Medien : Besessen vom Bösen

Thilo Wydra

Aus dem Autoradio erklingt schaurig-süßlich "Leise rieselt der Schnee", eine merkwürdige Stille liegt über der Winterlandschaft, die düster wirkt, bedrohlich. Ein Mann joggt durch die weiße Pracht, und ihm fällt es gleich auf, dieses Auto, das da irgendwie verloren herum steht. Doch die Schleifspuren sind noch ganz frisch. Der Mann geht zu dem Auto hin, leuchtet mit seiner Taschenlampe hinein, und der Lichtkegel bleibt auf dem Gesicht eines liegenden, kauernden, erschrockenen Mannes haften, dann macht er die Fahrertür auf. "Nein, bitte nicht schießen, nicht schießen, lassen Sie mich am Leben." Der Mann in dem Auto heißt Richard Oetker (Sebastian Koch). Der andere Georg Kufbach (Tobias Moretti). Es ist der 16. Dezember 1976. Seit diesem Tag sind die beiden Männer miteinander verbunden, bis heute.

Zwei Tage zuvor, am 14. Dezember, wollte der 25-jährige Münchner Student der Landwirtschaft und Sohn des Industriellen Oetker mit seiner Freundin Christine ins Kino gehen. Doch vor dem Kino wartet Christine vergebens. Richard kommt nicht, zu Hause geht er nicht ans Telefon. Da ist es schon passiert, auf dem Parkdeck der Uni Weihenstephan, abends, wo plötzlich ein Mann mit Pistole neben ihm steht und mit weicher, bestimmter Stimme sagt: "Keine Bewegung, das Ding macht nur klack!" Von diesem Moment an wird das Leben des Richard Oetker zur Qual. Erst wird er im VW-Bus für 40 Stunden in eine Holzkiste gesperrt, angekettet und mit 220 Volt verbunden. Ein Mann mit grinsender Schweinsmaske gibt die Order: "Sie brauchen keine Angst zu haben, wir wollen nur Geld - von ihrem Vater." 21 Millionen Mark. Ein Stromschlag ist es dann, der Oetker in Todesnähe bringt und ein Leben lang an Krücken gehen lässt. Viele Operationen muss er ertragen, quälend lange Krankenhausaufenthalte. Einmal, platzt ihm angesichts seiner Hilflosigkeit der Kragen, und er schleudert Schwester Lena (Ann-Kathrin Kramer) alles vor die Füße. Und die ihn zermarternde Frage nach dem Warum? Vor allem aber: Wer? Diese Maske. Diese Stimme. Georg Kufbach, jener Mann aus der Schneenacht des 16. Dezember, er wurde inzwischen mit den Ermittlungen beauftragt. Oetker und er tauschen sich ständig aus. Beide werden zu Besessenen. Zu Verfolgten. Sehen nur noch diese eine, ihre Sache. Dann scheint er plötzlich gefunden: Dieter Cilov (Christoph Waltz) ist der Oetker-Entführer. Es muss ihm nur noch bewiesen werden.

"Es war eine sehr wichtige Entscheidung zu sagen, dass der Film aus der Perspektive von Oetker selbst erzählt wird, dessen Persönlichkeitsrechte wir auch haben. Und wir erzählen aus dem Blickwinkel des ermittelnden Beamten, des realen Vorbilds von Tobias Moretti. Beide, Oetker und Ex-Soko-Chef Helmut Bauer, haben auch am Drehbuch von Rainer Berg mitgearbeitet", sagt Produzent Nico Hofmann, der zuletzt Roland Suso Richters Film "Der Tunnel" verantwortete. Und tatsächlich, "Der Tanz mit dem Teufel - Die Entführung des Richard Oetker" (heute und morgen, 20 Uhr 15, Sat 1), dieser erste Zweiteiler mit 180 Minuten Länge nach Hark Bohms "Vera Brühne", auf den sich der Privatsender Sat 1 einließ, das ist ein Film, der den 25 Jahre zurückliegenden Fall Oetker lebendig werden lässt - in all seiner Ambivalenz, mit verblüffend authentisch anmutenden Bildern (Kamera: Hans-Günther Bücking).

Der von Regisseur Peter Keglevic ("Du bist nicht allein - Die Roy Black Story") inszenierte Film ist dennoch kein Doku-Drama, keine Stilübung à la Heinrich Breloer. Nico Hofmann: "Der Film ist sehr stringent an diesen beiden Figuren von Oetker und Kufbach entlang gezogen." Ein Film also, der nur an zwei Stellen, bei den Einspielungen von Zimmermanns "Aktenzeichen XY" und dem Auftritt des realen Entführers Dieter Zlof bei "Schreinemakers live", Ausschnitte zitiert. Umso frappierender die Ausstattung, die Kostüme, die Orte, der Habitus dieser 70er-Jahre-Menschen. Und natürlich diese famosen Schauspieler. Die größte Überraschung dürfte Tobias Moretti ("Workaholic", "Kommissar Rex") als Ermittler sein, stellen sich doch bei dieser Besetzung zunächst einmal Zweifel ein. Doch Moretti trägt den Film entscheidend mit und glänzt hier womöglich in seiner bisher besten Rolle. Sebastian Koch ("Todesspiel"), der zunächst große Skepsis hatte, eine lebende Person zu verkörpern, er geht in diesem Oetker ganz auf, in dessen Zerrissenheit, auch in dem zugefügten Leid.

Die mit Abstand überwältigendste Interpretation seines gespaltenen, schwierig-schwammigen Charakters liefert der herausragende Christoph Waltz ab, der auch schon Keglevics Roy Black spielte. Sein Cilov alias Zlof ist ein Machtmensch, ein Biedermann, der nicht nur gerne Brandstifter spielt, sondern in egomanischer Selbstbespiegelung und Verblendung einen diabolischen Zynismus an den Tag legt, und sich dabei noch über die Aufmerksamkeit diebisch freut, die man ihm schenkt. Vor Gericht etwa sagt er erst in sich versunken, voller effekthaschendem Selbstmitleid, "Ich habe seit Monaten meine Kinder nicht gesehen, nur weil hier ein Täter her muss". Später dann spielt er im Gerichtssaal triumphierend einen Joker nach dem anderen aus, spielt in der Manier eines Showmasters gar an einem aufgebauten Roulettetisch, da er doch durchs Spiel seinen Lebensunterhalt verdiene. Da freut sich die biedere Bestie Mensch. Das Böse, es hat hier ein Gesicht. Und bei alledem der Eindruck: Christoph Waltz, ja, das ist Dieter Cilov. Ein Bravourstück, dieser filmische Teufels-Tanz, diese Umsetzung eines "archaischen Stoffes" (Hofmann), ein Stück Fernseh-Kunst.

Dieter Zlof erhielt übrigens 15 Jahre, und nachdem er entlassen wurde, konnte er mitsamt der Beute im Mai 1997 in London abermals festgenommen werden. Das Ende einer langen Geschichte dreier Männer, die schicksalhaft miteinander verbunden waren, über 20 lange Jahre. Und gewiss werden sie ihn sich nun alle ansehen, diesen großen Fernsehfilm, der mit zum Besten zählt, was das deutsche Fernsehen in den letzten Jahren produzierte: Richard Oetker, der Ermittler Helmut Bauer und der Täter Dieter Zlof.

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