Medien : Alles Lüge

Reinhard Siemes

VORSICHT! WERBUNG

Immer wenn ich mir vorwerfen lassen muss, die Werbung verbreite nichts als Lügen, verweise ich auf das tägliche Leben. Die Dame, die sich fürs Theater aufbrezelt, lügt genauso wie der Knabe, der sich für seine junge Liebe das Haar wäscht und die Fingernägel säubert. In Wahrheit läuft die Theatergängerin zu Hause rum wie ihre Putzfrau, nur schlampiger. Und der Knabe trägt an neun von zehn Tagen einen Fettkopf und Trauerränder unter den Fingernägeln.

Solche Lügen in der Werbung will der EU- Kommissar David Byrne jetzt unterbinden. Betroffen sind Red Bull, Haribo, Joghurt, Fleisch, Husten-Bonbons und vieles andere mehr. Laut Byrne ist der Werbespruch „Haribo macht Kinder froh und Erwachsene ebenso“ ähnlich unwahr wie der Claim „Red Bull verleiht Flügel“. Diese Produktversprechungen seien allesamt nicht wissenschaftlich nachweisbar, sagt er. Da ist was Wahres dran. Aber wo fängt die Unwahrheit an? Und wo hört sie auf?

Jede Frau, die sich hat liften lassen, ist als solche eine glatte Lüge. Renovierte Hausfassaden machen den Menschen Prosperität vor. Furcht erregende Typen auf ihrer Harley bekommen zu Hause von ihrer Madame das Nudelholz zu spüren – nachdem sie vorher den Helm abgenommen haben. Und ich selbst ziehe in meiner Eckkneipe immer feines Tuch an, obwohl ich wie ein Penner im grauen Bademantel frühstücke.

Aber ausgerechnet der harmlosen Werbung für Fruchtgummis oder Energie-Drinks soll der Schein vor dem Sein verboten werden. Jedes Berliner Lokal, das leckeren Schweinebraten anbietet, bewegt sich demzufolge im Bereich der Unwahrheit. Mag das Zeug im Moment auch wunderbar schmecken – in Wahrheit macht es dick. Umso mehr, wenn Sie ein kühles Bierchen dazu trinken. Also müsste frei nach Herrn Byrne auf jeder Speisekarte stehen: „Vorsicht, Schweinebraten kann zur Verfettung führen!“ Schokolade macht zwar erwiesenermaßen glücklich, geht aber auch mächtig auf die Wampe. Mountainbikes bergen eine gewaltige Unfallgefahr. Schnittblumen sind Mord an der Natur. Waschmaschinen verbrauchen kostbare Energie. PCs und Handys dienen zwar der Verständigung, enthalten zugleich aber ein unkontrollierbares Suchtpotenzial. Der Teenie darf zwar sagen, mein neues Handy ist gigageil. Doch sobald die Werbung diese Beurteilung aufgreift, steht Herr Byrne auf der Matte und sagt: „Hallo, liebe Nokias oder Siemens, das weist uns in Brüssel gefälligst erst einmal nach.

Was für ein verklemmtes Bürokratentum. Gönnt Herr Byrne anderen Menschen etwa keine Freude, weil er sie selbst nur noch bei Durchsicht seiner Akten empfinden kann? Reinhard Siemes

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