• Auf Kurs zur Schatzinsel Noch lesen nur wenige E-Books. Doch die digitale Buch-Revolution

Medien : Auf Kurs zur Schatzinsel Noch lesen nur wenige E-Books. Doch die digitale Buch-Revolution

wirft ihre Schatten voraus. Einerseits gehen den Verlagen schon jetzt Millionenbeträge durch Piraterie verloren. Andererseits setzen neue Formate Kreativität in der Branche frei.

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Mit Julia Schramm erwischte es ausgerechnet eine Piratin. Den Begriff „geistiges Eigentum“ lehnt sie ab, ganz wie ihre Partei sich für das freie Kopieren von Inhalten im Internet einsetzt. Als dann ihr Buch „Klick mich“ kurz nach der Veröffentlichung im September letzten Jahres als Raubkopie im Internet auftauchte, war plötzlich alles anders. Ihr Verlag ließ das illegale Gratisexemplar sperren – mit Einverständnis der Autorin. Was folgte, war ein Sturm der Beschimpfungen und Verunglimpfungen in sozialen Netzwerken, vor allem auf Twitter. Plötzlich war Schramm eine Verräterin.

Recht und wie man es empfindet, hat offenbar auch immer damit zu tun, ob es einem gerade subjektiv nutzt oder schadet. Ganz objektiv gesehen schadet E-Book-Piraterie, also das illegale zur Verfügungstellen und Herunterladen von E-Books, denen, die sie legal verkaufen wollen. Der Börsenverein des deutschen Buchhandels schätzt die Einnahmen, die der Kulturbranche in Deutschland jährlich durch illegale Downloads entgehen, auf 450 Millionen Euro. Die Zahl stammt aus dem Jahr 2010 – seither ist vor allem das Angebot an E-Books stark gestiegen.

Wie hoch die Verluste durch Anbieter illegaler Seiten für deutsche Verlage und Autoren tatsächlich sind, lässt sich nicht genau beziffern. Die Autoren der Studie „Gutenberg 3.2“, die sich seit einigen Jahren mit E-Book-Piraterie beschäftigen, gehen davon aus, dass der Umsatzverlust weltweit bei mehr als einer Milliarde Dollar liegt. Nach Auswertung von Stichproben haben sie hochgerechnet, dass sich die Zahl der illegal erhältlichen Titel derzeit zwischen drei und sechs Millionen liegt. Die zunehmende Verbreitung von Lesegeräten – seien es reine E-Reader oder vielseitigere Tablet-Computer – führt den Experten zufolge automatisch zu mehr Nutzern illegaler Dienste.

Nach einer gemeinsamen Studie der Musikindustrie, des Börsenvereins und der Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen (GVU) hat im Jahr 2011 mehr als ein Drittel der Deutschen digitalisierte Medieninhalte online genutzt oder heruntergeladen. Speziell bei E-Books waren es demnach 3,4 Millionen, knapp 50 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Etwa ein Zehntel der E-Books stammen von illegalen Quellen, bei den jüngeren Nutzern (18-22 Jahre) ist es sogar knapp ein Fünftel.

Die Wege, auf denen die illegalen Buchkopien zu den Nutzern gelangen, sind unterschiedlich. Ein kleiner Teil nutzt Peer-to-Peer-Netzwerke, bei denen die Teilnehmer gleichzeitig herunterladen und den übrigen Teilnehmern Inhalte zur Verfügung stellen. Die überwiegende Mehrheit bedient sich auf Plattformen, die Links zu Servern sammeln, auf denen wiederum illegale Exemplare liegen, wie es in der „Gutenberg“-Studie heißt. Die Server stehen meist im Ausland, die Links ändern sich ständig. Beides erschwert Ermittlung und Strafverfolgung.

Noch findet die große Masse der E-Book-Piraterie bei wissenschaftlicher Literatur statt. Dort hat die Digitalisierung bereits vor Jahren eingesetzt. Schüler und vor allem Studenten sparen sich die teuren Fachbücher, indem sie sich die Exemplare günstig im Netz besorgen. Nach Einschätzung des Börsenvereins wird sich dieses Bild aber bald wandeln. „Im Bereich Belletristik verbreiten sich E-Books erst seit kurzem“, sagt Hauptgeschäftsführer Alexander Skipis. Im Jahr 2015 dürfte der Umsatz laut einer Studie der Beratungsgesellschaft Pricewaterhouse-Coopers mehr als 350 Millionen Euro erreichen. „Und je stärker die Nachfrage wächst, desto größer wird das Angebot an illegalen Downloads“, glaubt Skipis.

Für den deutschen Buchhandel ist der Schaden, der durch E-Book-Piraterie entsteht, noch überschaubar. Vom Gesamtjahresumsatz, der bei knapp zehn Milliarden Euro liegt, machen E-Books zwei Prozent aus. Damit hat sich der Anteil zwar zu 2011 verdoppelt, ist aber absolut gesehen eher bescheiden.

Ein Blick in die USA zeigt jedoch, dass das nicht so bleiben muss. Kürzlich meldete der US-Versandhändler Amazon ein Umsatzplus von 70 Prozent bei E-Books und Lesegeräten. „E-Books sind ein Multimilliarden-Dollar-Geschäft“, sagte Unternehmenschef Jeff Bezos. Und Wayne White, Vize-Chef des kanadischen E-Book-Spezialisten Kobo glaubt, das Thema E-Reading stecke „noch in den Kinderschuhen“.

Ganz so optimistisch ist Alexander Skipis nicht. Der deutsche E-Book-Markt wachse verhältnismäßig langsam. „Unser Markt ist mit dem US-Markt nicht vergleichbar.“ Das liegt zum einen an der Buchpreisbindung, die ein großes Sterben von Buchhändlern verhindert. Zum anderen sind die Entfernungen hierzulande nicht so groß wie in den USA. Wer heute bei seinem örtlichen Händler ein Buch bestellt, kann es meist morgen abholen. Eine so dichte Infrastruktur gebe es in den USA nicht, sagt Skipis. Dennoch glauben deutsche Verlage, dass sie bereits in zwei Jahren 17 Prozent ihres Umsatzes mit E-Books erzielen werden. Im vergangenen Jahr waren es fünf Prozent.

Unterschätzen wollen Verlage und Händler den illegalen Download von E-Books aber keinesfalls. Zu präsent ist ihnen die Erfahrung der Musikindustrie. Deren Umsatz hat sich seit 2000 halbiert. Die Branche sieht das vor allem als Folge der Piraterie. Statt selbst attraktive Downloadplattformen zu schaffen, lief die Branche Sturm gegen Plattformbetreiber und Nutzer. Die Unternehmen mahnten ab, strengten Prozesse an, drangen darauf, dass auch Jugendliche hohe Strafen bekamen. Der Ruf der Branche nahm Schaden, ohne dass der Umsatzschwund gestoppt wurde.

„Aus den Fehlern, die die Musikindustrie anfangs gemacht hat, haben wir viel gelernt“, beteuert Skipis. Die Branche konzentriere sich darauf, die Betreiber illegaler Plattformen zu bekämpfen, aber nicht deren Kunden. „Wir wollen unsere Leser nicht kriminalisieren. Abmahnungen halten wir nicht für zeitgemäß.“ Auch auf einen technischen Kopierschutz, wie ihn einst die Musikindustrie einsetzte, verzichte man zunehmend. Stattdessen sollen Hinweise an das Gewissen der Leser appellieren.

Von der Politik erwartet die Branche gleichwohl eine härtere Gangart. „Bei E-Book-Piraterie handelt es sich nicht um Schulhoftaten. Wir reden hier über organisierte Kriminalität.“ Wenn die Server mit den illegalen Inhalten dort stünden, wo die deutsche Justiz keinen Zugriff habe, müsse man ernsthaft eine Provider-Haftung ins Auge fassen.

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