Medien : Barclay-Zwillinge kaufen „Telegraph“ Konservative Linie bleibt erhalten

Matthias Thibaut

Vorbei an einer langen Reihe von Bewerbern, zu denen auch die Axel Springer AG gehörte, haben zwei geheimnisvolle britische Finanziers, die Barclay Brothers, die Kontrolle von Großbritanniens auflagenstärkster Qualitätszeitung, dem „Daily Telegraph“, sowie seiner Schwesterzeitung „Sunday Telegraph“ und dem Wochenmagazin „Spectator“ übernommen. Sir Frederick und Sir David Barclay – mit der gleichnamigen Bank haben sie nichts zu tun – verhandelten hinter dem Rücken der zuständigen Lazard Bank direkt mit „Telegraph“-Besitzer Lord Black. Sie bezahlen 259 Millionen Pfund für die Anteile seiner Ravelston Holding an Hollinger Inc. Über Hollinger Inc. haben die Barclays nun die Stimmmehrheit von Hollinger International, Besitzer von Conrad Blacks internationalem Medienimperium, zu dem auch die „Chicago Sun“ und die „Jerusalem Post“ gehören.

Das Presseimperium war wegen Schulden und unautorisierten Zahlungen Hollingers an Black ins Rutschen geraten. Die Serie der Rechtsstreitigkeiten dauert an. Black wurde erst am Sonnabend aus dem Vorstand von Hollinger International entfernt und auf Zahlung von 200 Millionen Dollar verklagt. Diese Summe könnte auf die Barclays zukommen, wenn sie die gesamte Hollinger-Gruppe übernehmen. An der größten britischen Zeitungsübernahme seit dem „Times“-Kauf durch Rupert Murdoch wird sich wohl nichts ändern.

Die Barclays drängen seit langem in die britische Medienlandschaft und bilden ein wachsendes Gegengewicht zu Murdochs Zeitungsimperium. Die 68-jährigen Söhne eines Handlungsreisenden erledigen alles gemeinsam. Im November 2000 wurden sie sogar gemeinsam zu Rittern der Königin geschlagen. Sie begannen mit einem Tapeziergeschäft, verdienten mit Immobiliengeschäften und Unternehmenskäufen Geld und besitzen heute neben der Littlewoods Kaufhauskette auch das „Ritz“ in London, das „Mirabeau“ in Monte Carlo sowie Unternehmen in Schweden, Japan und Irland. Die Geschäfte führen die publikumsscheuen Zwillinge von ihrer Burg auf der Kanalinsel Brecqhou aus.

Als wohlwollende Zeitungsverleger gelten sie, seitdem sie 1992 dem kränkelnden „European“ zu Hilfe kamen. „Telegraph“-Redakteure reagierten gestern erleichtert. Nicht nur dürften die Barclays als ehemalige Thatcher-Geldgeber den konservativen Kurs der Zeitung fortsetzen. Die größte Furcht der Zeitung war eine Übernahme durch den Pornokönig Richard Desmond, der als Besitzer der „Telegraph“-Druckerei Einfluss auf das Geschehen hat. Nun muss die neue britische Medienaufsichtsbehörde Ofcom den Kauf genehmigen. Sie dürfte keine Schwierigkeiten haben, Sir Frederick und Sir David den sittlichen Standard zu bescheinigen, den britische Zeitungsbesitzer nach den neuen Übernahmeregelungen brauchen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben