Anonymous und Occupy : Hinter der Maske

Das Grinsen des verhinderten Königsmörders Guy Fawkes ist das Symbol sowohl der Occupy-Bewegung als auch der Hackergruppe Anonymous. Was noch lange nicht heißt, dass beide das Gleiche wollen

Ole Reißmann, Christian Stöcker, Konrad Lischka

Die Szene ging um die Welt. Eine kleine Gruppe, vielleicht sechs oder sieben Personen, überwiegend junge Frauen in sommerlicher Kleidung, steht demonstrierend auf einem Gehsteig, einige halten Transparente hoch. Umgeben sind sie von einem orangefarbenen mobilen Zaun, mit dem breitschultrige Polizisten in blauen Hemden die Protestler von den übrigen Passanten abschirmen. Da spaziert von rechts ein weiterer Polizist ins Bild. Er hebt die Hand und sprüht beinahe beiläufig Pfefferspray in die Gruppe, auf Augenhöhe.

Auf Youtube wurde das Video, das den zum Teil überharten Einsatz der amerikanischen Polizei gegen Aktivisten von „Occupy Wallstreet“ dokumentiert, im Jahr 2011 über 800000-mal angeklickt. Es ist einer jener Schnipsel, die dafür sorgten, dass die antikapitalistische Bewegung, die sich im Spätsommer des Jahres weltweit formierte, schnell nicht nur auf der Straße, sondern auch im Netz zum Mem wurde – und schließlich zum Medienthema. Die Zeltstädte der Bewegung wurden zum beliebten Motiv für Fotografen. Immer waren die Masken mit dem Konterfei des britischen Offiziers Guy Fawkes bei der großen Allianz aus Globalisierungskritikern und diversen linken Gruppierungen und Netzwerken zu sehen. Jene Maske, die im Netz bereits lange zuvor die Videobotschaften der Hackergruppe Anonymous zierte.

In welcher Beziehung aber stehen die Protestbewegung und die Hackergruppe, die sich hinter der gleichen Maske verbergen? In den USA trat Anonymous im Zusammenhang mit der Occupy-Bewegung früh als Internet-Unterstützungskommando auf. Websiteblockaden, das Weitertragen von Nachrichten und Aufrufen waren die Hauptaufgabe der Anonymen. Anonymous-Aktivisten veröffentlichten – neben weiteren Dossiers – den Namen und Dienstgrad des Polizisten, der im September 2011 den Occupy-Aktivistinnen das Pfefferspray ins Gesicht gesprüht hatte. Bereits im Januar 2011 taten sich die Occupy-Vorläuferbewegung „We are the 99 Percent“ und Anonymous zu „A99“ zusammen und präsentierten eine Liste mit Forderungen für mehr soziale Gerechtigkeit. Mitte Juli 2011 dann rief das konsumkritische Magazin „Adbusters“ aus Kanada für den 17. September zur Besetzung der Wall Street auf. Am 23. August veröffentlichten auch Anons einen Aufruf auf Youtube: „Hallo Bürger des Internets. Wir sind Anonymous. Am 17. September werden wir in Lower Manhattan einfallen, Zelte aufbauen, Kochstellen, friedvolle Barrikaden, und Wall Street für ein paar Monate besetzen. Wenn wir uns aufgebaut haben, werden wir sogleich unsere eine, schlichte Forderung vielstimmig wiederholen. Wir wollen Freiheit.“

Eine weitere Unterstützungsaktion: Am 21. Oktober 2011 veröffentlichten Hacker im Namen von Anonymous mehr als 600 Megabyte Daten der „International Association of Chiefs of Police“ (Icap). Darunter waren Dokumente, Namen, Adressen und Sozialversicherungsnummern. Außerdem dabei: 1000 Logindaten der Boston Police Patrolmen’s Association und 1000 Datensätze von Polizisten in Alabama. Fraglich ist, ob solche Aktionen einer friedlichen Protestbewegung wirklich helfen, oder diese nicht vielmehr kriminalisieren und die Polizisten gegen die Demonstranten aufbringen.

Dennoch: Während die einen auf der Straße ihren Kopf hinhielten, sicherten andere über das Internet Unterstützung zu – so gesehen ist der Vergleich der Occupy-Bewegung mit den vom ägyptischen Tahrir-Platz ausgehenden Protest, auf den sich deren Zeltstadtprojekte bezogen, gar nicht so falsch. Doch Occupy war von Anfang an breiter aufgestellt. Bei der Bewegung haben Teile von Anonymous mitgemacht, es war nicht per se eine Aktion, die von Anonymous geplant wurde. Dazu war es den meisten der an einer Internetkultur der komischen Meme und Lachern, lulz, gewachsenen Anons dann auch doch zu ernst in den Protestcamps. Dort spielte Anonymous praktisch keine Rolle, auch wenn einzelne Anons vor Ort stark involviert waren. So arbeiteten in New York Anonymous-Aktivisten daran mit, dass Fotos und Livebilder der Proteste ins Internet gelangten.

Obwohl Chan-Kultur und sozial motivierter Protest 2011 immer wieder eine fruchtbare Verbindung eingingen – den Schulterschluss mit den Kritikern des Finanzsystems sehen einige der freiheitsliebenden Anonymous-Anhänger auch grundsätzlich kritisch. „Liekmudkip“, „wopot“ und „winter“, drei Anonymous-Aktivisten aus Hamburg, machen bei den dortigen Occupyveranstaltungen nicht mit. „Das sind uns zu viele Spinner“, sagt einer von ihnen. In den USA sei das etwas anderes, für den Massenprotest aus der Mitte der Gesellschaft heraus haben sie Respekt. Doch in Deutschland sind ihnen zu viele Aluhüte dabei, so nennen sie Verschwörungstheoretiker und andere verwirrte Gestalten.
Eine Revolution wurde aus Occupy auch in den USA nicht: Am 15. November 2011 löste die Polizei in New York das Camp auf, unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Journalisten wurden daran gehindert, den Polizeieinsatz zu beobachten, Polizeihubschrauber drängten die TV-Helikopter gezielt ab. Polizisten räumten Occupy-Camps in Oakland, Chapel Hill, Portland, Salt Lake City, Denver, Burlington und St. Louis. Am 10. Dezember 2011 wurde „Occupy Boston“ nach 72 Tagen aufgelöst. Damit war auch eines der am längsten bestehenden Protestlager abgeräumt. In der vergangenen Woche wurde in London auch das letzte größere europäische Occupy-Lager geräumt. Ohnehin hatten sich die Aktivisten überlegt – wiederum angestoßen vom „Adbusters“-Magazin –, wie man denn die harschen Wintermonate verbringen sollte. „Adbusters“ hatte vorgeschlagen, nach Hause zu gehen und Kräfte für den Frühling zu sammeln.

Dieser wird dann erweisen, wie es mit der Occupy-Bewegung weitergeht. Wie Anonymous in ein paar Monaten, in einem Jahr aussehen wird, lässt sich kaum vorhersagen. Fraglich ist, ob das Kollektiv Instutionen ausbildet, so wie soziale Bewegungen schließlich Gewerkschaften hervorgebracht haben. Bisher sind Versuche in dieser Richtung mehr oder weniger gescheitert, sieht man einmal von AnonOp ab. Doch selbst, wenn der Name Anonymous nicht fällt, sind die vom Kollektiv erprobten Mittel und Wege nun da und können von Gruppen genutzt werden, die sich um die Belange des Netzes kümmern.
Im Gegensatz zu Occupy verharrten die Hacktivisten nicht in Winterstarre. Am 25. Dezember 2011 hackten sich Unbekannte in die Server von Stratfor, einem US-Strategieberatungsunternehmen, das kostenpflichtige Newsletter und spezifische Analysen zu Sicherheitsthemen und globaler Politik anbietet.

„Das ist sehr wahrscheinlich nicht das Werk von Anonymous“, hieß es in einer Mitteilung am selben Tag. Schließlich greife man keine Medienorganisationen an – wer Stratfor als Teil des militärisch-industriellen Komplexes betrachte oder als Thinktank, habe seine Hausaufgaben nicht gemacht. Daran, dass die 5,5 Millionen erbeuteten E-Mails von den Stratforservern in den kommenden Wochen von Wikileaks und 25 Medienpartnern veröffentlicht werden, wie Wikileaks-Gründer Julian Assange am Dienstag in London ankündigte, ändert das freilich nichts.

Die Idee einer amorphen, gesichtslosen Bewegung von Informationsanarchisten, der mit herkömmlichen Mitteln der Strafverfolgung nur schwer beizukommen ist, wird kaum mehr wegzukriegen sein aus dem Netz. Nur die totale Kontrolle und Überwachung des Internets, wie China sie anstrebt und sie arabische Despoten letztlich erfolglos erreichen wollten, könnte daran etwas ändern. Solange das supranationale Gebilde Internet in dieser Form weiterexistiert, wird es etwas wie Anonymous weiterhin geben. Auch wenn sich die Aktivisten womöglich neue Wege werden suchen müssen, um anonym zu bleiben, und neue Taktiken, um aufzufallen und anzuecken.

Vielleicht verschwindet die Grinsemaske – den Hamburger Anons etwa gefällt der Rummel um dieses Symbol zunehmend weniger. Was bleibt, sind die lulz und der unbedingte Kampf für Netzfreiheit, bei dem die Hacker-Ethik, die Kerngedanken von Wikileaks und die von Anonymous verschmelzen.

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