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„Die Spielwütigen“: Andres Veiel zeigt vier junge Menschen auf dem Weg zum Traumberuf

Eckart Lottmann

Sie schreien auf, schlagen die Hände vors Gesicht, weinen, andere sitzen regungslos da, mit einem ungläubigen, freudigen Gesicht. Die jungen Leute haben gerade erfahren, dass sie die Aufnahmeprüfung der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ bestanden haben. Jedes Jahr bewerben sich mehrere tausend junge Leute an Schauspielschulen wie der „Ernst Busch“, nur ein paar Dutzend werden genommen. Regisseur Andres Veiel beobachtet vier von ihnen über einen Zeitraum von sieben Jahren. Entstanden ist ein wunderbarer Dokumentarfilm: Constanze, Karina, Stephanie und Prodromos erkämpfen sich ihren Traum vom Schauspielen. Andres Veiel fängt ein, wie sie mit den Aufgaben und Provokationen der Schauspiel-Dozenten fertig werden, mit Mutlosigkeit und Selbstzweifeln, mit den ersten Engagements nach der erfolgreichen Abschlussprüfung.

Stephanie Stremler hat am härtesten zu kämpfen. Sie wird zunächst abgelehnt. Ihre Art zu sprechen, sich zu bewegen gefällt den Juroren nicht. Stephanie bewirbt sich weiterhin, ein Jahr später schafft sie es doch auf die Hochschule „Ernst Busch“. Sie scheint in diesem Film lange die Scheiternde zu sein, und ist doch die, die schließlich neben dem beruflichen auch ihr privates Glück macht.

Prodromos Antoniadis ist ebenfalls einer, der nicht so recht ins Schema passt. Er ist mit der Art, wie hier unterrichtet wird, oft nicht einverstanden, hat zu vielem seine eigenen Ansichten. Prodromos besteht eine Prüfung nicht, läuft Gefahr, von der Schule zu fliegen. „Geht es darum, jemanden zu brechen?“ fragt er. Karina hat Angst vor dem, was auf eine Relegation folgt. Sie kennt Studenten, die von der HfS „gegangen worden sind“, sie „schwanken heute noch, was sollen sie mit ihrem Leben anfangen?“

Das Schauspielen ist das Leben dieser „Spielwütigen“. Sie geben viel von sich her, deshalb empfinden sie Kritik schnell als persönlich, als Ablehnung der eigenen Persönlichkeit. Veiels Verdienst ist es, die Reaktionen seiner Protagonisten ohne falsche Sentimentalität zu zeigen. Der Film hätte ein pädagogisches Lehrstück werden können, eine Art Entwicklungsroman voller Pathos und Gefühle. Doch Veiels Ansatz ist ein anderer: Hier lernen junge Erwachsene einen künstlerischen Beruf, der viel von ihnen verlangt. Als Dokumentaristen interessiert ihn, was da genau passiert, und wie die Menschen auf die Ereignisse reagieren. Sorgfältig durchkomponiert, ist das in jeder der 101 Minuten spannend.

Veiel entschied sich nach vielen Vorab-Drehs mit anderen möglichen Protagonisten für die vier, die letztlich ihr Ziel erreichen. Etwas aus dem Blick geraten dabei die vielen, die von den Schauspielschulen abgelehnt werden, und die, die nach der Ausbildung kaum Möglichkeiten finden, in ihrem Beruf zu arbeiten. Das thematisch mit aufzugreifen, hätte wohl den Rahmen dieses Dokumentarfilms gesprengt. Ein leichtes Unbehagen bleibt, weil die Erfolgsgeschichten der „Spielwütigen“ Gemeinplätze wie den, dass sich wirkliches Talent eben immer durchsetze, zu bestätigen scheinen.

Dennoch: Das sieben Jahre dauernde Projekt ist ein glücklicher Ausnahmefall für das deutsche Fernsehen, und das ZDF ist – zu Recht – stolz darauf. 1997 noch von der bald aufgelösten Theaterredaktion des ZDF begonnen, wechselte das Filmprojekt zu Heike Hempel, im ZDF zuständig für die Bereiche „Fernsehfilm II“ und das „Kleine Fernsehspiel“. Nur durch das ZDF, also ohne die Beiträge verschiedener Filmförderungen (auch des Medienboards Berlin-Brandenburg) wäre der Film mit seinen hundert Drehtagen nicht zu finanzieren gewesen. Das Risiko wurde belohnt, „Die Spielwütigen“ gewann mehrere wichtige Dokumentarfilmpreise und erreichte im Kino immerhin über 80 000 Zuschauer.

Das ZDF sendet den Film trotzdem zu nachtschlafener Zeit. Heike Hempel begründet das mit den Zuschauererwartungen: Die möchten zur Prime-Zeit, angeblich, keinen langen Dokumentarfilm. Ein gelungenes „Kleines Fernsehspiel“ konnte Hempel schon mal auf einen 20-Uhr-15-Sendeplatz hieven – dem Dokumentarfilm trauen die ZDF-Hierarchen offenbar keine annehmbaren Quoten zu. Auf die vorderen Sendeplätze kommen allenfalls die dramatisch kommentierten und mundgerecht zubereiteten Dokus wie die aus der Geschichtsredaktion von Guido Knopp.

Andres Veiel, von Heike Hempel als der „bekannteste und mit den meisten Preisen ausgezeichnete Dokumentarist Deutschlands“ vorgestellt, bereitet derzeit mit „Vesper Ensslin Baader“ einen Spielfilm vor. Als Abwendung vom Dokumentarfilm will Veiel das aber nicht verstanden wissen – er halte eben konkret für dieses Thema den Spielfilm für das angemessene Medium. Veiel interessiert sich für Lebensverhältnisse, für Ansprüche, Sehnsüchte. In diesem Land, zu verschiedenen historischen Epochen. „Die Spielwütigen“ war ein Gegenwarts-Projekt. Und ist schon wieder Geschichte.

„Die Spielwütigen“, Mittwoch, ZDF, 23 Uhr 15 im ZDF

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