Arte-Doku : Versuchstier Mensch

Eine Arte-Dokumentation zeigt, wie westliche Pharmakonzerne in Indien forschen. Arme Menschen verkaufen sich hier besonders oft als Testpersonen.

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Die Testpersonen werden oft in indischen Krankenhäusern ausgesucht. Foto: Arte
Die Testpersonen werden oft in indischen Krankenhäusern ausgesucht. Foto: Arte

In einem Raum werden die Meerschweinchen gehalten. Verängstigt laufen sie hin und her oder bilden ein Knäuel in der Ecke ihrer Box. Wegen des ungewohnten fremden Besuchs, behauptet ein Mitarbeiter des indischen Forschungsinstituts Cadila, offenbar besorgt um das öffentliche Erscheinungsbild seines Arbeitgebers.

Ganz anders das Verhalten der „Versuchstiere“ in einem anderen Raum: Da liegen Menschen, Dutzende in einem Saal apathisch oder gelangweilt auf ihren Betten. Dass gerade ein Kamerateam erschienen ist, entlockt diesen Tagelöhnern im Dienste der Medizin kaum eine Regung. Die Führung durch die Firma übernimmt der Chef persönlich. Modi Indrovadan, ein älterer, ruhiger Herr, lässt sich bereitwillig filmen, als er mit einem prächtigen Rolls Royce vorfährt. Kein Zweifel: Es ist viel Geld im Spiel.

In „Menschen als Versuchstiere“ geht Dokumentarfilmer Paul Jenkins in Indien einer besorgniserregenden Entwicklung nach. Die Pharmakonzerne lassen mittlerweile rund ein Drittel ihrer klinischen Studien vor der Einführung neuer Medikamente in Entwicklungs- und Schwellenländern durchführen. Sie selbst treten dort jedoch nicht in Erscheinung, sondern beauftragen Institute wie Cadila, die häufig mit den Krankenhäusern vor Ort zusammenarbeiten. „Die Patienten sind verständnisvoll und sehr kooperativ“, sagt Jay Karnani, Chefarzt einer Klinik in Zentralindien. „Alles läuft reibungslos.“

Dass nicht immer alles reibungslos läuft, erzählt Jenkins gleich zu Beginn seines Films. Da sieht man die verzweifelten Eltern des 25-jährigen Surender Kolagani, der an den Folgen der Medikamenteneinnahme starb. Woran genau, bleibt unklar. Entschädigung gab es keine, die Eltern erfahren nur, dass ihr Sohn gleichzeitig an mehreren Studien teilgenommen hätte. Versuchspatientin Leela Madhukar will nach diversen Beschwerden an keinen Studien mehr teilnehmen. Allerdings weiß nicht einmal ihr Hausarzt, welche Medikamente sie verabreicht bekommen hat. Folglich kann er ihr gegen die Beschwerden keine Arznei verschreiben. Leela wohnt in einer Armensiedlung. Kein Zweifel: Die 95 Euro, die sie für die Teilnahme an der Studie erhalten hat, sind viel Geld.

Jenkins Arbeit ist kein filmästhetisches Meisterwerk, was in der Natur der Sache liegt. Pharmakonzerne und die beauftragten Firmen lassen sich nicht gerne in die Karten schauen. Dennoch ist es dem Autor gelungen, bei den Besuchen bei Cadila und in Krankenhäusern aufschlussreiche Beobachtungen zu sammeln. Der Rest sind überwiegend Interviews mit Ärzten und Forschern, Kritikern und Bürgerrechtlern, Studienteilnehmern oder deren Angehörigen.

Diese zahlreichen Gespräche setzen sich zu einem Puzzle zusammen, dessen Gesamtbild erschreckend ist: Besonders für die arme Bevölkerung ist die Teilnahme an solchen Versuchen ein verlockendes Angebot. Sie sind billig zu haben, doch Transparenz und Kontrolle der klinischen Studien lassen in Indien gewaltig zu wünschen übrig. Thomas Gehringer

„Menschen als Versuchstiere“, Arte, 22 Uhr 50

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