„2010! Menschen, Bilder, Emotionen“ : Günther Jauch und ein bisschen Freakshow

Von 2010 bleiben positive Dinge in Erinnerung: die Fußball-WM oder die Rettung der Bergarbeiter in Chile. Doch 2010 war ein Jahr, das auch Schrecken kannte: Erdbeben in Haiti oder die Love-Parade-Tragödie von Duisburg.

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Foto: dapd

Das Wir-Gefühl steigt hoch bei Jahresrückblicken. Schließlich haben wir da alle dieselbe Referenzebene: das Jahr, wie es sich in den Schlagzeilen abgebildet hat. Es ist wie bei einem Gespräch mit Fremden übers Wetter: wenigstens diese Erfahrung teilt man. Und wenn bei RTL noch unser aller Günther Jauch die Revue moderiert, live wohlgemerkt und mit dem üblichen verschmitzten Understatement, dann sind die Fernsehzuschauer, der Wohnzimmerisolation zum Trotz, ein kompaktes Millionen-Wir.

Was war los? Dumme Frage, Fußball natürlich. Torschützenkönig Thomas Müller war zugeschaltet und fand, die Spanier hätten den Titel verdient. Aber auch Fabian aus Laatzen bei Hannover hat was Großartiges geleistet, nämlich die ganze WM mit Legosteinen nachgestellt und zwar bewegt = animiert und auf Video aufgenommen, und Lukas Podolski, Philipp Lahm und Manuel Neuer, die da in Köln auf der Bühne vor einem Mega-Publikum neben Jauch saßen, mussten die Real-Entsprechung der Legotore rausfinden. Sie haben das toll gemeistert und zum Beispiel gesagt: Das war das zwei zu null gegen England durch Müller.

Aber das Jahr blieb nicht so verspielt und erfreulich wie dereinst in Südafrika. Es gab auch Thilo Sarrazin, den Mann, „der Deutschland spaltete“. Und jetzt sitzt der mürrische Autor vom „Buch des Jahres“ bei Jauch im Fauteuil und hat auf dessen Versuche, ihn ein bisschen zu provozieren und etwa zu fragen, welche Partei er wählen wird, nur diese abgehangenen „Ach, wissen Sie“ - Antworten parat. Da gibt Jauch auf, fragt aber abschließend, ob der Deutschland-Spalter Daniela Katzenberger kenne. Der verneint. Katzenberger, die nach ihm kommt, kennt indessen ihren Sarrazin. Sie hat sogar mal was aus seinem Buch vorgelesen. Auf sie folgt eine weitere Intelligenzbestie, Nikolaus Hildebrand, der mit vierzehn sein Abi gemacht hat. Er verkündet: „Schule ist schrecklich“. Darauf verwandelt er mittels eines chemischen Versuches Sprudelwasser in Cola und lacht wie Spongebob. Christian Horsters, der bei Youtube entdeckte „DJ der guten Laune“, lacht wie ein Panzerknacker und stürmt über die Bühne wie ein Bobtail auf Ecstasy.

Doch nicht nur komische Käuze bevölkerten die Show, auch zwei Überlebende der Duisburger Love-Parade, auch ernste Herren wie Bischof Stephan Ackermann, der Missbrauchsbeauftragte der Katholischen Kirche: „Wir müssen wahrhaftiger leben“. Außenminister Westerwelle, der forsch mit Jauch zu flirten versuchte, obwohl der ihn „Verlierer des Jahres“ tituliert hatte, gab zu, eine schwierige Zeit überstanden zu haben. Überhaupt offenbarte der Rückblick, dass 2010 so seinen Schrecken kannte: da waren die chilenischen Kumpels, die Verschütteten der 69 Tage, da waren das Erdbeben von Haiti und die Waldbrände von Russland, da war die Griechenlandkrise. Es geht natürlich immer darum, einen Überlebenden oder Zeugen dieser Katastrophen vor die Kamera zu kriegen, und RTL hatte es zuwege gebracht, den chilenischen Bergmann Mario Sepúlveda samt Frau nach Köln einzuladen. Da saß er, fein zurecht gemacht und gab zu, erneut in die Grube einfahren zu wollen. Jauch rettete den Humor, indem er Frau Sepúlveda ins Spiel brachte, mit der Mario zwar gesetzlich, aber noch nicht kirchlich verheiratet ist. „Aus der Sache kommen Sie nicht mehr raus“, mahnte Jauch den Bergmann und meinte die anstehende Trauung. Man dachte dabei aber an die 69 Tage im dunklen Bauch der Erde, und es war eine Spur unheimlich. Doch alle lachten – so laut und breit wie Ralf Schnoor, ein Hannoveraner Café-Betreiber, der bei Jauch der letzte Millionär gewesen ist. Mit diesem Gewinner hatte der Rückblick begonnen; man wollte wohl zeigen, dass auch der Sender RTL zu den Großereignissen von 2010 was beigetragen hat.

Günther Jauch war als Zirkusdirektor so alert und selbstironisch wie immer; mit Sarrazin und Westerwelle übte er vielleicht schon für seine künftige Talkmaster-Tätigkeit im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Bei den Kickern war er erkennbar mehr in seinem Element, auch mit dem hochbegabten Hildebrand kam er gut zurecht, wie überhaupt die Veranstaltung, wenn sie ein Stück in Richtung Freakshow driftete, seinen subversiven Witz hervorlockte. Wird er so was noch machen, wenn er erst im Ersten talkt? Aber was soll sein, ein Mann wird älter. Mit den Jahren, so heißt es, streben TV-Moderatoren ganz von selbst nach Seriosität. Eigentlich hat Jauch das nicht nötig, weil er immer auch ein ernster TV-Mann war. Er hat aber eben eine andere Seite, das verschmitzte Understatement, und um das wäre es schade.

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