offensichtlich, dass Regisseur und Autor Andreas Linke in seinem Film „Experiment Bootcamp“ diese Assoziation wecken wollte. „Die Nazi-Methoden bringen uns nicht weiter“, schimpft Psychologin Britta Seidel (Natalia Wörner). Und am Ende zweifelt sogar ihr Gegenspieler, der fiese Projektleiter Hartmut Röber (Paul Fassnacht), am Sinn der Idee.

Die stammt aus den USA, wo Strafgefangene in Dutzenden von Bootcamps nach dem Muster militärischen Drills systematisch erniedrigt werden, um sie wieder zu braven Staatsbürgern zu machen. Und natürlich um die überfüllten Gefängnisse zu entlasten; denn wer 120 Tage im Camp durchhält, dem wird der Rest seiner Haftstrafe erlassen. So ist es auch in Linkes Film, dem die zweifellos interessante Frage zugrunde liegt: Wären Bootcamps auch in Deutschland vorstellbar?

Eher nicht, scheint Linke sagen zu wollen. Den sadistischen Aufseher und karrieregeilen Staatssekretär gibt es in seinem Film zwar auch, aber sie zählen am Ende zu den Verlierern. Das mag politisch korrekt sein, aber filmisch ist dies die mutlosere Variante. Denn ganz so abwegig erscheint die Vorstellung von Strafcamps auch wieder nicht. Immerhin konnte hier zu Lande ein Ronald Schill Innensenator von Hamburg werden, und der Ruf nach hartem Durchgreifen gehört zum Standardrepertoire der Boulevardmedien.

Im Mittelpunkt des Pro 7-„Thrillers“ steht der aufbrausende Alex, der von niemandem herumkommandiert werden will. Der Film beginnt mit der Szene, in der er mit einem Auto mitten in die Schalterhalle der Bank hineinrauscht, in der sein Vater arbeitet. Inszeniert ist das wie ein Musikvideo. Und so wirkt es ziemlich cool, wie Alex da den Wagen von Papa zurückbringt, mit dem er am Vorabend Mutter und Schwester vor einem Tobsuchtsanfall des Vaters gerettet hatte. Doch Alex landet im Knast. Jetzt kann er die Familie nicht mehr vor dem gewaltsamen Oberhaupt schützen. Doch das Familiendrama bleibt blass, Linke konzentriert sich auf die menschenunwürdige Behandlung im Bootcamp. Das gelingt ihm eindrucksvoll, auch dank Matthias Koeberlin und Natalia Wörner.

„Experiment Bootcamp“, 20 Uhr 15, Pro 7.

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