Ausblick auf 2011 : „Der TV-Film ist lebendiger denn je“

ZDF-Fernsehspielchef Reinhold Elschot über neue Kinoplätze, die ewigen Krimis und „Bauer sucht Frau“

Foto: ZDF Foto: Wolfgang Lehmann
Foto: ZDFFoto: Wolfgang Lehmann

Herr Elschot, ich denke, ein geübter Fernsehzuschauer kann mit 90-prozentiger Wahrscheinlichkeit einen ZDF-„Fernsehfilm am Montag“ erkennen. Wäre das für Sie ein gutes Zeichen?

Wenn das so wäre, dann hätten wir viel erreicht. Das hieße ja, dass der Zuschauer unseren Fernsehfilm der Woche bei aller Unterschiedlichkeit der Filme als Marke erkennt. Natürlich prägen bestimmte Autoren, Regisseure, Schauspieler, Produzenten den Sendeplatz mit, und wir präferieren auch bestimmte Genres: Wir sind bekanntlich sehr stark im Krimi- und Thriller-Bereich.

Und deshalb muss es immer und immer wieder Krimi sein?

Aber gerne doch! Zum einen können Sie im Kriminalfilm die Welt in all ihren Schattierungen erzählen, und zum anderen ist ja Krimi nicht gleich Krimi. Nehmen Sie einmal nur die Filme von Matti Geschonneck und die von Lars Becker. Beide heißen Krimi/Thriller, doch unterschiedlicher können Filme kaum sein. Dort ist der Thriller eigentlich ein ernstes, unter die Haut gehendes Familiendrama, hier eine schnelle, hollywoodeske Kriminalkomödie mit sozialem Anliegen. Oder unser „Mörder auf Amrum“: ein Insel-Western! Wir nehmen und nutzen das Genre, um interessante, spannende Geschichten zu erzählen.

Können Sie einige Beispiele fürs kommende Jahr geben?

Ich nehme einmal die Filme, deren Rohschnitt ich zuletzt abgenommen habe, und die ergeben schon einen gewissen Prospekt: da wäre „Der Teufel weiß es“ mit Jürgen Vogel und Silke Bodenbender, ein Mystery-Thriller von Matthias Glasner, dem es gelingt, Mystery und Emotion zu verbinden. Wir haben ein hartes Drama wie „Ich habe es dir nie erzählt“: Barbara Auer als alleinerziehende Mutter, die sich neu verliebt und der das Leben durch ihre eifersüchtige Tochter fast unmöglich gemacht wird. Oder Anna Loos in „Die Lehrerin“: hier erzählen wir, wie jemand, der Opfer einer Amoktat geworden ist, mit dieser traumatischen Erfahrung weiterlebt. Wir haben eine Komödie mit Peter Heinrich Brix: „Fischer sucht Frau“ über einen Krabbenfischer, der sich in eine Marokkanerin verliebt. Die zieht mit in die deutsche Provinz und erlebt dort ihr blaues Wunder. Und noch ein Highlight: Matti Geschonnecks „Liebesjahre“, ein Vier-Personen-Stück mit Iris Berben, Peter Simonischek, Nina Kunzendorf und Axel Milberg. Ein Ex-Ehepaar trifft sich nach längerer Zeit wieder, um das gemeinsame Haus zu verkaufen. Dabei brechen alte Verletzungen wieder auf, ein Film mit viel Liebes- und, ja, Lebensschmerz.

Hat sich das Einzelstück wieder gefangen? Der Fernsehfilm wird ja alle zehn Jahre für tot erklärt.

Ich sehe die Entwicklung überaus positiv. Wir sind gerade dabei, die Stoffe fürs nächste Jahr zu sondieren. Wir hatten so viele Angebote wie lange nicht mehr, und wir haben jetzt noch 60 Stoffe und Drehbücher in der engeren Auswahl. Die sind alle so gut, dass wir sie in Auftrag geben könnten. Ich habe aber nur 23 Erstsendungen für den Montag. Das wird noch schwierig. Der Tod des Fernsehfilms wird immer ausgerufen, wenn ein Sender sein Fiction-Angebot erheblich reduziert. RTL etwa sucht sein Heil gerade nicht in der Fiction, aber Sat 1 ist doch dabei, sich dort neu aufzustellen. Also: kein Anzeichen von Schwäche oder gar Tod, wir sind vielleicht gerade lebendiger denn je.

Und die Zuschauer goutieren das Angebot?

Und ob. Unser „Fernsehfilm der Woche“ läuft seit Jahren gegen sehr harte Konkurrenz: immer gegen den „Millionär“ und oft gegen „Bauer sucht Frau“. Dort sind schon einmal sieben oder acht Millionen Zuschauer, die uns nicht schauen. Wenn dann noch Sat 1 „Danni Lowinski“ oder gar die „Säulen der Erde“ zeigt, wird es für uns noch härter. Dass wir dieser Konkurrenz trotzen, ist schon bemerkenswert. Das bedeutet, dass wir dem Zuschauer offenbar etwas geben, was er mag, was er schätzt. Wir sind substanziell unterhaltsam, wir haben etwas zu erzählen, und, ja, wir wollen den Menschen Glück verschaffen: Glück entweder im Kopf oder im Herzen, am besten da und dort.

Die Beteiligung des ZDF an der Filmförderung beträgt 18,5 Millionen Euro. Wie wird das Geld „angelegt“?

Das ZDF setzt beim Kino auf ein Vier-Säulen-Modell. Da gibt es das „Kleine Fernsehspiel“, hinter diesem traditionsreichen Namen verbergen sich auch viele Kino-Koproduktionen, etwa der „Beste Europäische Film des Jahres 2010“, Lancelot von Nasos „Waffenstillstand“ oder die Oscar-Nominierung „Ajami“. Dann haben wir den ambitionierten deutschen Kinofilm: Dafür steht jemand wie Christian Petzold – bei seinem neuen Film „Barbara“ sind wir wieder dabei. Die dritte Säule: Family-Entertainment à la „Hanni und Nanni“, und zur Zeit wird Cornelia Funkes „Als der Weihnachtsmann vom Himmel fiel“ verfilmt. Was wir neu machen, ist die junge deutsche Komödie. Da hatten wir „Maria, ihm schmeckt’s nicht“ koproduziert, jetzt machen wir gerade „Offroad“ mit Nora Tschirner, dann eine bayerische Provinz-Sozial-Komödie um Insolvenz und Telefonsex, toll besetzt mit Gisela Schneeberger und Rosalie Thomass.

Das klingt recht populär. Dafür gibt es doch gar keine 20-Uhr-15-Sendeplätze?

Wir wollen den Donnerstagabend zum Kinoplatz machen. Im neuen Programmschema könnte das gelingen. Da werden dann vor allem amerikanische und europäische Spielfilme laufen; wir könnten hier in Ergänzung zum eher krimi- und thrillergeprägten Montags-Kino auf Romantic Comedy gehen oder große Filme wie „Operation Walküre“ zeigen. Dort würden auch unsere deutschen Kinofilme laufen und gelegentlich Fernsehfilme mit Kino-Anmutung. Und das alles um 20 Uhr 15. So würden wir den deutschen Film wirklich stützen.

Und die Reihen am Samstag?

Da haben wir derzeit zehn gut laufende Formate mit exzellenten Protagonisten. Ob „Wilsberg“, „Stubbe“, „Ein starkes Team“ oder „Unter Verdacht“ – der Samstag lebt von Qualität und Vielfalt. Wir werden sehen, ob sich auf längere Sicht jedes Format halten kann – wir überprüfen laufend Qualität und Akzeptanz.

Das Interview führte Rainer Tittelbach.

Reinhold Elschot, 59, Hauptredaktionsleiter Fernsehspiel und

Stellvertretender

Programmdirektor beim ZDF.

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