Medien : Aussitzen als Prinzip

Die Quoten des „Kanzlerbungalow“ sind miserabel. Dem WDR scheint das nichts auszumachen

Thomas Gehringer

Nur die Quote zählt? Nicht doch, hier ist der Gegenbeweis: „Kanzlerbungalow“, die auf jugendlich getrimmte Polit-Liveshow aus Bonn, erhält vom WDR eine zweite Chance. „Ich bin wahnsinnig glücklich, dass sich der Sender dazu durchgerungen hat“, sagt Gastgeber Steffen Hallaschka. Das ist trefflich formuliert. Denn dass der „Kanzlerbungalow“ bei einem Durchschnitt von gerade mal 160 000 Zuschauern (bundesweit!) und einem Marktanteil von selbst im WDR- Stammland Nordrhein-Westfalen nur 2,3 Prozent nicht fluchtartig geräumt wurde, grenzt an ein Wunder. Jedenfalls widerspricht es den Gepflogenheiten in der Fernsehbranche. Allerdings ist es auch eher unüblich, dass bei einem deutschen Sender mal ein Format erfunden wurde, das „man nicht bei der BBC oder in Japan eingekauft oder bei RTL abgeguckt hat“, wie Hallaschka bemerkt. Da lässt man doch etwas mehr Geduld walten, zumal die Idee des Redaktionsteams am Ende der ersten Staffel aufgegangen sei, wie WDR-Programmdirektor Ulrich Deppendorf behauptet. Also startet am heutigen Donnerstag die zweite Staffel. Als Gast kommt, wie passend, Oskar Lafontaine. Der bastelt ja ebenfalls an seinem Comeback.

Allerdings soll im einstigen Bonner Kanzler-Domizil von Ludwig Erhard, Helmut Kohl & Co. „mehr Ruhe und Bodenhaftung“ einziehen, verspricht Hallaschka. Das klingt zwar nicht mehr ganz so jugendlich-hipp, aber auch den Machern in Köln dämmerte nach den ersten, zum Teil ziemlich chaotischen Sendungen, dass der Grundgedanke, ein junges Publikum vor allem mit hohem Tempo zu erreichen, „ein Missverständnis sein kann“ (Hallaschka). Es komme eher auf den Grundton der Sendung und die Art der Fragen an. Also wurde die Schar der Reporter auf zwei (Patricia Pantel, Michael Wigge) reduziert und die Reporter-Schalten ganz gestrichen. Selbst mit seiner Mutter will der 32-jährige, aus Kassel stammende Berliner „nicht mehr regelmäßig vorsätzlich telefonieren“. Jedenfalls nicht in der Sendung. Denn statt 45 gilt es nur noch 30 Minuten zu füllen. So großzügig ist der WDR auch wieder nicht.

Hallaschkas Rolle, das ist die gute Nachricht, wird aufgewertet. Das Gespräch mit dem Gast soll intensiver werden. Auch an der Optik, die zum Teil „zu düster und zu verwirrend“ gewesen sei, werde gefeilt. Besonders während der Interviews, heißt es, sollen keine optischen Kabinettstückchen mehr unnötig ablenken. Den wichtigsten Gesprächsstoff soll weiterhin der Generationenkonflikt bieten: Er wolle die Themen aus der Perspektive der 20- bis 40-Jährigen anpacken, sagt Hallaschka. Lafontaine zum Beispiel wolle er fragen, warum er sich 1998 „als Hoffnungsträger der Linken einfach verpisst hat“. Immerhin hatte Erstwähler Hallaschka 1990 bei Lafontaines Kanzlerkandidatur SPD gewählt.

Vielleicht schafft es der „Kanzlerbungalow“ damit endlich mal zu vier Prozent Marktanteil. „Das muss jetzt mal passieren“, sagt Hallaschka. Ohne eine „kleine Steigerung“ sei er wohl zu Weihnachten den Job los. Irgendwann zählen sie halt doch, die Quoten.

„Kanzlerbungalow“, Do., WDR, 23 Uhr.

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