25 Jahre "Mitternachtsspitzen" im WDR : „Mein Vorbild ist der Blaue Bock“

Kabarettist Jürgen Becker über Humor in Wahlkampfzeiten, 25 Jahre „Mitternachtsspitzen“ und andere TV-Dinosaurier.

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Herr Becker, Sie haben einen Tag vor der Bundestagswahl einen tollen Sendetermin für die Jubiläumssendung. Auf welche Wahlempfehlung darf man sich freuen?
Wir dürfen keine Empfehlung geben. Es ist ja auch langweilig, wenn jeder sagt, was er wählt.
Wie ergiebig war der Wahlkampf für Kabarettisten?
Der hat nicht viel hergegeben. Angela Merkel macht es wie Helmut Kohl, es herrscht Stillstand, alle sind zufrieden. Da muss man sehr ackern. Unter Rot-Grün war es interessanter, da gab es gesellschaftliche Umbrüche, Hartz IV, den Jugoslawien-Krieg. Das konnte man gut kommentieren.
Mit 25 Jahren sind die „Mitternachtsspitzen“ eine Art Fernseh-Dinosaurier.
Ich glaube, man hat uns einfach vergessen abzusetzen. Die Quoten waren gut, manchmal auch sehr gut. Dann läuft das weiter, und plötzlich ist ein Vierteljahrhundert rum. Das kann passieren im deutschen Fernsehen. Früher haben wir darauf geachtet, dass wir nicht gegen „Wetten, dass?“ senden. Heute freuen wir uns, wenn im ZDF „Wetten, dass?“ läuft. Das tut der Quote keinen Abbruch mehr.

Wie viele Zuschauer haben Sie?
Eine Million haben wir eigentlich immer. Die eine Hälfte ist aus Nordrhein-Westfalen, die andere Hälfte ist bundesweit verteilt. Es gab oft Bestrebungen, die „Mitternachtsspitzen“ ins Erste Programm zu ziehen. Dagegen haben wir uns immer widersetzt. Dann würden alle Rundfunkanstalten reinreden, jetzt tut das nur eine. Das hat uns ein langes Leben beschert, und der WDR lässt uns alle Freiheiten.
Das Fernsehen kämpft um jüngeres Publikum. Sie auch?
Ja, aber ich bin da gelassen. Als ich jung war, habe ich auch kein Kabarett geguckt. Ich fand Otto Waalkes super oder Tegtmeier - was man heute als Comedy bezeichnet. Irgendwann habe ich das Kabarett entdeckt, und ich glaube, das ist heute noch genauso. Kabarett ist einfach keine Jugenddisziplin. Die Jugend hat eigene Formen, und das ist auch gut so.
Ein Conferencier, einige Gäste, ein paar Parodien – ist dieses Konzept noch zeitgemäß?
Wir unterscheiden uns von den meisten Sendungen dadurch, dass der Eigenanteil sehr hoch ist. Wir haben gesagt: Gäste einladen kann jeder, wir müssen selbst etwas machen. Kolumnen wie „Uli aus Deppendorf“ und der „Heimathirsch“, das Interview mit Politikern, Paare wie „Per und Teer“ - das macht die Sendung aus. Damit fahren wir ganz gut.
Also liegen die „Mitternachtsspitzen“ irgendwo zwischen Kabarett und Comedy?
Ich würde diese Grenze nicht ziehen. Es ist einfach entscheidend, dass es ein bunter Abend wird. Kabarettsendungen waren früher so distinguiert. Es gab runde Tische, die Leute tranken Sekt oder Wein. Die Salonsozialisten trafen sich in gediegenem Umfeld. Das mochte ich nie. Mein Vorbild ist eher der „Blaue Bock“, die Richtung Volkstheater, Biertische, eine hemdsärmeligere Atmosphäre. Dass man trotz der Schwere der Themen eine lebensbejahende Grundatmosphäre schafft.
Das geht in Köln auch gar nicht anders.
Genau. Der „Blaue Bock“ war zwar spießig, aber mit Liebe gemacht. Heinz Schenk könnte so eine Art Vorläufer von Wilfried Schmickler gewesen sein. Der dreht das jetzt auf politisch.
Zwischendurch traute sich das Fernsehen kaum noch, Kabarett zu senden. Hat sich daran grundsätzlich etwas geändert?
Ich habe nicht das Gefühl, aber im Moment gibt es eine Phase, in der viel Kabarett und Satire gesendet wird. Zum Beispiel vom Bayerischen Rundfunk. Das ist übrigens auch kein Zufall, dass immer die katholisch geprägten Länder Vorreiter sind, weil die das vom Karneval her gewöhnt sind. Es gibt auch in evangelisch geprägten Gegenden viel weniger Kabarettbühnen.
Die Protestanten lachen weniger?
Doch die lachen schon gerne, nur sie veranstalten es nicht. Niedersachsen zum Beispiel ist mit Kabarettbühnen sehr dünn besiedelt. Schleswig-Holstein auch, da kannst du kaum spielen.
Hat im Fernsehen nicht auch der Erfolg der „Heute-Show“ einiges verändert?
Ja, die „Heute-Show“ war auf jeden Fall ein Sprung nach vorne. Sie ist teuer, aber gut. Die haben viele Rechercheure, die rund um die Uhr fernsehgucken und Schnipsel raussuchen. Das könnten wir gar nicht leisten. Bei uns sitzen bei der Vorbereitung im Wesentlichen die am Tisch, die auch auf der Bühne zu sehen sind. Das ist handgemacht, da steht kein Riesen-Team dahinter.

Der BR inszeniert „Die Klugscheißer“ als Politikberatungsagentur, im ZDF gibt es die psychiatrische „Anstalt“. Was halten Sie von solchen spielerischen, gescripteten Konzepten?
Becker: Die „Anstalt“ ist auch ein Schritt in die Richtung, in die wir gegangen sind, Richtung Volkstheater, hin zur Spielfreude und auch zum Albernen. Das Recht auf Albernheit, das musste man sich im Kabarett ja zurück erkämpfen. Sonst hätte es Comedy gar nicht gegeben. Insofern mag ich die „Anstalt“ sehr gerne.
Welchen Ehrgeiz haben Sie noch?
Becker: Ach, ich habe eigentlich keinen Ehrgeiz. Ich bin kein Freund von großen Hypes, ich mag auch keine großen Hallen bespielen. Wenn etwas gut funktioniert und lange schön läuft, macht mir das persönlich Freude. Wir haben immer darauf geachtet, dass das Arbeiten entspannend ist und ich keinen Herzinfarkt bekomme. Es geht weiter, weil die „Mitternachtsspitzen“ immer auch eine kleine Party sind.

„Mitternachtsspitzen“, WDR, Samstag, 21 Uhr 45

Jürgen Becker, 54, ist seit 1992 Gastgeber der Kabarettsendung „Mitternachtsspitzen“, die am heutigen Samstag ihr 25-jähriges Bestehen feiert. Mit Becker sprach Thomas Gehringer.

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