Arte-Film mit Ina Weisse und Erika Maroszán : Ein Drama um Liebe und Lust

Rainer Kaufmanns Fernsehfilm „Ich will dich“ erzählt kraftvoll und sinnlich von zwei Hetero-Frauen, die sich ineinander verlieben.

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Ein existenzieller Trip aus Liebe und Lust. Marie (Ina Weisse, l.) und Ayla (Erika Marozsán, r.) wollen trotz Familie und Partnern nicht voneinander lassen.
Ein existenzieller Trip aus Liebe und Lust. Marie (Ina Weisse, l.) und Ayla (Erika Marozsán, r.) wollen trotz Familie und Partnern...Foto: WDR/Conny Klein

„Ich bin nicht lesbisch, falls du das meinst“, sagt Marie in herausforderndem Ton. „Ich auch nicht“, antwortet Ayla. Dann wäre das ja geklärt. Allerdings sind sich die Frauen beim ersten Kennenlernen auf eine sie selbst irritierende Weise nahegekommen. Ein gemeinsames Wochenende mit den Partnern, die Männer beim Segeln, und die lebhafte, etwas chaotische Ayla lockt die spröde Marie aus ihrem Schneckenhaus. Durch das Laub im Wald kugelnd, auf der Suche nach Aylas verloren gegangenem Ring, wird man warm miteinander, und die ansteigende Hitze entlädt sich in einem ersten Kuss, just in dem Augenblick, als die beiden Männer von ihrer Tour zurückkehren. So geht es los mit der Liebesgeschichte von Marie und Ayla, die von Regisseur Rainer Kaufmann in dem Fernsehfilm „Ich will dich“ kraftvoll, ernsthaft und sinnlich erzählt wird. Er ist einer der ersten Höhepunkte im Fernsehjahr 2015.

Alles andere als oberflächlich

Zwei Hetero-Frauen erleben miteinander Liebe und Lust, manövrieren jedoch weiter durch ihren Alltag, als könnten sie alles miteinander vereinbaren, ihre gegenseitige Zuneigung und Begierde, die Männer, die scheinbar heile Familienwelt mit Kindern und Schwiegereltern. Das könnte alles ziemlich seltsam und auch kitschig werden, aber Szenen wie die im Wald, als Marie den Ring tatsächlich findet, ausgerechnet unter einer Schnecke, bleiben seltene Ausreißer. Vor allem die so dünnhäutig, empfindsam wirkende Ina Weisse sorgt dafür, dass hier jeder Moment intensiv und alles andere als oberflächlich erscheint.

Architektin Marie arbeitet mit ihrem Mann Bernd (Ulrich Noethen) in einem gemeinsamen Büro, ihre beiden Kinder im Teenageralter entdecken die erste Liebe und den ersten Joint. Bernd möchte endlich auch für die eigene Familie ein Haus bauen, als Dom (Marc Hosemann), ein alter Freund, überraschend zu Besuch kommt und seine Verlobte Ayla mitbringt. Marie ist überwältigt und sträubt sich doch, läuft nach einem wilden Kuss auf der Tanzfläche weg, beendet das Ganze, als Ayla schwanger wird, und kann doch nicht von ihr lassen. Ina Weisse und Erika Maroszán, als spontan-fröhliche Ayla das Ziel von Maries Begierde, harmonieren wunderbar. Es knistert gehörig, auch ohne dass die Kamera derart ausdauernd um die beiden kreisen müsste, bis einem schwindelig wird.

Das Drehbuch will nichts erklären, sondern nur erzählen

„Ich will es verstehen“, bedrängt Bernd seine Frau, als die Wahrheit ans Tageslicht gekommen ist. Bernd lädt gerne schon mal Arbeit bei Marie ab und betrügt sie mit einer Mitarbeiterin, doch das Drehbuch von Kathrin Richter und Jürgen Schlagenhof will nichts erklären oder Urteile frei Haus liefern, es will nur spielen, besser gesagt: erzählen. Was zwischen Marie und Ayla passiert, passiert eben. Die Liebe ist hier eine Macht, der man sich nicht entziehen kann. Und der man, wie Marie gegen Ende, verzweifelt hinterherrennt, weil nichts anderes mehr zählt. Ina Weisse nimmt das Publikum mit auf einen existenziellen Trip, bei dem es letztlich nebensächlich ist, ob es um eine gleichgeschlechtliche Partnerschaft geht.

Keine Nebensache ist das Familiendrama. Auch hier drängen das Drehbuch und die Regie des Grimme-Preisträgers Kaufmann („Marias letzte Reise“, „In aller Stille“) den Zuschauern keine moralische Bewertung auf. Marie sorgt sich um ihre 14 Jahre alte Tochter Lily (Gina Stiebitz), die einen Freund hat und die Pille nehmen möchte, entwickelt aber auch Verständnis. „Ich habe mich gerade daran erinnert, wie das ist, wenn man verliebt ist“, sagt sie. Jonas (Matti Schmidt-Schaller) muss Sozialstunden ableisten, weil er mit Drogen erwischt wurde. Er begreift als Erster, was in der Familie wirklich läuft.

Es stimmt nichts mehr in dieser Mittelschichts-Idylle, dennoch kämpft jeder redlich um deren Erhalt. „Ich will dich“ erzählt auch von der vergeblichen Sehnsucht nach Harmonie. Marie will am liebsten alles, Ayla, deren Kind und die eigene Familie.

„Ich will dich“, Freitag um 20 Uhr 15, Arte

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