Abgedrehte Metropole : So viel Mühe, so viel Enttäuschung

24 Stunden Berlin in Echtzeit: Das ungewöhnliche Fernsehprojekt von RBB und Arte zwängt Hauptstadt und Hauptstädter ins Doku-Soap-Raster.

Christiane Peitz
Wowereit
Klaus Wowereit mit Presse am Drehtag von "24h Berlin". -Foto: RBB

Samstag wird der Tag der Superlative. 24 Stunden dauert der Film, der ab sechs Uhr morgens vom RBB und von Arte ausgestrahlt wird, 1440 Minuten Fernsehen nonstop bis Sonntag früh, ohne Sandmännchen, ohne Wetterbericht und mit ausgelagerter „Abendschau“. Zwei Jahre Arbeit stecken dahinter, 80 Drehteams waren am Freitag, den 5. September 2008 in Berlin unterwegs, insgesamt 400 Menschen, darunter die Regisseure Romuald Karmakar, Volker Koepp, Rosa von Praunheim und Andres Veiel sowie die Kameramänner Frank Griebe, Benedict Neuenfels und Thomas Plenert. Zehn Monate machten sich die Cutter ans Werk, zuletzt belegte ein zehnköpfiges Team rund um die Uhr die Schneideräume, um 750 Stunden Berlinbilder zu sichten. Teamwork für ein Gesamtkunstwerk: Kein Mensch hat das gesamte Material gesehen, nicht mal die federführenden Ideengeber von ZeroFilm, der Dokumentarfilmer Volker Heise und Produzent Thomas Kufus.

24 Stunden Berlin in Echtzeit, „authentisch und ungeschminkt“, versprechen die Sender, eine Vorstellung von Berlins „maximaler Verschiedenheit auf engstem Raum“ die Zero-Filmer. Berlin komplett in einem Film, das gab’s noch nie in dieser Größenordnung, nicht in Walther Ruttmanns „Symphonie der Großstadt“, auch nicht in Fassbinders 15-Stunden-Verfilmung von Döblins „Alexanderplatz“-Roman. Weil an jenem Freitag vor einem Jahr außerdem Dutzende Fotografen und Schriftsteller ausschwärmten, wird das TV-Ereignis von einer Marathon-Lesung und einer Ausstellungseröffnung flankiert. Event ist gar kein Ausdruck.

Es beginnt, nun ja, erwartungsgemäß. Die Sonne geht auf, Menschen rappeln sich aus ihren Betten hoch, ein Fernsehjournalist rasiert sich, eine U-Bahn-Fahrerin tritt den Dienst im Betriebsbahnhof Olympiastadion an, die Müllmänner rücken aus, im „Cookies“ lümmeln die letzten Nachtschwärmer. „Über die Autobahn fließen Menschen und Waren in die Stadt“, verrät die Off-Stimme. Und wartet nach kaum 20 Minuten mit dem poetischen Satz auf, dass die Stadt „den Entwurzelten eine Heimat schenkt und den Durchreisenden ein Quartier“. Einer der Müllmänner schmiert sich Arbeitscreme auf die Hände.

Maximale Verschiedenheit? Die Casting-Crew hat ganze Arbeit geleistet. Neben diversen Promis wie Dirigent Daniel Barenboim, dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit oder „Bild“-Chef Kai Diekmann wird der Zuschauer einen jüdischen Talmud-Schüler und einen türkischen Rapper kennenlernen, eine Rentnerin aus Schöneberg und ein schwarzes Schulmädchen aus dem Wedding. Ob Junkie, Sternekoch, Mitte-Galerist, Abschleppwagenfahrer, Hartz-IV-Empfängerin, Unternehmerin, Fließbandarbeiterin, Polizei, Klinikpersonal, Schwule, Roma, Russlanddeutsche, Rechtsextreme – für jeden Typ ist was dabei.

Der Alltag, das Normale, darum geht es „24h Berlin“. Also erlebt man nicht nur eine Eheschließung, eine Geburt und eine Herzoperation, sondern auch den morgendlichen Streit zwischen Mutter und Sohn um den Nintendo, Opernprobe, Trommelstunde, Nachbarszwist, Speed-Dating, den Gemüseeinkauf fürs Abendessen und das dröge Warten am Taxistand. Der Zuschauer ist beim Fastenbrechen einer muslimischen Familie zu Gast, im Callcenter, im Krematorium, in der Großbäckerei, der „Bild“-Redaktion und der Telefonseelsorge. Berlin im repräsentativen, multisoziokulturellen, politisch hyperkorrekten Querschnitt.

Eben das erweist sich als das Riesenproblem des Mammutunternehmens. Eine Metropole tickt simultan, Film jedoch nicht. 80 Kameras können gleichzeitig filmen, unsere Augen können aber nicht 80 Filme gleichzeitig wahrnehmen. Also wechselt der Schauplatz alle paar Sekunden. Berlins unendliche Vielfalt der Gangarten, Tonarten, Lebensarten werden einem standardisierten Rhythmus unterworfen – dem Staccato der TV-Einheitsformate. Zappen ohne Fernbedienung: Alle 20, wahlweise 30 Minuten fängt gewissermaßen die nächste Folge der Dauerserie an, mit immergleichen Titelzeichnungen, gefälliger Layout-Musik, Wetteransage und Vogelperspektive. Berlin für Touristen, ein penetranter Werbe-Jingle in eigener Sache. Läppische Straßentalks und eingesandte Videos sorgen für weitere Ablenkung, als garantierten die 1440 Minutenschnipsel nicht ohnehin permanente Zerstreuung. Und alle fünf Minuten (spätestens!) werden Protagonisten und Schauplätze erneut erläutert, für alle, die gerade erst einschalten. Die anderen, die Langzeitgucker, leiden unter dem Terror des Wiederholungszwangs.

Daniel Barenboim probt am Vormittag in der Staatsoper mit Rolando Villazon und Roman Trekel eine Passage aus Tschaikowskys Oper „Eugen Onegin“. Es geht um Forte und Piano, um die Lautstärke der Emotionen. Barenboim erklärt den Sängern das Seelenleben ihrer Figuren, das ist interessant. Wie die beiden die Erklärung umsetzen, wie ihr Duett sich verändert, bekommt der längst wieder woandershin gezerrte Zuschauer nicht mehr zu hören. Dabei hätte es höchstens zwei Minuten gekostet. Am frühen Abend geschieht das Gleiche im Studio des chilenischen Star-DJ Ricardo Villalobos. Er bereitet die Nacht im „Berghain“ vor, hört in die Platten rein, checkt die Qualität von Sound und Musik. Zu gerne würde man mit Regisseur Romuald Karmakar (der nächste Woche eine längere Villalobos-Doku auf dem Filmfest Venedig vorstellt) im Studio weiterverfolgen, wie der DJ die Platten zusammenstellt und seine Clubnacht komponiert. Aber es geht ja ums große Ganze, da bleibt keine Zeit für das Eigentliche.

Oder das Hochzeitspaar am frühen Nachmittag. Der Bräutigam findet es schrecklich, wie die Braut von der Stylistin zur Schaufensterpuppe zurechtgeschminkt wird, es gibt Streit. Wenig später hat man sich wieder versöhnt. Wie der Disput verlaufen ist, bleibt jedoch ein Geheimnis, denn „24h Berlin“ lässt sich nicht aus dem kurzatmigen Takt bringen und präsentiert lieber noch schnell Auszüge aus der Scheidungsstatistik.

Oder der Junkie, der den „Straßenfeger“ verkauft: Stundenlang steht er vor dem Bahnhof und preist vergeblich die Zeitung an. Wer davon zehn, zwanzig Sekunden sieht, bekommt nicht mal die leiseste Ahnung davon, was es heißt, sich als zittriger Heroinsüchtiger für ein paar Euro vergeblich die Beine in den Bauch zu stehen.

Erkenntnis, auch Neugier, braucht Geduld. „24h Berlin“ bietet das Gegenteil: die in bits und pieces zerstückelte Stadt, den durchformatierten Tag. Was den Film zusammenhält, ist einzig die Off-Stimme, die mengenweise Berlin-Zahlen (147 Museen, 5000 Strafgefangene, 7000 Journalisten, 350 Diskotheken, 900 Bordelle etc. etc.) verkündet und derart viele Binsenweisheiten von sich gibt, dass einen der Verdacht beschleicht, die Sender hätten ein entweder restlos verblödetes oder außerirdisches Publikum im Sinn. Neukölln ist eine multikulturelle Hochburg, die Neonazis sind ausländerfeindlich, im Kanzleramt regiert die Große Koalition – für Marsianer mögen das aufschlussreiche Informationen sein.

Wenn „Bild“-Chef Kai Diekmann über die Schlagzeile des Tages nachdenkt, assistiert „24h Berlin“ mit reißerischem Pathos: „Die ganze Welt in einem Satz“. Immerhin dürfen Andres Veiels Beobachtungen in der Springer-Redaktion kurz aus dem Sekundentakt kommen. Diekmann dreht den Spieß nämlich um, filmt den Dokumentaristen mit seinem eigenen Fotohandy, fragt ungeduldig zurück und entlockt ausgerechnet dem allzeit kritischen Veiel Sympathiebekundungen. Der Macher Diekmann und sein aggressiver, vereinnahmender, intelligenter Boulevardjournalismus: Das Bild blitzt auf. Aber nur, weil die Szene ausnahmsweise eine Minute länger sein darf.

Veiel, Koepp und die anderen, das sind lauter tolle Regisseure. Aber ihre Handschriften fallen dem digital glattgebügelten Einheitslook zum Opfer. Die lebenslustige Leslie aus dem Callcenter, die tapfere, an Parkinson leidende alte Dame, die resolute Pflegerin, die coolen Rapper, das sind lauter tolle Leute. Aber sie werden auf Schnittmaterial zurechtgestutzt, auf Demonstrationsobjekte für Dinge, die jeder halbwegs informierte Zuschauer eh weiß. Auch wenn manche Koinzidenz, mancher Zufallsfund (die Arbeitscreme des Müllmanns!) für aufschlussreiche oder berührende Momente sorgt, vor allem in den langsameren späten Nachtstunden: Man kommt den Menschen nicht nahe. Operation gelungen, Patient tot.

RBB und Arte sind stolz darauf, dass sie ihr Programm abgeräumt haben für „24h Berlin“. „Nicht im Raster, sondern mit dem Raster spielen“, wollte Volker Heise. Aber das Fernsehen hat sein Format nicht gesprengt, sondern umgekehrt ganz Berlin ins Doku-Soap-Raster gezwängt. Auch auf die „Abendschau“ braucht übrigens keiner zu verzichten, denn ein Großteil der Stunde zwischen 19 und 20 Uhr ist rund um die vor Publikum open air ausgestrahlte Nachrichtensendung arrangiert. Kaum tritt Moderatorin Cathrin Böhme vors Mikro, lauscht alle Welt, von Wowereit im Dienstwagen bis zur Rentnerin. Da kippt der Hype in die Hybris: Die Millionenmetropole schrumpft zur PR-Kulisse für den kleinen Regionalsender.

Berlin, die Stadt, die man immer verpasst? Nein, sie ist bloß mehr als die Summe ihrer Teile.

IM FERNSEHEN

Am 5. September, strahlen der RBB und Arte die Dokumentation „24h Berlin“von Samstag, sechs Uhr, bis Sonntag, sechs Uhr, aus. Dafür wird die komplette Programmfläche frei geräumt. Die „Abendschau“ läuft für Berliner Zuschauer an diesem Tag um 19 Uhr 30 auf den MDR-Frequenzen und als Live-Stream im Netz.

IM INTERNET

„24h“ wird ebenfalls als Live-Stream auf www.rbb-online.de und www.arte.tv gezeigt und ist auf diesen Websites sieben Tage lang abrufbar.

REPLAY 

Der RBB wiederholt die Dokumentation ab Sonntag spätabends (23 Uhr 30) täglich in sechs vierstündigen Teilen.

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