Analoges Kabel-TV : Wenn die Zuschauer in die Röhre gucken

Immer mehr Dritte Programme fliegen aus den analogen Kabelnetzen. Der Bayerische Rundfunk wurde in Teilen Brandenburgs gerade durch den Frauensender Sixx ausgetauscht. Was haben die Netzbetreiber gegen die Dritten?

Jörg Seewald
Das ist nicht das Raumschiff Orion. Wer solche ultraflachen Fernseher mit leicht gewölbter Oberfläche nicht mag, der guckt auch lieber noch analog. Foto: dpa
Das ist nicht das Raumschiff Orion. Wer solche ultraflachen Fernseher mit leicht gewölbter Oberfläche nicht mag, der guckt auch...Foto: dpa

Smarter, dünner, noch mehr hochauflösende Bilder, noch mehr HD – auf der Ifa wurden die Fernsehgeräte der nahen Zukunft präsentiert. Doch nicht jeder Haushalt in Deutschland verfügt schon über einen schicken dünnen Großbildfernseher mit digitalen Anschlussmöglichkeiten. Viele schauen noch analog in den bewährten Röhrenfernseher. „Das analoge Fernsehen spielt im Kabel eine dominante Rolle“, sagt Sebastian Artymiak, Leiter der Medientechnologie beim Verband Privater Rundfunk und Telemedien (VPRT). Eine Sprecherin von Kabel Deutschland geht von einer „Digitalisierungsquote im Kabelnetz von 50 bis 60 Prozent“ aus. Umso dramatischer, dass die deutschen Kabelnetzbetreiber gerade viele dritte Programme aus ihren analogen Bouquets nehmen und durch Ableger der Privatsender ersetzen.

So mussten gerade Haushalte in Potsdam, Königs Wusterhausen, Bad Freienwalde, Fürstenwalde, Frankfurt/Oder, Perleberg, Falkensee und Oranienburg sowie Gransee mit einem analogen Kabelnetzanschluss von Kabel Deutschland (KDG) hinnehmen, dass statt des gediegenen Programms des Bayerischen Fernsehens die Actionware von RTL Nitro, der Frauensender sixx oder der Männersender Dmax auf dem BR-Sendeplatz eingespeist werden.

Nicht jeder der rund 250 000 analogen Brandenburger Haushalte (von 530 000 Anschlüssen dort insgesamt) mit analogem Kabel-Anschluss empfand das als Verbesserung. Der BR beschwerte sich über die „Kabelausspeisungen“, also darüber, dass die Kabelnetzbetreiber Kabel Deutschland und Unity Media begonnen hätten, „das öffentlich-rechtliche Angebot in ihren Netzen weiter zu reduzieren. In den vier Bundesländern Brandenburg , Mecklenburg-Vorpommern, Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein sowie in Teilen Hessens werden das Bayerische Fernsehen, beziehungsweise der Bildungskanal BR-alpha aus dem analogen Kabelnetz genommen.“

Kabel Deutschland gibt an, dass „etwas mehr als 70 analoge Kabelnetze“ betroffen seien. „Es sind jeweils andere öffentlich-rechtliche Sender, die aus dem analogen Angebot dieser regionalen Kabelnetze entfallen, beziehungsweise, es ist ein anderer privater Sender neu hinzugekommen.“ Das betrifft unter anderem den HR in Thüringen, den MDR in Rheinland-Pfalz und den MDR in Bayern. In manchen analogen Netzen müssen sich Dritte Programme mit einem neu hinzugekommenen Privatsender halbtags den Kanalplatz teilen.

Bei Unity Media ist der Tausch „Dritte Programme gegen Privatsender“ übersichtlicher. Ab dem 17. September werde man, je nach Region, ein landesfremdes öffentlich-rechtliches Drittes Programm durch den Privatsender ProSiebenMaxx ersetzen. In Nordrhein Westfalen erwischt es den NDR, in Baden-Württemberg den WDR, in Hessen in den Regionen Frankfurt und Gießen den MDR. Das Kabel-Deutschland-Netz in Hessen fasst 520 000 Haushalte, in Schleswig-Holstein 430 000 und in Mecklenburg-Vorpommern 50 000. Im Schnitt ist jeder zweite Haushalt betroffen. Bei der primacom, einem Kabelnetzbetreiber in Berlin, plant man für November eine Neubelegung der analogen Sendeplätze. ProSiebenMaxx wird hinzukommen. Dafür muss ein Sender weichen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass es ein Drittes Programm (vermutlich BR oder HR) trifft. Beim Konkurrenten Telecolumbus weiß man noch nichts Genaues.

Hintergrund all dieser Maßnahmen ist auch die Weigerung der ARD-Anstalten, weiter für die analoge Einspeisung ihrer dritten Programme eine Gebühr zu bezahlen. „Im Verhältnis zum Gebührenaufkommen sind diese Gebühren Peanuts“, sagt dazu Unity-Sprecherin Katrin Köster. Trotzdem habe es die ARD, für die MDR-Intendantin Karola Wille seit dem Auslaufen des alten Vertrags Anfang 2013 mit den Kabelnetzbetreibern federführend verhandelte, nicht für nötig befunden, „das etablierte Modell“ weiter zu betreiben.

Nun steht man bei der ARD auf einem anderen Fundament. „Wir bieten den Kabelnetzbetreibern mit der kostenlosen Bereitstellung unserer Programme ja einen geldwerten Vorteil, den sie an ihre Kunden verkaufen. Warum sollen wir dafür auch noch bezahlen?“, sagt BR-Sprecherin Regine Fenn. Doch Katrin Köster kontert: „Wir bekommen die Programme digital und müssen sie reanalogisieren, wir kümmern uns um den Transport, dass das Signal ankommt und halten Techniker bereit. Sie steigen ja auch nicht in ein Taxi und erwarten, dass der Fahrer Sie kostenlos befördert, nur weil Sie so ein netter Fahrgast sind.“

Die Problematik muss vor Gericht geklärt werden. Die Kabelnetzbetreiber sehen sich im Recht. Sie glauben nur verpflichtet zu sein, das Dritte Programm des entsprechenden Bundeslandes analog bereitstellen zu müssen. Im digitalen Angebot seien die anderen Dritten ja empfangbar. Dagegen verweist der BR darauf, dass Kabel Deutschland „in allen bisher abgeschlossenen Gerichtsverfahren der ersten Instanz in dieser Frage bereits unterlegen“ sei. Trotzdem gibt sich Steffanie Siedler (KDG) unerschütterlich: „Es ist nicht geplant, die Senderumbelegung wieder rückgängig zu machen. Die Senderplätze sind neu vergeben.“

Natürlich stecken dahinter auch handfeste finanzielle Interessen. Über das TV-Kabel sehen fast 50 Prozent der Nutzer in Deutschland fern. Allein die Werbeeinnahmen, die die Öffentlich-Rechtlichen aus der Verbreitung ihrer Programme an die Kabelhaushalte erwirtschaften, betragen ein Mehrfaches der Einspeiseentgelte. Andererseits: Ein analoger Kabelplatz verbraucht die Kapazität von zwölf digitalen Plätzen. „Unsere Kapazitäten sind unser wertvollstes Gut“, sagt Katrin Köster.“ Da liegt es nahe, dass man dieses wertvolle Gut an zahlende Kundschaft verkauft und nicht umsonst abgibt. „ARD und ZDF belegen circa 20 Prozent unserer Kapazität“, so Köster, „wir sehen eine Rundfunk- und verfassungsrechtlich begründete Verpflichtung von ARD und ZDF, ihre Programme zu angemessenen Konditionen auch über die Kabelnetze zu verbreiten.“

Ein Streit auf dem Rücken der Zuschauer. Pech für diejenigen, die weiter analog in die Röhre schauen wollen. Über Satellit und terrestrisch werden schon seit Längerem nur noch digitale Sender verbreitet.

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