Medien : Band ohne Normalen

Anrührender ARD-Film über rockende Psychiatrie-Insassen

Thomas Gehringer

Bonnies Stern am Schlagerhimmel strahlt längst nicht mehr. Ihr einziger Hit ist nur noch bei der Eröffnung von Autohäusern gefragt – und beim „Irren-Radio“, das die Schnulze zur Begrüßung der neuen Insassin hervorkramt. Aggressive Ausbrüche, denen zum Beispiel die Finger eines Bar-Pianisten zum Opfer gefallen sind, haben Bonnie in die Klinik gebracht, und selbst die elfjährige Tochter scheint ganz froh zu sein, dass sie zu ihrer Oma darf und nicht länger bei ihrer launenhaft-frustrierten Mutter bleiben muss. „Verrückt ist auch normal“ (ARD, 20 Uhr 15) hat eine tragische Ausgangssituation, aber hinter den Mauern der Psychiatrie trifft Bonnie auf Leidensgenossen, die wirklich verrückt sind – nach Musik.

„Das Leben ist absurd. Und eine Tragikomödie kann das Leben am besten darstellen“, meint Regisseurin Vivian Naefe. Sicher ist auch der Film ein wenig absurd, etwa wenn es für die Psychiatrie-Patienten gilt, mal eben eine Lastwagenladung von Instrumenten zu stehlen. Aber die Idee überzeugt, das bekannte Schema von den vermeintlich Irren und den verrückten Normalen mit dem Genre Musikfilm zu kombinieren: Denn wie lässt es sich leichter aus dem tristen Alltag ausbrechen als eben mit Musik? Diesen Traum erfüllt sich hier ein Reigen sympathisch-abgedrehter Figuren. Neben der von Gruschenka Stevens gespielten Bonnie sind dies Bankräuber Plischka (Lucas Gregorowicz), der im selbst gegrabenen Tunnel stecken blieb und nun unter Erstickungsängsten leidet, Landwirt Rufus (Heinrich Schmieder), der zwanghaft Obszönes ausstößt, sowie der Installateur Pluto (Dieter Pfaff), der unter einem Gehirntumor leidet, aber eher aus Einsamkeit in der Anstalt verweilt.

Gemeinsam werden sie im Laufe des Films zu der Band „Patienten“, und das ist nicht nur eine anrührende Geschichte, das klingt auch ganz passabel. Denn alle Schauspieler sind in ihrer Freizeit passionierte Musiker, auch Schwergewicht Dieter Pfaff, der seit seiner Jugend Gitarre spielt und in dem ARD-Film sogar einmal wie Joe Cocker gewaltig ins Mikro singen darf. Natürlich spielt Pfaff hier wieder einen warmherzigen Riesen, der am Ende seinen Frieden im weiß gekachelten, paradiesisch ausgestatteten Installateur-Himmel findet.

Im Übrigen wird in dem über drei Jahre entwickelten ARD-Film die aktuelle „Superstar“-Hysterie keineswegs kommentiert, auch wenn hier wie dort tragikomische Figuren und die Frage nach dem Ort wahren Verrücktseins auftauchen. „Verrückt ist auch normal“ ist einfach nur ein ansehnlicher öffentlich-rechtlicher Fernsehfilm, in dem die Musik, man glaubt es kaum, nicht von Dieter Bohlen stammt, sondern von dem Filmkomponisten Dieter Schleip.

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