Medien : Am utopischen Stammtisch

Wie lange gibt es das Feuilleton noch? Kulturjournalisten machen sich Sorgen

Bodo Mrozek

Wer das Haus des Deutschlandradios betritt, schrickt erst einmal zusammen. Im Fahrstuhl wählt man nicht wie üblich zwischen Stockwerken, mit Aufnahmestudio, Raucherflur oder Kantine, nein, hier muss man sich für deutsche Geschichte entscheiden. Laut Schildchen neben den Etagenknöpfen wohnt im ersten Stock die Republik von Weimar, im dritten die von Bonn. Im zweiten will man lieber nicht aussteigen: Da sind die dunklen Jahre 33-45 untergebracht. Es ist zwar nur ein Rundgang zur Geschichte des Gebäudes. Trotzdem atmet man auf, als die Fahrt ganz nach oben, in die Gegenwart führt.

Im Konferenzsaal „Dresden“ geht es auch um die Zukunft, genauer: um die des Feuilletons. Schon vor einem Jahr hatte die Bundeskulturstiftung in die schrumpfende Stadt Halle an der Saale eingeladen, die „Krise“ des Kulturjournalismus zu betrauern. Und auch am vergangenen Freitag in Berlin ist es um die Krise gegangen.

Mit dem Feuilleton, so Franziska Augstein („Süddeutsche Zeitung“), sei es wie mit einer ehebrecherischen Liebschaft. Früher verführte es einmal mit Charme, Witz und Originalität. Heute aber laufe es im ausgeleierten Trainingsanzug herum. „Es ist nicht lustig, es will nur noch witzig sein.“ Der Kulturjournalismus sei heute Opfer seiner eigenen Erfindung: des politischen Feuilletons. Was einst innovativ war, so die politische Feuilletonistin, ist heute beliebig. Denn alles ist irgendwie Kultur: Esskultur, Streitkultur, Wohnkultur. Diese Beliebigkeit habe dazu geführt, dass sich das Feuilleton auch für alles zuständig fühle. Knallt in Nordafrika eine Bombe, so könne man am Tage drauf im Kulturteil dreihundert Zeilen darüber lesen, dass der Mittelmeerraum schon vor 2000 Jahren ein Unruheherd war. Jens Jessen („Die Zeit“) gibt dem klassischen Feuilleton als „utopischem Stammtisch“ da noch höchstens zwanzig Jahre bis zu seiner Abschaffung.

Die Schuldigen, da sind sich die Feuilletonisten einig, sind die Merkantilisten in den Chefetagen, die bei jedem medialen Quatsch den kunstbeflissenen Kulturredakteur mit der bohrenden Frage in die Niederungen des Boulevards nötigen: Warum haben wir das nicht im Blatt? So wird dann aus den Vordenkern der Gesellschaft, wie die Kulturpolitikerin Monika Griefahn den Feuilletonisten gerne hätte, ein dem Zeitgeist nachhechelnder Quotensklave. Doch das Wiederkäuen von Celebrity-News, die „Bunte“ und RTL schon professioneller gebracht haben, verschrecke auch noch den letzten Leser.

Soll sich das Feuilleton, wie Peter von Becker (Der Tagesspiegel) fragt, nun mehr auf das Kerngeschäft der Rezensionen konzentrieren? Oder sich dezidiert als Frauenteil der Zeitung (Andreas Lebert, „Brigitte“) begreifen? Die Kulturforscherin Susanne Keuchel bringt etwas Klarheit. Nach ihren Messungen greifen nicht nur immer weniger Jugendliche zur Zeitung, auch das Interesse an Kultur geht zurück. Klassische Musik hörten nur noch 6 Prozent der jüngeren Leser, 90 Prozent interessierten sich dagegen für Popmusik. Die Beilage „Viva BAMS“ der „Bild am Sonntag“ habe durch ihre Pop-Berichte ihre junge Leserschaft auf 60 Prozent gesteigert. Und „Die Zeit“ erreicht laut ihrem Redakteur Moritz Müller-Wirth ausgerechnet mit dem Ressort „Wissen“ die meisten Leser unter Dreißig.

Erst die jüngeren Medienmacher stören die düsteren Untergangsvisionen. Florian Illies, Herausgeber der Kunstzeitschrift „Monopol“, beobachtet ein starkes Interesse jüngerer Leser an Gegenwartskunst – eine Entwicklung, die auch die Zahlen belegen. Und Thierry Chevel, Erfinder der Internet-Feuilletonschau „perlentaucher.de“, plädiert für eine Integration des Netzes: „Es reicht nicht aus, ein paar untertariflich bezahlte Onlineredakteure in eine Hinterhofredaktion zu sperren und dann wieder zu entlassen.“

Und sieht es denn wirklich so schlecht aus? Das brisante Thema Anzeigenkrise, vor einem Jahr in Halle noch Kern allen Übels, kommt mangels zuständiger Experten auf dem Podium gar nicht erst zur Sprache. In Berlin diskutiert man statt dessen über die von Kultursenator a.D. Christoph Stölzl stakkatoartig geforderte Kulturquote im deutschen Fernsehen, da lichten sich die Reihen. Man drängt in Kinos und Theater, denn draußen in der Stadt lockt die richtige, echte Kultur. Der Fahrstuhl gleitet an der deutschen Geschichte vorbei, vor der Tür rauscht der Regen durchs gelichtete Blattwerk. Zum Glück ist das gedruckte Feuilleton noch nicht so selbstmitleidig, wie es sich auf den Podien so gerne selbst bespenglert. Sonst blieben ihm vermutlich nicht einmal mehr zwanzig Jahre.

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