Medien : Aufwühlend

Der tote Fußballer auf Seite 1 von „Bild“ / Ein Fall für den Presserat?

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Es ist gerade mal zwei Monate her. Am 26. November sprach der Deutsche Presserat eine öffentliche Rüge gegen den „Berliner Kurier“ aus, weil das Blatt auf Seite 1 ein zwei Tage altes Foto der schwer verletzten schwedischen Außenministerin gezeigt und darüber geschrieben hat: „Hier stirbt Anna Lindh“. Ein schwerer Verstoß gegen die Ziffern 1 und 11 des Pressekodex, urteilte das Selbstkontrollorgan und meinte damit nicht das Foto, das als Dokument der Zeitgeschichte durchaus gezeigt werden durfte. Gemeint war die unangemessen sensationelle Aufmachung durch die Schlagzeile auf Seite 1.

Walter Mayer, der Stellvertreter des „Bild“Chefredakteurs, sagte gestern, dieses Urteil hätte er „nicht präsent“ gehabt, als er die „Bild“ vom Dienstag produzierte. Die Seite 1 dieser Ausgabe zeigt ein Bild des toten ungarischen Benfica-Fußballspielers Miklos Feher. Mit aufgerissenen Augen liegt er auf dem Spielfeld (siehe Sportteil). „Hier stirbt Herthas Hoffnung“, steht darüber groß in der Regionalausgabe Berlin/Brandenburg. In der Bund-Ausgabe ist das Foto ebenfalls auf Seite 1, wenn auch kleiner. Das Bild, von der Agentur Reuters verbreitet, wurde im Fernsehen gesendet. Auch andere Boulevardblätter – der „Berliner Kurier“, die „B.Z.“, die Münchner „tz“ und der Kölner „Express“ – druckten das Foto. Allerdings im Blattinneren und nicht auf Seite 1 wie „Bild“. Die Springer-Zeitung wollte mit dem spektakulären Foto, das über dem Bruch, also auf der oberen Hälfte des Blattes, gezeigt wird, ganz offensichtlich vor allem eines: die Auflage ankurbeln. „Bild“-Chef Mayer räumt denn auch ein, dieses Foto nur nach einem Kriterium ausgewählt zu haben: „Es war von allen das aufwühlendste.“

Bei Reuters hieß es dazu, man verstehe sich als Dienstleister von Redaktionen. Wie mit der gelieferten Ware umgegangen werde, sei allein die Sache der Journalisten. „Bild“ dürfte damit – mal wieder – ein Fall für den Presserat werden – so es denn eine Beschwerde aus der Bevölkerung gibt. usi

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