Bedeutung von Sozialen Netzwerken : Bekomme ich auf Facebook alles mit?

Ein neuer Algorithmus verunsichert die Verlagsbranche: Die Postings von Freunden kriegen höhere Priorität. Das könnte die Reichweite einiger Medienangebote via Facebook verringern,

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Nachrichten sind den Nutzern von Mark Zuckerbergs Sozialem Netzwerk sehr wichtig. In den Newsfeeds finden sich solche Posts nun jedoch weiter unten. Foto: REUTERS
Nachrichten sind den Nutzern von Mark Zuckerbergs Sozialem Netzwerk sehr wichtig. In den Newsfeeds finden sich solche Posts nun...Foto: REUTERS

Das Kunstwort „Friendemy“ – zusammengesetzt aus Friend und Enemy – bezeichnet anschaulich, was manche Internet-Medien derzeit von Facebook halten. Sie wissen nicht genau, ob das soziale Netzwerk von Mark Zuckerberg mit seinen 1,6 Milliarden Nutzern eher Freund oder Feind ist.

Dieses Gefühl hat sich bei einigen Medien in dieser Woche verstärkt. Nachdem Facebook zuletzt massiv auf die Betreiber von Newsseiten zugegangen war, folgte der Richtungswechsel: Facebook-Technikchef Lars Blackstrom kündigte einen neuen Algorithmus für den Newsfeed an. Posts von Facebook-Freunden werden nun weiter oben erscheinen, Posts von Nachrichtenseiten dagegen geringer gewichtet.

Blackstrom räumte ein, dass dies die Reichweite einiger Medienangebote verringern dürfte. Verlage vermuten, dass die Umbauten am Algorithmus zulasten der Sichtbarkeit der Nachrichtenseiten-Posts gehen.

Die Befürchtungen sind durchaus berechtigt: In den USA nutzen zwei Drittel der Erwachsenen Facebook, davon informieren sich wiederum 66 Prozent über Nachrichten, die sie unter anderem über Facebook-Posts in ihrem Newsfeed finden. Mit rund 30 Millionen Nutzern ist Facebook in Deutschland nicht ganz so stark verbreitet, aber auch hierzulande wird Facebook als Informationsquelle immer wichtiger.

Der entscheidende Wendepunkt trat Mitte vergangenen Jahres ein. Seinerzeit stellte sich heraus, dass Facebook als reichweitenstärkstes soziales Netzwerk der Suchmaschine Google den Rang als wichtigster Traffic-Lieferant für die Nachrichtenseiten abgelaufen hat. Das in New York ansässige US-Unternehmen Parsely, dass sich auf die Datenanalyse für digitale Medienverlage spezialisiert hat, betreut unter anderem 400 Nachrichtenwebseiten. Für die Nachrichtenwebseiten hatte das gewichtige Konsequenzen. Nachdem lange Zeit die Suchmaschinen-Optimierung im Vordergrund stand, wurde und wird massiv in Social-Media-Kompetenz und -Präsenz investiert.

Im Prinzip sei das eine gute Sache, sagt der BDZV

Facebook hat diesen Trend mit mehreren technischen Neuerungen gefördert, unter anderem mit den sogenannten „Instant Articles“. Medien in den USA, Großbritannien und Deutschland erproben dabei mit Facebook eine neue Art der Onlineberichterstattung. Sie veröffentlichen bei Facebook nicht nur Anreißer ihrer Inhalte, sondern komplette Artikel, Fotogalerien und Videos.

Diese Beiträge werden also nicht länger auf den Servern beispielsweise von NYT.com oder von Spiegel.de vorgehalten, sondern auf denen von Facebook. Texte, Bilder und andere Inhalte werden den Facebook-Mitgliedern viel schneller angezeigt, als wenn sie in einem Facebook-Post zuerst auf einen Link klicken müssen, der ihre Anfrage an die Newsseite weiterleitet.

Im Prinzip ist das eine gute Sache, findet auch der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV). Zumal Facebook dabei sogar an die Finanzierungsnöte der Verlage gedacht hat. Diese können selbst entscheiden, ob sie die Werbevermarktung selbst betreiben wollen oder sich die von Facebook durch die Inhalte erzielten Werbeerlöse mit dem sozialen Netzwerk teilen.

Das nächste große Lockmittel, um die Symbiose zwischen den Newslieferanten – also Zeitungen, Magazine, TV-Sender – und dem sozialen Netzwerk mit seinen inzwischen über 1,6 Milliarden Nutzern zu vertiefen, sind Live-Videos. Anstatt einen Reporter damit zu beauftragen, von einem Ereignis einen Bericht zu schreiben, der dann mit zeitlicher Verzögerung publiziert wird, wird live via Smartphone-Videocam berichtet.

Doch eine Machtdemonstration gegenüber den Medien?

Twitter setzt auf die Technik von Periscope, das Netzwerk von Mark Zuckerberg hat mit Facebook Live eine eigene Variante. Und um im Rennen zwischen Twitter und Facebook vorn zu liegen, hat sich Zuckerberg für ein spezielles Partnerprogramm entschieden. In den USA stellt Facebook 50 Millionen Dollar dafür bereit. Die „New York Times“ erhält allein drei Millionen, um Live-Videos via Facebook zu verbreiten, hat das „Wall Street Journal“ herausgefunden. Auch deutsche Medien sind dabei. So nimmt auch „Bild“ – hierzulande einer der Vorreiter beim Einsatz von Live-Videos für die Berichterstattung – an dem Partnerprogramm teil.

Um so verständlicher ist nun die Aufregung, die mit dem neuen Newsfeed-Algorithmus einhergeht. Die „Süddeutsche“ wittert eine Machtdemonstration gegenüber den Medien. So weit wollen andere Experten nicht gehen, obwohl sie bereits bei den Instant Articles gewarnt haben, nicht alles auf eine Karte zu setzen, nicht alle Ressourcen von Google zu Facebook umzuschichten. Selbst wenn Facebook die Werbeerlöse fair teilt, haben Verlage und Sender keinen Einfluss auf das Werbeumfeld.

Zwischen dem Global Player Facebook und den Newsanbietern gebe es keine Waffengleichheit, sagt BDZV-Sprecherin Anja Pasquay. Hinzu komme, dass die Millennials – die Generation der nach der Jahrhundertwende Geborenen – Facebook verstärkt den Rücken kehren, zu Snapchat wechseln. Noch ändert sich allerdings nicht allzu viel an der Bedeutung von Facebook für den Traffic der Newsseiten.

Das gilt auch für den neuen Algorithmus, wie die Äußerungen von Will Cathcart, Produktmanager von Facebook, zeigen. Mit dem Newsfeed analysiert Facebook, wofür sich die Nutzer interessieren. „Bleibe ich bei einem Posting meiner Ehefrau hängen und kommentiere es, scheint mich meine Frau oder das, was sie bewegt, besonders zu interessieren. Wenn ich überwiegend Artikel von Medien like, kommentiere oder lese, scheine ich mich dafür besonders zu interessieren und bekomme diese Inhalte entsprechend öfter in den Feed gespült“, erklärt Cathcart. Das klingt zumindest nicht unfreundlich.

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