ARD : Lehrer liebt Schülerin

Was sein kann, nicht sein darf: Ein „Bloch“-Film zum Thema Kindesmissbrauch. Die ARD spielt mit dem Feuer.

Barbara Sichtermann

BerlinDie Schule ist aus, die Kinder gehn nach Haus. Der Lehrer Liebknecht aber bleibt noch da und spricht mit seiner Schülerin Marlene. Er sitzt neben ihr, er legt den Arm um sie. Schön, dass das Kind so viel Verständnis findet … Aber was findet die Zwölfjährige wirklich? Und was sucht sie? Jemand belauscht diese Szene. Und spürt eine Intimität, die ihn alarmiert. Dieser Jemand ist Dr. Maximilian Bloch, der Psychologe, der ausgefallene Therapien nicht scheut – oder auch: der von allen der Verrückteste ist.

Wie immer man zu ihm stehen mag: einen verdammt sicheren Instinkt kann man ihm nicht absprechen. Bloch bestellt Herrn Liebknecht ein und sagt ihm auf den Kopf zu, dass er pädophile Neigungen hege. Der windet sich, versucht, sich rauszureden. Schließlich gibt er zu, dass Bloch richtig liegt und willigt ein, bei ihm in Therapie zu gehen.

Das Thema Kindesmissbrauch ist im Fernsehen und besonders in der fiktionalen Abteilung derart breit getreten worden, dass man an eine Überrepräsentanz zu glauben beginnt; so viele missbrauchte Kinder wie im Fernsehen dürfte es in der Realität kaum geben. Aber es kommt eben nicht darauf an, wie oft ein Thema auftaucht, sondern wie es umgesetzt wird. All denen, die bei „Pädophilie“ zusammenzucken und entschlossen sind, nicht einzuschalten, sei gesagt, dass diese „Bloch“-Folge sich wirklich lohnt. Hier werden sie alle hervorgezogen und auf den Tisch gepackt, die schmerzlichen Folgen und zerstörerischen Begleiterscheinungen jenes erotischen Abwegs.

Als Erstes besteht Bloch (Dieter Pfaff) darauf, dass Lehrer Liebknecht (Fabian Hinrichs) seine Ehefrau Heike in die Therapiestunden mitbringt. Er verlangt ferner, dass der Patient den Kontakt zu dem jungen Mädchen Marlene konsequent meidet. Er setzt dem Lehrer Grenzen, und er zwingt ihn zur Aufrichtigkeit. Fernab von allem Psychosprech redet Bloch Tacheles und bleibt doch der Profi, der weiß, worauf er hinauswill. Selten hat man die ja doch von der Schweigepflicht umzäunte Therapiesituation so unverstellt und so ins Mark treffend in der Fernsehfiktion miterlebt wie in diesem Film. „Ich habe Sie in Therapie genommen“, sagt Bloch, „weil ich dachte, Sie seien verzweifelt. Das sind Sie nicht. Sie spielen mit dem Feuer.“

Draußen und in der Schule geht das Leben weiter – mit Gerüchten, erbosten Kollegen und wütenden Eltern. Als Marlene mit einem Knutschfleck in der Schule erscheint, kochen die Emotionen über. Liebknecht fürchtet um seinen Job, Marlene um die schmeichelhafte Aufmerksamkeit ihres Lieblingslehrers. Sie springt zu ihm ins Auto, die beiden brausen davon. Es ist Bloch, der den Lehrer vor dem erregten Mob aus den Flammen seiner Waldhütte rettet. „Der Mann hat nichts gemacht“, schreit Bloch, „er hat es nur gedacht. Er stellt sich seinen Abgründen.“

Das Drehbuch von Marco Wiersch und Kilian Riedhof (Letzterer führte auch Regie) erlaubt sich melodramatische Ausbrüche, aber das ist egal, die Haupthandlung, die Dynamik des Vierecks Bloch – Liebknecht – Ehefrau Heike und die kleine Lolita (gespielt von Chantel Brathwaite) bleibt über die 90 Minuten in wunderbar austarierter Spannung. Und die Dialoge entfernen sich erfreulich weit von den gewohnten Stereotypen der TV-Spielfilmwelt.

Wenn Liebknecht sagt: „Ich wollte das nicht“ und Bloch kontert: „Doch, Sie wollten das“, ist damit mehr über die Freiheit des menschlichen Willens ausgesagt als in so mancher neuerdings so beliebten hirnphysiologischen Abhandlung.

„Bloch: Der Kinderfreund“, 20 Uhr 15, ARD

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