"Antifa-Nigger-Muslim-Zigeunerhure" : Anja Reschke: "Ich bin die Projektionsfläche"

Was man aushalten muss: Interview mit Anja Reschke zu ihrem "Tagesthemen"-Kommentar zur Hetze gegen Flüchtlinge

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Klar und deutlich: Anja Reschke spricht ihren Kommentar in den "Tagesthemen" am vergangenen Mittwoch
Klar und deutlich: Anja Reschke spricht ihren Kommentar in den "Tagesthemen" am vergangenen MittwochScreenshot: Tsp

Frau Reschke, Ihr „Tagesthemen“-Kommentar am vergangenen Mittwoch zur rassistischen Hetze im Netz hatte ein sehr großes öffentliches Echo. Bleibt das Ergebnis stabil: zwei Drittel positive, ein Drittel negative Reaktionen?
Ich bekomme nach wie vor sehr sehr viele positive Zuschriften. Menschen, die sich bei mir bedanken, die sich offen gegen Rassismus aussprechen. Übrigens mittlerweile auch aus dem Ausland, Frankreich, England, Niederlande, der Schweiz. Das beruhigt mich und freut mich auch sehr. Allerdings habe ich schon bemerkt, dass sich der Ton der negativen Kommentare über die letzten Tage wieder verschärft hat. Eher in direkten Mails als in Facebook-Einträgen. Waren es am Anfang vor allem viele, die sich gegen den „ungezügelten Zustrom“ verwehren und dass Deutschland „Ausländern“ oder „Sozialschmarotzern“ hilft, während das eigene Volk „darben“ muss, bekomme ich jetzt doch auch viel persönliche Kritik.


Was meinen Sie damit?
Das reicht von Zuschriften, dass ich vom NDR abgemahnt, gekündigt, vom Hof gejagt werden soll, und endet mit Kommentaren über mich wie „die Antifa-Nigger-Muslim-Zigeunerhure“ oder „verbrennt die Alte“. Das ist aber genau die Hetze, gegen die ich mich gewehrt habe. Wenn Flüchtlinge als „überwiegend dumm wie Bohnenstroh“ bezeichnet werden, als „zu 95% unbrauchbar, untauglich, nicht integrabel und den europäischen Leitkulturen abträglich“, oder wenn über die „auf Vermehrung ausgerichteten Schwarzen, die sich mit unserem weißen Volksstamm vermischen wollen“ geschrieben wird, dann ist das genau der Ton und die Kommentare, gegen die man sich auflehnen muss.

Nichts gegen andere Meinungen, nichts gegen Kritik, nichts gegen Ablehnung. Sie haben mir aber im Vorfeld unseres Gesprächs Posts gezeigt, in denen sich Sexismus und Obszönität, Hass und Hetze bündeln – und allesamt sind sie gegen Sie persönlich gerichtet. Wie erklären Sie sich das?
Na ja, das Thema Flüchtlinge ist eben emotional sehr aufgeheizt. Aber wo soll man hin, mit seiner Wut, dem Gefühl, es würde einem was weggenommen, es könnte anderen besser gehen? Denn, das merken die Menschen ja schon, das Thema ist vielschichtig, die Politik bezieht auch nicht klar Stellung. Ich aber habe mich klar positioniert, zwar nur gegen Hetze, aber damit habe ich der ganzen Debatte um Flüchtlinge anscheinend ein Gesicht, also mein Gesicht gegeben. Da bin ich natürlich jetzt eine wunderbare Projektionsfläche für alle, die wütend sind, nicht klarkommen mit der Situation. Endlich haben sie eine Person, die sie angreifen können.

Die größten "Hater" verstecken sich hinter Pseudo-Email-Adressen

Lassen Sie und/oder der NDR gegen die „Hater“ ermitteln?
In dem Moment, wo wir eine reale Person dahinter ermitteln können, werden wir dagegen vorgehen. Aber die ganz krassen „Hater“, also die, die mich persönlich angreifen, verstecken sich natürlich meist doch hinter Pseudo-E-Mailadressen.

Fühlen Sie sich bedroht?
Nein, eigentlich nicht. Ich finde auch, dass man dann harte Kommentare aushalten muss. Klar, Hass gegen mich ist nicht so angenehm, aber ich habe schon so viel Vertrauen in dieses Land, dass ich mich eigentlich sicher fühle. Hoffentlich wird dieses Vertrauen nicht erschüttert.

Was ist Ihrer Meinung nach ein geeignetes Gegenmittel? Mehr Kommentare, mehr medialer Gegenwind, oder muss generell mehr das Positive und weniger das Negative gesehen werden?

Was auffällt an den negativen Kommentaren über Flüchtlinge, ist, wie wenig Faktenwissen die meisten haben. Vielleicht wollen sie es auch nicht haben, aber die meisten Argumente, wie „alle Ausländer sind kriminell“, „für die wird mehr getan als für die Deutschen“, „wir werden überfremdet“, „die Politik lässt einen ungezügelten Strom an Flüchtlingen zu“, entbehren jeder faktischen Grundlage. Man muss also dagegen argumentieren, Beispiele parat halten, dass man selber zum Beispiel kein Problem mit einem Flüchtlingsheim in der Nachbarschaft hat, dass es nicht zu mehr Gewalt und Kriminalität gekommen ist. Und sich klar gegen rassistische Parolen und Vorurteile wehren. Das müssen die Medien leisten, das kann aber auch jeder Einzelne tun, in Gesprächen mit Bekannten, im Netz, auf Bürgerversammlungen. Wenn die Mehrheit der Deutschen kein grundlegend negatives Gefühl den Flüchtlingen gegenüber hat, dann muss das auch zum Ausdruck kommen.

Das Interview führte Joachim Huber

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