Medien : „Andere gehen nach Sibirien, ich in den Osten“

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Herr Jauer, Sie waren in ihrer Journalisten- Karriere ein Wanderer zwischen den Welten: Vier Mal sind Sie zwischen West und Ost hin- und hergezogen. Wo wohnen Sie jetzt?

Im äußersten Norden Berlins. Ich fahre mit der S-Bahn durch Westberlin, dann ein Stück durch Ost-, dann wieder durch West- und Ost-Berlin, wo ich arbeite: im ZDF- Hauptstadtstudio Unter den Linden. Mein Schulweg zum Canisius-Kolleg war ähnlich.

Spielt es überhaupt noch eine Rolle, ob man in Ost- oder West-Berlin wohnt?

Offenbar. Bei der Messung von Verkehrsströmen ist festgestellt worden, dass viele Berliner aus dem Osten zum Arbeiten in den Westteil der Stadt fahren, eine geringere Zahl West-Berliner arbeitet im Ostteil. Aber am Wochenende bleiben die Berliner West im Westteil, und die Berliner Ost im Ostteil. Das ist die Wahrheit über diese Stadt. Und sie hat mich sehr erschüttert. Viele Menschen schleichen umeinander herum. Oder machen einen Wettlauf um den heißen Brei. Und manche gehen sich auch aus dem Weg.

Sie haben das Bild von Berlin für den jeweils anderen Teil der Stadt mitgeprägt: Als DDR- Korresponent führten sie Westler durch den Osten. Zurück im Westen zeigten sie den Ostlern die Bundesrepublik via Westfernsehen. Sind Sie am Ende daran schuld, dass Westler wie Ostler nach der Wende so viele Illusionen übereinander hatten?

Ich habe es immer als meine Aufgabe verstanden, ein realistisches Ost-West-Bild auf den Schirm zu bringen. Wir haben nicht die heile Welt West gesendet. Ebenso wenig haben wir Bilder einer perfekten sozialistischen Welt gezeichnet. Kurz nach der Wende gab es einen Kongress, auf dem die West-Korrespondenten harsch kritisiert wurden. Es wurde zum Beispiel gesagt, es sei nie ein Bericht über die katastrophalen Wohnverhältnisse in den Ost-Altbauten gebracht worden. Da kann ich nur sagen, das erste Stück, das ich 1966 für die Reihe „drüben“ gemacht habe, war ein Bericht über den Verfall der Altbauten in der DDR. Wer etwas wissen wollte, der konnte es im Westfernsehen erfahren. Illusionsfernsehen ist für mich, wenn Probleme ausgeklammert werden. Das haben wir nie getan. Heute erleben wir dieses Fernsehen, wo schwierige Themen zunehmend zu Gunsten von Kommerz und Unterhaltung wegfallen.

Trotzdem waren viele Ostdeutsche vom Westen enttäuscht, den sie ja aus dem Fernsehen gut zu kennen glaubten.

Vieles konnten sie nicht wissen, manches wollten sie wohl auch nicht wissen. Fernsehen kann die persönliche Erfahrung nicht ersetzen.

War es nicht ein bisschen naiv, nicht mal zu ahnen, was einem die Wende bringen könnte? Im Guten wie im Bösen.

Keiner hat glauben wollen, dass ungebremster Kapitalismus so sein kann, wie man es bei Marx und Engels gelernt hat. Gutgläubigkeit, aber auch Unbedarftheit gab es auf beiden Seiten. Wer mir heute sagt, er hätte die deutsche Einheit vorausgeahnt, dem glaube ich kein Wort. Ich selbst bin erst stutzig geworden im März 1990. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass Moskau die DDR aus dem Warschauer Pakt entlässt. Für mich ist die deutsche Einheit nach wie vor ein Wunder.

Hat das Fernsehen etwas zur Wende beigetragen?

Anfang Mai 1989 habe ich zum Beispiel gezeigt, dass die Ungarn den Eisernen Vorhang öffneten. Sechs Wochen später war Budapest voll von DDR-„Touristen". Auch wäre die Bewegung Schwerter zu Pflugscharen ohne das West-Fernsehen undenkbar. Die evangelische Kirche hatte keine Möglichkeit, die Aktion DDR-weit bekannt zu machen.

Die Zeiten haben sich geändert. Die Menschen im Osten haben sich vom ZDF ab- und den Privaten zugewandt.

Uns geht’s nicht besser als den West-Produkten Tagesspiegel und „Spiegel“ auch. Eine Erklärung dafür ist: ARD und ZDF waren zu DDR-Zeiten gut zu empfangen, aber in der Regel in Schwarz-Weiß. Nach der Wende kam die West-Welt über RTL und Sat 1 durch Satellitenschüsseln zu den Menschen – in Farbe. Heute benutzen immer mehr Ost-Bürger das Fernsehen als reine Freizeitmaschine. Die Privaten bedienen das jahrzehntelange Defizit an Spaß und Spiel, Exotik und Erotik besser als wir.

Sie haben als Korrespondent in Ost-Berlin viele Oppositionelle kennen gelernt. Was ist aus denen geworden?

Wir haben uns nicht ausschließlich mit der Opposition beschäftigt. Das war im übrigen gar nicht einfach, als ich in Ost-Berlin war. Zu dieser Zeit wurden die Strafgesetze verschärft. Das bedeutete zum Beispiel, dass jemand, der über zwei Jahre Presseausschnitte gesammelt hatte und diese an einen West- Journalisten weitergab, zu hohen Zuchthausstrafen verurteilt werden konnte. Also wegen der Verbreitung bereits veröffentlichter Nachrichten. Wir sind viel eher mit Leuten aus ganz normalen Berufen zusammen gekommen. Und die haben umlernen müssen und sind heute wieder in ähnlichen Funktionen tätig. Übrigens: Ein heimlicher Dissident, der bei mir aus und ein ging, hat sich später als mein persönlicher IM entpuppt.

Lebt die DDR im Verborgenen weiter?

Die DDR nicht. Aber die Menschen haben ihre Tradition und ihre Vergangenheit, die man ihnen nicht permanent madig machen soll. Wenn einer 50 oder 60 Jahre alt ist, dann ist doch klar, dass er auch mit Freundlichkeit zurückschaut. Er blickt ja nicht nur auf rote Fahnen zurück, sondern auf seine eigene Jugend, auf die Zeit, als er zum ersten Mal verliebt war, eine Familie gründete.

Freiheit muss man lernen. Aber wie lange wird der Lernprozess noch dauern?

Wir im Westen haben die Prioritätenfolge Einigkeit und Recht und Freiheit gelernt. Jetzt lernen wir, dass die Reihenfolge umgekehrt lauten müsste: erst Freiheit, dann Recht, dann Einigkeit. Die Menschen im Osten haben den Griff zur Freiheit gewagt, aber das Recht hinkte hinterher. Weil alles so schnell gehen musste, kam vorher die Einheit.

Was könnte das Fernsehen tun? Zementiert es nicht die Teilung statt Neues zu schaffen?

Das Fernsehen ist kein Missionar. Es ist wohl auch nicht besser als die Gesellschaft. Etwas Gemeinsames zu schaffen würde bedeuten, dass die Menschen im Westen Deutschlands auch ihre eigene Wende vollziehen.

Oder die Ostdeutschen ihr ’68 nachholen.

Das würde dann aber eine ganz andere Sorte von ’68 werden. Hoffentlich diesmal nicht braun. Vieles, was 1989 und davor passiert ist, ist doch noch längst nicht aufgearbeitet. Weder die geistige Beschädigung, die der Sozialismus angerichtet hat, noch die von vielen als ungerecht erlebten Verwerfungen der Wende. Es gab die Aufforderung, die Deutschen sollten sich gegenseitig ihre Biografien erzählen. Daran ist nichts Falsches. Aber es ist nicht passiert . Ost und West sind sich nahe gekommen und dabei auf neue Weise fremd geworden.

Was tun?

Ich plane nach meinem Abschied Langzeitbeobachtungen im Osten. Viel fragen und zuhören, drehen, senden und, wenn es nötig ist, dolmetschen wie zu Zeiten von „Kennzeichen D“. Ich mache ja Fernsehen, weil ich es spannend finde, Menschen zu beobachten. Ich möchte wissen: Wo sind wir angekommen, zwölf Jahre danach? Andere gehen nach Sibirien, ich gehe in den Osten Deutschlands.

Wollen wir wirklich wissen, was der Nachbar macht?

Ich finde Pritzwalk oder Pasewalk angesichts der deutsch-deutschen Situation exotisch genug.

Das Gepräch führten Thomas Eckert und Joachim Huber.

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