Medien : Anekdoten-Sammlung

Arte-Film über Flick-Collection fehlt der Standpunkt

Nicola Kuhn

Seit fast vier Monaten schon ist die Flick-Collection im Hamburger Bahnhof zu sehen. An Signalwert hat der Name noch nichts eingebüßt, und das Problem privater Sammlungen in öffentlichen Häusern ist ebenfalls bis heute ungelöst. Trotzdem wurde eine ursprünglich für diese Woche terminierte Podiumsdiskussion zum Thema „Deutschland und die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit“ bis auf weiteres abgesagt. Dafür die Laufzeit der Erstausstellung wegen der vielen Besucher um zwei Monate verlängert.

In diese Phase des Nicht-mehr-Streitens aber Noch-mehr-Sehens fällt eher überraschend der Arte-Dokumentarfilm des Kunstjournalisten und Filmemachers Heinz Peter Schwerfel. Umso besser passt der an ein Kippenberger-Werk angelehnte Untertitel „Acht Bilder zum Nachdenken, ob’s so weitergeht“. Das kann man immer. Schwerfel befragte den Kurator, Kritiker, Künstler und natürlich den Sammler selbst. Herausgekommen ist ein Patchwork an Zitaten, das den Zuschauer am Ende unbefriedigt lässt. Ist es nun verwerflich, wenn der Enkel des berüchtigten Industriemagnaten ausgerechnet in Berlin seine Sammlung zeigt, wie Michael Fürst vom Zentralrat der Juden moniert? Stellt sich die deutsche Hauptstadt tatsächlich ein Armutszeugnis aus, wenn ein Privatmann so opulent seine Schätze im staatlichen Museum zeigen darf? Ja, stehen wir gar vor einer Refeudalisierung der Gesellschaft, wie der Schweizer Kunsthistoriker Beat Wyss befürchtet?

Schwerfels Film bleibt die Antwort schuldig. Das ist seine Stärke und Schwäche zugleich. Zu lange schon stehen diese Fragen im Raum, zu häufig hat man die Erklärungen von Seiten des Kurators oder des Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz gehört, als dass sie wirklich neue Erkenntnisse befördern würden. Im besten Sinne einer Dokumentation konstatiert der Film einen Status quo. Wohin die Reise aber geht, dafür gibt er keinen Fingerzeig. Stattdessen geheimnist Stiftungspräsident Klaus-Dieter Lehmann nur sehr allgemein über Privatsammlungen in öffentlichen Häusern: „Wenn der Einfluss übermächtig wird, muss man sich trennen.“ Und Flick gibt die schöne Anekdote zum Besten, wie der österreichische Bildhauer Franz West das Lieblingsstück seiner Motorradsammlung, eine Dukati, von der es weltweit nur 25 Anfertigungen gibt, in ein Fangobad tauchte.

Bleiben noch die Künstler, die sich angesichts der heftigen Diskussionen im vergangenen Sommer ebenfalls einem Rechtfertigungsdruck ausgesetzt sahen. Den Amerikaner Jason Rhoades bekümmert das Verhältnis zum Sammler wenig; er hat eine Party mit ihm in bester Erinnerung. Hingegen versucht die Schweizer Videokünstlerin Pipilotti Rist Flicks Vorlieben zu analysieren: „Existenzielle Arbeiten, am Rande des Abgrunds“. In diesem Moment kommt einem der Mann, um den sich eine Riesendiskussion über Vergangenheitsbewältigung, Kunst und Nazi-Deutschland rankt, auch menschlich nahe, wenn er sich für ein Werk Rodney Grahams begeistert: „Es geht um die Sehnsucht des Menschen, gerettet zu werden.“ Die traurige Wahrheit weiß auch Flick – es gibt keine Rettung. Und wohl auch keine letzten Antworten.

„Die F.C.Flick Collection. Acht Bilder zum Nachdenken, ob’s so weitergeht“: Arte, 22 Uhr 10

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