Ärger um Kabarettisten Serdar Somuncu : Der schmale Grat

Ein öffentlich-rechtlicher Sender als "Keimzelle des Faschismus"? Serdar Somuncu, der WDR und eine neue Diskussion um Zensur und Satirefreiheit.

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Haut es raus.  Kabarettist Serdar Somuncu nimmt in der ZDF-„heute-show“, seinem n-tv-Talk oder auch in der „Blauen Stunde“ bei Radio Eins kein Blatt vor den Mund.
Haut es raus : Kabarettist Serdar Somuncu nimmt in der ZDF-„heute-show“ und anderen Sendungen kein Blatt vor den Mund.Foto: Thilo Rückeis

Erdogan vs. Jan Böhmermann, „Zeit“-Redakteure vs. „Die Anstalt“ – TV-Satiriker vor Gericht, die Sache hat Konjunktur. Mit WDR vs. Serdar Somuncu steht der nächste Fall an, wobei die Geschichte verzwickter ist als bei Böhmermanns Schmähkritik. Auch deswegen, weil der Anlass länger zurückliegt, via Youtube ans Licht gekommen ist.

Somuncu, bekannt aus der ZDF-„heute-show“, hatte sich im August 2015 in einer Podiumsdiskussion der Körber-Stiftung über TV-Auftritte ausgelassen, die der Kabarettist in den vergangenen Jahren absolviert hat. Er sagte, dass er fast bei jedem einzelnen Auftritt zensiert worden sei. Enttäuscht zeigte er sich von Kollegen, die ihn nie in Schutz genommen hätten. Somuncu zählte die „schlimmsten Knallchargen“ auf, neben Thomas Hermanns vom „Quatsch Comedy Club“ wird eine WDR-Redakteurin namentlich genannt. Die Redaktion des Senders „richte Leute hin“. „Diese Arschlöcher nehmen sich raus, uns im Namen der Gebührenzahler zu zensieren. Das war für mich die Keimzelle des Faschismus.“

Bumm. Die Zensur-Keule, das ließ der WDR nicht auf sich sitzen. Am Dienstag wurde bekannt, dass die WDR-Redakteurin, Abteilung Fernsehunterhaltung, die von Somuncus Rundumschlag per Zufall Kenntnis bekommen hatte, einen Anwalt beauftragt hat; er soll auf zivilrechtlichem Weg gegenüber Somuncu eine Unterlassung durchsetzen, mit dem Ziel, dass Somuncu diese Äußerungen nicht wiederholt.

Der WDR hat der Redakteurin Rechtsbeistand zugesichert. Zugleich hatte der Anwalt die Körber-Stiftung aufgefordert, die inkriminierten Passagen der Veranstaltung von der Homepage der Stiftung zu entfernen. Das ist in redaktioneller Verantwortung der Stiftung passiert. Diese hatte die Aufzeichnung der Veranstaltung vom August 2015 im Juli 2016 bei Youtube hochgeladen.

„Im WDR gibt es keine Zensur."

Zu den Zensur-Vorwürfen des Comedians sagte WDR-Sprecherin Ingrid Schmitz dem Tagesspiegel: „Im WDR gibt es keine Zensur. Genauso wenig wie in anderen Sendern oder Zeitungen unseres Landes. Es gibt redaktionelle Abnahmen nach unseren Programmgrundsätzen. Wer das als Zensur bezeichnet, setzt unsere Medienlandschaft mit derer totalitärer Staaten gleich.“

Serdar Somuncu hat auch später mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg gehalten. In einer Sendung des Uniradios kölncampus am 2. Februar 2016 hat er die WDR-Redakteurin mit weiteren Beleidigungen überzogen. Auch hier ist ihr Anwalt tätig geworden.

Somuncu selbst sagte dem Online-Nachrichtenportal Tag24: „Es ist bezeichnend für das Selbstverständnis und die mangelnde Kritikfähigkeit einer gebührenfinanzierten Anstalt, sich unbequemen Wahrheiten nicht stellen zu wollen.“ Erst recht nicht dürfe man sich davon einschüchtern lassen. Mittlerweile sei das Video von einem aufmerksamen Menschen kopiert und wieder hochgeladen worden. So funktioniert Demokratie!“

Seinem konkreten Zensur-Ärger über den WDR lag ein Auftritt in „Pussy Terror“, der Show mit Carolin Kebekus, zugrunde. Wie branchenintern zu hören ist, habe die WDR-Redakteurin das circa fünfminütige Stand-up mit Somuncu auf eine Minute gekürzt. Darauf hätte Somuncu ganz auf seine Mitwirkung verzichtet. Das hätte die Redakteurin nicht akzeptiert und darauf bestanden, das aus Sicht des Künstlers verstümmelte Werk zu senden.

Was ist das? Zensur? Korrektes Verhalten einer Redaktion? Auf jeden Fall eine neue Diskussion über Meinungs- und Satirefreiheit. Der Vorgang wirft ein Licht auf eine grundsätzliche Frage, auf andere Sender, auf die schwierige Gemengelage zwischen künstlerischer Freiheit, Zensur und öffentlich-rechtlicher Verantwortung. TV-Satire wird ja immer schärfer, ist, immer mehr, ein schmaler (Klage-)Grat. Da kann man schon mal abrutschen, danebenliegen, siehe den Fall Böhmermann/Erdogan.

Zur Frage, ob „heute-show“, „Die Anstalt“ oder das „Neo Magazin Royale“ nach Aufzeichnung abgenommen werden, sagte ein ZDF-Sprecher: „Jede ZDF-Satiresendung wird von einem verantwortlichen ZDF-Redakteur abgenommen.“ Bis heute ist allerdings nicht klar, wie jene Schmähkritik Böhmermanns überhaupt auf den ZDF-Bildschirm kommen konnte. Angeblich wurde die entsprechende „Neo Magazin Royale“-Ausgabe erst von einem Redakteur abgenommen, aber nach Ausstrahlung (und sofortiger Diskussion über Böhmermanns Erdogan-Schmäh) seitens des Programmdirektors Norbert Himmler wiederum für nicht sendefähig erklärt. Ganz schön verwirrend. Das Satire-Fernsehen wird die Gerichte weiter beschäftigen.

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