Medien : Bagdad, Luzern, Köln-Mülheim

Unterhaltungsshows in Kriegszeiten, die Fernsehsender tun sich schwer damit. Ob „Wetten, dass…?“ laufen wird?

Markus Ehrenberg

Haben Sie auch schon Ihre Programmzeitschrift weggeschmissen? Kann man ja machen. All die bunten Hefte mit ihren zig Seiten sind in diesen Tagen nichts wert – beim Fernsehprogramm geht es drunter und drüber. Unterhaltung oder Nicht-Unterhaltung, das ist eine der großen Fernseh-Fragen in Zeiten des Krieges. Serien fallen reihenweise aus, weil im Irak Bomben fallen, Moderatoren von Nachrichtensendungen machen Überstunden und für Sonnabend steht der „worst case“ aller Programmänderungen an: Kommt „Wetten, dass…?“, oder kommt es nicht?

Ob das ZDF-Flaggschiff morgen in Luzern wie geplant über die Bühne gehen wird, ist trotz einer positiv gestimmten Pressekonferenz am Freitag ungewiss. Alle Optionen werden offen gehalten, um auf die aktuelle Weltlage reagieren zu können, so Moderator Thomas Gottschalk. Eine Aufzeichnung mit späterer Ausstrahlung sei nicht geplant. Notfalls könne die Show eine Stunde vor dem eigentlichen Sendebeginn um 20 Uhr 15 abgesagt werden. Er wünsche sich ein Publikum, das seine Sendung ohne Wenn und Aber genießen könne, und er habe gelernt, dass auch Menschen mit gedrückter Stimmung Unterhaltung wollten. „Wetten, dass…?“ als eine versöhnliche Familienunterhaltung sehe er dabei auch als eine Art Kontrapunkt zu den aktuellen Ereignissen. „Ich hoffe, dass ich aus meiner Stimmung heraus die richtigen Worte und eine Linie finden werde, die dem aktuellen Geschehen angemessen sind.“ So richtig überzeugt klang Gottschalk dabei nicht, zumal er sich am Tag davor kaum vorstellen konnte, dass „irgendwelche Wetten präsentiert werden, und unten gehen Laufbänder zum Krieg durchs Bild.“

Darüber hinaus ist unklar, wen der Moderator auf seiner Wettcouch begrüßen kann. Die US-amerikanischen Gäste Lisa Maria Presley und die Sängerin Kelly Rowland haben schon abgesagt. Hartnäckig hält sich das Gerücht, dass der Sender Ex-Präsident Bill Clinton eingeladen habe, um der Sendung eine politische Dimension zu geben. Aber wer weiß, ob die anderen Gäste Lust und Nerven haben, vor einem Millionenpublikum unterhaltsam zu sein, während zeitgleich im Irak Menschen sterben.

„Die Entscheidung für Live-Sendungen würde ich immer von den Gästen abhängig machen“, rät Autor Wolfgang Menge, selbst ein „Opfer“ von aktuellen Programmänderungen. Dass Wiederholungen wie Menges Satire „Ein Herz und eine Seele“ am Donnerstagabend aus dem ARD-Programm genommen werden, kann er nicht nachvollziehen. „Das ist verlogene Heuchelei.“

Dass sehen die meisten Sender anders. ARD und Pro 7 verzichten konsequent auf Comedy. Der Münchner Privatsender schmiss Stefan Raabs „TV Total“ aus dem Programm. Das ist wohl besser so. Bei Raabs erstem Auftritt zwei Wochen nach den Anschlägen vom 11. September hatte der Komiker eine schlechte Figur gemacht. Nun will RTL mit „der gebotenen Sensibilität“ an die Programmplanung der nächsten Tage herangehen, so ein Sprecher. Ihr fielen bereits „Freitag Nacht News“ und die Action-Serie „Airwolf“ zum Opfer. Am Sonnabend könnte die Erfolgsshow „Deutschland sucht den Superstar“ betroffen sein.

Krieg oder Lustig-Sein? Sat 1 regelt das Problem quasi selbstreferenziell – mit Allzweck-Unterhaltungswaffe Harald Schmidt. Am Donnerstagabend meldete er sich in strammer Haltung mit militärischem Gruß bei seinem Publikum und hieß die Zuschauer herzlich willkommen bei „Deutschlands Nachrichtensender Nummer eins“. Schmidt ließ sich in Anlehnung an die übliche Kriegsberichterstattung im Fernsehen mit seinem Korrespondenten Manuel Andrack verbinden, der im Studio vor einer großen Kölner Landkarte saß:

Harald Schmidt: „Ich habe keine Blickverbindung zu Andrack – wie ist die Lage in Köln-Mülheim?“

Andrack: „Hier herrscht gespenstische Ruhe“.

Schmidt: „Können Sie abschätzen, wie lange Sie bleiben können?“.

Andrack: „Ich melde mich, sobald ich etwas Neues erfahre.“

Schließlich beantwortete Schmidt selbst die Frage, ob Unterhaltungssendungen „im Zeichen des Irak-Krieges“ ausfallen sollten. Schmidt: „Es sollten viele Sendungen ausfallen – aber dafür muss es keinen Krieg geben.“

Viel weiter bringt das Gottschalk und „Wetten, dass…?“ nicht. Vielleicht sollte das ZDF noch Harald Schmidt einladen. Übrigens hat Geraldine Chaplin zugesagt. Eine Amerikanerin.

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