20 Jahre "Hörspielkino unterm Sternenhimmel" : Der Rest ist Schweigen

20 Jahre Radiokunst: Das „Hörspielkino unterm Sternenhimmel“ feiert Geburtstag und ist populärer denn je. Dabei wollte es anfangs kaum jemand haben.

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Geburtstag. Über 250 000 Besucher kamen seit 1995 zum Hörspielkino, Vorreiter für ähnliche Veranstaltungsreihen in Planetarien in ganz Deutschland.
Geburtstag. Über 250 000 Besucher kamen seit 1995 zum Hörspielkino, Vorreiter für ähnliche Veranstaltungsreihen in Planetarien in...Foto: RBB

Kultur-Redakteur Dr. Murke hat gut zu tun: Den Professor Bur-Malottke reut es, dass er in seinen Nachkriegsvorträgen Gott so eindeutig beim Wort genannt hat. Er will es jetzt unverbindlicher haben. Murke muss das Wort „Gott“ aus alten Sendebändern rausschneiden und dafür die Formel „jenes höhere Wesen, das wir verehren“ einkleben. Das überflüssige Wort „Gott“ findet in einem Hörspiel Verwendung, an Stellen, wo ursprünglich Schweigen vorgesehen war. „Dr. Murkes gesammeltes Schweigen“ ist eine der heiteren Geschichten Heinrich Bölls – und eine der beliebtesten beim „Hörspielkino unterm Sternenhimmel“. Die von Radio Eins veranstaltete Reihe feiert 20-jähriges Jubiläum.

Über das Programm des Rundfunk Berlin Brandenburg (RBB) wird ja gerne mal gelästert. Hierbei nicht. In die Sterne gucken, Augen schließen, gemeinsam stundenlang einem Hörspiel zuhören, schweigen – dass das eine Erfolgsgeschichte mit bislang über 250 000 Besuchern werden würde, konnte Lutz Oehmichen nicht ahnen, als er 1995 im Sender die Idee zum Hörspielkino-Event vortrug, lange bevor der Hörbuchboom ausbrach. „Es gab auch im damaligen ORB die Fraktion der Bedenkenträger, die sogar das Hörspiel im Radio in Gefahr sahen und beim damaligen Hörfunkdirektor Hirschfeld intervenierten“, erinnert sich der heutige Leiter Prozessmanagement und Nachrichten beim RBB. Hirschfeld glaubte an die Idee des gemeinschaftlichen Hörens mit Blick in die Sterne, genauso wie der damalige wissenschaftliche Leiter des Planetariums am Insulaner, Jochen Rose, der „mit Engelszungen“ seinen Vorstand von dem Projekt habe überzeugen müssen.

Manches ist anfangs gründlich schiefgegangen

Berlin blieb erst mal Vorreiter. Manches sei anfangs auch gründlich schiefgegangen. „Wir hatten Ende der 1990er Jahre“, so Oehmichen, „wegen einer möglichen Kooperation beim Bayerischen Rundfunk vorgesprochen. Man erklärte uns über eine Stunde lang detailliert, warum die Idee des Hörspielkinos überhaupt nicht funktionieren könne.“

Offenbar ein Irrtum. Wenn in diesen April- und Mai-Wochenenden anlässlich des Geburtstags Tausende zum Planetarium am Insulaner in Berlin-Schöneberg strömen, um „Dr. Murke“ und die anderen Publikumspreisgewinner der vergangenen Jahre zu hören („Der kleine Hobbit“, „Schloss Gripsholm“, „Mittsommermord“), dann hat das auch mit veränderten Rezeptionsgewohnheiten zu tun.

Neben dem „Hörspielkino unterm Sternenhimmel“ gibt es Dutzende ähnlicher Events wie den Hörspielsommer in Leipzig, die die Faszination des Mediums belegen. „Ein Grund dafür könnte sein, dass man in einer Welt der visuellen Reizüberflutung des Sehens etwas überdrüssig geworden ist“, sagt Nathalie Singer. Die Professorin für Medienkunst/Mediengestaltung an der Bauhaus-Universität Weimar stellt das auch bei ihren Studenten fest. „Es gibt in der digital überlasteten Welt diesen Wunsch nach Rückkehr zu einfachen und traditionellen Formen, den Wunsch nach Narration, auch nach analogen Erlebnissen. Dabei ist es cool, ist es hip, sich dem Akustischen hinzugeben.“

Rückkehr in den öffentlichen Raum

Das Radio wurde ja in den Anfangszeiten auch gemeinsam gehört. Während nun im digitalen Zeitalter das Radio immer individualisierter in Form von Nischenradio und Podcast rezipiert wird, lässt sich bei der Radiokunst, so Singer, eine umgekehrte Tendenz feststellen: eine Rückkehr in den öffentlichen Raum und zum kollektiven Erleben.

Erstaunlicherweise war das beim „Hörspielkino unterm Sternenhimmel“ zunächst ein eher weibliches Erleben. „Uns besuchten anfangs überwiegend an Krimis und Thrillern interessierte Frauen zwischen 25 und 45 Jahren“, sagt Oehmichen. Das habe sich bei den Männern rumgesprochen, die dann folgten. „Und zwar nicht nur wegen der mehrheitlich weiblichen Besucher, sondern auch wegen vieler Science-Fiction-Hörspiele, die eher bei Männern gut ankommen.“

Science-Fiction ist „Dr. Murke“ nicht, aber wenn am 1. Mai um 20 Uhr das Klassiker-Hörstück, unter anderem mit Hilmar Thate, unterm künstlichen Sternenhimmel des Planetariums wiederholt wird, kann eines zumindest nicht passieren: dass sich die Rasensprengeranlage einschaltet, wie beim Sommer-Open-Air-Hörspielkino im Schlossgarten Charlottenburg geschehen.

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