Medien : ARD-Vorsitz: Stilbewusst und zielsicher

Thomas Gehringer

Eines der Lieblingswörter von Fritz Pleitgen ist "Punktlandung". Redakteure aus seinem Haus können sich, vor allem für Beiträge zum Zeitgeschehen, kaum ein größeres Lob aus dem Munde ihres Intendanten erhoffen als dieses Wort. Heute sieht es so aus, als ob es bestens auf Pleitgens eigene Karriere passen würde. Der 42-köpfige Rundfunkrat des Westdeutschen Rundfunks (WDR) wird den 62-jährigen Journalisten am Nachmittag mit großer Mehrheit wiederwählen. Widerstand ist zwecklos: Pleitgen, mit großer Reputation nach innen und außen ausgestattet, ist ohne Gegenkandidat und überdies bereits als ARD-Vorsitzender vom Jahre 2001 an ausgeguckt. Er wird, diese Prognose fällt nicht schwer, nicht die schlechteste Wahl sein.

Der gebürtige Duisburger ist ein lupenreines ARD-Gewächs - allerdings mit einigen untypischen Eigenschaften. "Pleitgen ist ein Bauchmensch, er hört auch auf seine Instinkte. Und er ist ein Mensch, der sich nicht verstellt", sagt Monika Piel, Hörfunkdirektorin des WDR. "Man hat oft den Eindruck, dass er Ideen spontan hervorbringt. Ich glaube das zwar nicht. Was er aber schon liebt, ist die Überraschung", erklärt Fernseh-Auslandschef Albrecht Reinhardt. Redet man so über den - neben Programmchef Günter Struve - mächtigsten Mann der ARD? Und das in einer Anstalt, die für ihre föderal-verschlungenen Entscheidungs-Umwege und bürokratischen Strukturen berüchtigt ist? Noch erstaunlicher ist, dass Pleitgen den Wechsel vom umtriebigen Korrespondenten zum Büroarbeiter, der nun in endlosen Konferenzen Hartnäckigkeit unter Beweis stellen muss, mühelos geschafft hat. Noch zu Beginn seiner ersten Amtszeit als WDR-Intendant 1995 träumte er davon, seine Karriere als Fernsehkorrespondent in New York zu beenden. Nun bleiben ihm immerhin der "Presseclub" und gelegentliche Reportagen, etwa die im Sommer gedrehten Kaukasus-Filme fürs ARD-Weihnachtsprogramm.

Mehr als 25 Jahre berichtete Pleitgen aus dem Ausland, in den sechziger Jahren schon vom Zypernkrieg und dem Sechstagekrieg, zwischen 1970 und 1988 dann als Korrespondent in der Sowjetunion, der DDR und den USA. Prägende Jahre waren das für den Journalisten Pleitgen, der weniger als bissiger Kommentator und vielmehr als beharrlicher Reporter auffiel. Als Chefredakteur von 1988 bis 1993 widerfuhr ihm dann das Glück der deutschen Einheit: Dank dieses historischen Ereignisses und der mit dem Sender Freies Berlin vereinbarten Arbeitsteilung konnte er in zahlreichen Interviews und Sondersendungen journalistische Marken setzen. Pleitgen verkörpert bis heute öffentlich-rechtlichen Stil: solide, bedächtig und ohne Hang zu atemloser Aufgeregtheit. Bei seinen öffentlichen Auftritten als Intendant weiß er diese Reputation mit Humor und offenbar unerschütterlichem Selbstbewusstsein zu nutzen. Ein ideales, 192 Zentimeter großes Aushängeschild für die wieder erstarkte ARD, die durch die schnellen Erfolge der privaten Sender zunächst gehörig verunsichert war.

Die Konkurrenz ist jedenfalls beeindruckt. Sat 1-Geschäftsführer Jürgen Doetz lässt ausrichten, er schätze an Pleitgen "seine hohe Sachkompetenz, seine Fähigkeit, trotz Intendantenamt den hochkarätigen Journalisten nicht vergessen zu lassen, seinen Humor und vor allem natürlich seine hohe Fußballkompetenz". Pleitgens medienpolitische Ziele treffen naturgemäß weniger den Geschmack des Präsidenten des Verbandes Privater Rundfunk und Telekommunikation. Den vom WDR-Intendanten angekündigten Online-Ausbau zu einer dritten Säule des öffentlich-rechtlichen Rundfunks "müssen und werden wir versuchen, mit allen Mitteln zu verhindern", schreibt Doetz auf Anfrage. "Wir werden mit sehr harten Bandagen in einen verschärften Konkurrenzkampf eintreten."

Beim WDR selbst wird Pleitgens ungebrochenes Interesse an Gestaltung statt Verwaltung geschätzt. "Die Programminhalte gehen bei ihm immer vor. Das ist bei vielen Anstalten anders", sagt Monika Piel. Stärker als sein Vorgänger Friedrich Nowottny verstehe sich Pleitgen noch als Programm-Macher, der auch bei Meinungsunterschieden gesprächsbereit bleibe, meint Reinhardt. Als Erfolge darf sich Pleitgen die Reform der fünf WDR-Hörfunkwellen, die er als Hörfunkdirektor (1994/95) angestoßen hatte, sowie den Aufschwung des WDR-Fernsehens anschreiben lassen. Aber es gab auch einige Misserfolge und schmerzhafte Niederlagen: das Aus der Sendung "Privatfernsehen" mit Friedrich Küppersbusch etwa, bei dem Pleitgen innerhalb der ARD von nahezu allen Kollegen überstimmt wurde, oder das gescheiterte Experiment mit "Eins Live TV". Die Hoffnung, die jungen Radiohörer würden nahtlos ins Fernsehen wechseln, bewahrheitete sich nicht.

"Man muss auch mal was riskieren", verteidigt Piel die zuweilen risikofreudige Politik ihres Intendanten. Das galt auch für manche Personalentscheidung: Pleitgen setzte durch, dass mit der Hörfunkdirektorin selbst sowie den Chefredakteurinnen Marion von Haaren (Fernsehen) und Helga Kirchner (Hörfunk) wichtige Posten beim größten ARD-Sender mit Frauen besetzt werden - und dabei der eine oder andere Mann düpiert wurde. An Pleitgens Wiederwahl als Intendant dürfte das jedoch wenig ändern.

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