Medien : ARD: Was wollt Ihr denn nur alle?

Thomas Eckert

Es ist nicht immer alles Gold, was glänzt. Und nicht immer ist die Aussicht auf ein gutes Essen Garant für gute Laune. Kaum hatten die Vertreter der Presse und acht von zehn Fernsehfilmchefs der ARD im "Goldenen Saal" des Hamburger Nobelhotels "Atlantic" Platz genommen, da war die Stimmung auch schon dahin. Ein Mann stand auf und wollte wissen, ob es stimme, dass die Anstalten immer weniger Produktionen an freie Produzenten und immer mehr an eigene Tochterfirmen vergäben. Eine Frage, die Jürgen Kellermeier, Fernsehfilm-Koordinator der ARD, zunächst etwas ratlos ließ, ehe er dann nach der dritten oder vierten gereizt vorgetragenen Nachfrage zu der Antwort fand, dass dem nun wirklich nicht so sei.

Es war nicht die Schuld Kellermeiers, und es war nicht die Schuld des Fragestellers. Es war wohl einfach kein guter Tag für etwas, das als Pressegespräch über Pläne, Projekte und aktuelle Produktionen der Fernsehfilmredaktionen der ARD angekündigt war. Bis auf den SFB und Radio Bremen hatten alle Redaktionsleiter- und Redaktionsleiterinnen den weiten Weg nach Hamburg auf sich genommen, um in kurzen Statements mehr oder weniger ausführlich aufzulisten, was das Jahr 2001 bringen wird, und was sich für 2002 und 2003 in Planung befindet. Vielleicht hätten sich die Informationen auch in einer Pressemappe unterbringen lassen, aber ein so genannter Presse-Event lockt doch mehr Teilnehmer an.

Die Fernsehspielchefs kamen aus der defensiven Ecke nicht heraus: Das Gift war im Saal und wurde von allen Seiten verspritzt. Nach der Produzenten-Attacke musste sich Gabriela Sperl vom Bayrischen Rundfunk (BR) fragen lassen, ob nicht eine Interessenkollision vorläge, wenn sie als Fernsehspielchefin des BR auch die Autorin zweier Filme sei, die der BR 2001 zeigt? Sperl antwortete nicht mit Ja oder Nein, sondern mit dem Hinweis auf ihre Verdienste als Drehbuchautorin. Es war dann Jürgen Kellermeier, der mit der Bemerkung in die Bresche sprang, dass bei der ARD weder ein Gebot noch ein Verbot für Redakteure gäbe, Drehbücher zu schreiben: "Interessenkonflikte sind zu vermeiden".

Kollegen sprangen Frau Sperl in ihrer Bedrängnis bei. Wäre es denn nicht für alle nur von Vorteil, fragte Martin Buchhorn vom Saarländischen Rundfunk ("ich habe 20 Bücher geschrieben"), wenn die Redakteure bewiesen, dass auch sie etwas von der Sache verstünden? Und Geld gäbe es auch weniger, 50 Prozent des Üblichen, das müsse doch auch mal bedacht werden.

Nur ganz am Rande flackerte die "Süßstoff"-Debatte durch den Raum, also der Vorwurf aus der Experten-Ecke an die ARD, Masse unter Aufgabe von Klasse machen zu wollen. Diesem Anwurf trat Kellermeier gleich in seiner Eröffnungsrede entgegen: Das Fernsehspielprogrmm der ARD ruhe sicher und unverrückbar auf den drei "schlechterdings unvermeidbaren" Säulen Vielfalt, Qualität und Attraktivität. Qualität im Populären, Qualität im Anspruchsvollen, das sei das Ziel - gestern, heute, morgen, übermorgen. Und wer glaube, dass die ARD eine einheitliche Handschrift anstrebe, um mögliche Konkurrenten noch besser aus dem Rennen werfen zu können, der täusche sich: das sei weder möglich noch erwünscht. Und außerdem: "Die Privaten beneiden wir höchsten um ihren Quiz-Erfolg. Und sonst um gar nichts."

170 Fernsehfilme, Zweiteiler über Thomas Mann und Axel Springer, Polizeirufe, Tatorte, Komödien und Kritisches wird die ARD 2001 auf den Schirm bringen, 105 Filme sind Neuproduktionen. Als Qualitätskontrolle hat die ARD eine so genannte "Kleine Gruppe" organisiert, deren vier Mitglieder reihum von den Anstalten gestellt werden. Ihre vornehmste Aufgabe ist, alle Produktionen vor der Ausstrahlung noch einmal kritisch zu beäugen.

Ein Kontrollorgan, vielleicht eine interne Zensurstelle? "Wir haben doch gar keine Macht", sagt Gabriela Sperl, die mit Doris Heinze vom Norddeutschen Rundfunk, Liane Jessen vom Hessischen Rundfunk und Susan Schulte vom Südwestrundfunk zurzeit die "Kleine Gruppe" bildet. "Es geht weder um gut oder schlecht", sagt Doris Heinze, "es geht um eine vernünftige Planung. Wir bewerten die Erfolgschancen. Wenn wir glauben, die Chancen sind auf einem anderen Sendeplatz als dem vorgeschlagenen besser, dann sagen wir das. Mehr nicht." Zwischenruf Kellermeier: "Die Entscheidungen fallen in den Anstalten selbst. Nirgends sonst." Und die "so genannte Quote", wie Kellermeier formulierte? "Wenn wir einen Marktanteil von 15 Prozent erreichen, wie ihn die ARD im Durchschnitt hat, dann sind wir zufrieden", sagt Heinze.

Also alles Quatsch, was die "Zeit" über die "Quoten-Idioten" der ARD geschrieben hatte? "Sie glauben gar nicht, was wir uns alles gefallen lassen müssen", sagt Gabriela Sperl. Und zitiert aus einem Artikel der "Frankfurter Rundschau", in dem die ARD-Verantwortlichen ganz unverblümt beleidigt werden. Als was? Genau - "Idioten".

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