Medien : Bieder und Balg

„Wetten, dass..?“ ist erledigt. Wer und was aber ersetzen die ZDF-Show?

Jan Freitag
Abgang im Tiefgang. „Wetten, dass..?“ erreichte am Samstagabend nur noch 5,48 Millionen Zuschauer – ein neuer Negativrekord in der 33-jährigen Geschichte der ZDF-Show, die zum Jahresende eingestellt wird. Zwei Ausgaben hat Moderator Markus Lanz am 8. November und am 13. Dezember noch vor sich. Foto: Hendrik Schmidt/dpa
Abgang im Tiefgang. „Wetten, dass..?“ erreichte am Samstagabend nur noch 5,48 Millionen Zuschauer – ein neuer Negativrekord in der...Foto: dpa

Bescheidenheit war noch nie eine Zier des Samstagabends. Wer sich auf diesem Sendeplatz an den Rand der ganz großen Fernsehbühne wagt, einige tausend angeheizte Hallenbesucher vor der Nase und Millionen hyperkritische Zuschauer am Flatscreen, dem suppt das Selbstbewusstsein besser aus Ohren, Mund und Nase, um dort zu bestehen. Gut, Markus Lanz hat es Ohren, Mund und Nase eher so verstopft, dass daraus überwiegend verkrampfte Übersprungshandlungen hervorquollen. Jetzt aber, beim drittletzten Weg zum ZDF-Sofa, bohrte er ein armlehnendickes Brett. „Ich moderiere die nächste Sendung in Steirischer Tracht“, setzte er bei der Erfurter Stadtwette ein und sagte auch, was ihn zum Wahnsinnsdeal motiviert hat: „Eine Hommage an Blacky Fuchsberger“.

Der bislang größte Irrtum des deutschen Showfernsehens seit Harry Wijnvoord misst sich also zum Abschied noch mal an dessen frisch verstorbener Legende, die seinerzeit eine verlorene Wette mit einem Abend „Auf los geht’s los“ im Nachthemd sühnte. Das kann man nun wahlweise als Demutsgeste oder Größenwahn werten. Eines aber war die Ankündigung garantiert nicht: Der Auftakt zu einer gelungenen Ausgabe „Wetten, dass..?“. Dafür fehlt ihm auch auf der Abschlusstour das meiste, was TV-Conferenciers von Blackys Format ausmacht: Charisma, Schlagfertigkeit, Charme, Hingabe, Humor, Handwerk, Wärme. Alles Eigenschaften, die Lanz durch Stirnrunzeln, Superlative, Lobhudelei und dieses irre Lachen über die Witze seiner Gäste, mehr aber noch der eigenen kompensiert.

Darüber wurde in kaum zwei Jahren Gottschalk-Nachfolge so erschöpfend debattiert, dass noch ein Verriss mehr die Langeweile der verrissenen Sendung übertreffen würde, aber gut, wegsehen und weghören geht auch nicht: Wie Lanz sich beim Saalpublikum in Erfurt einschleimt („in den letzten 25 Jahren noch ein wenig schöner geworden“). Wie er Sönke Wortmanns neuen Film mit „Elternabend, ein Riesenthema“ kommentiert. Wie er von Benedikt „Fußballweltmeister“ Höwedes auch Monate nach dem Finale nur Finalgefühle abfragt, von der kleinwüchsigen ChrisTine „Alberich“ Urspruch nichts als Aspekte des Kleinwuchses und von der „Blockbusterqueen“ Megan Fox nur erfahren will, wie es so sei, schwanger zu sein.

Alles lausig und lahm. Aber es ist eben auch einfach nicht recht die Schuld von Markus Lanz. Schuld ist vor allem das Wesen zeitgenössischen Fernsehentertainments. Es degradiert stets bemühte Unterhaltungsverwalter wie Lanz zu unbeliebten Strebern im Lichtschatten aufregender Klassenkasper. Zum Beispiel respektlose Rüpel wie Jan Böhmermann, der mit Lanz womöglich den Maßschneider teilt, ansonsten aber nicht mal die Erdatmosphäre, geschweige denn den Kulturkreis. So einer würde die Band Tokio Hotel für ihre Achtzigerretropopsülze mit diplomatischem Zynismus der Lächerlichkeit preisgeben. So einer würde die überhitzte Oberflächlichkeit moderner Mehrzweckhallenfeuerwerke durch nonchalante Ironie konterkarieren. So einer würde sich auch einem Wolfgang Joop nicht durch falsche Ehrfurcht, sondern kreatives Desinteresse nähern.

Dummerweise würde Böhmermann exakt damit jedoch den schleichenden Untergang des Live-Lagerfeuers zum Sonntag insgesamt beschleunigen. Ein Markenprodukt, das die familiäre Wochenendgestaltung zur bundesrepublikanischen Institution erhoben hat wie Stammtisch und Schützenfest. Jahrzehntelang wollten die Zuschauer von acht bis 88 mit Kinderwetten, Hundewetten, Bastelwetten und Hollywoodstars wie Diane Keaton, bevor diese vorzeitig nach Hause jetten, zu Bett gebracht werden.

Heute fehlt zwischen Florian Silbereisens Volksschlagergaudi und der Reckübung „Schlag den Raab“ die Mitte. Und weder der biedere Herr L. noch der freche Balg B. können sie füllen. „Diese Sendung macht nicht richtig viel Sinn, aber Spaß macht es trotzdem“, sagt der scheidende Wettpate noch, als irgendwer in Erfurt Mausefallen erhört oder Getränkebüchsen zerquetscht hat.

Jetzt, nach drei Milliarden Zuschauern in 33 Sendejahren, bietet „Wetten, dass..?“ keins von beiden, und selbst im Trio mit Joko & Klaas würde der lustige Jan die ZDF-Show gegen die Wand fahren. Schon wird über den Samstagabend nach „Wetten, dass..?“, nach Markus Lanz im Zweiten spekuliert. Der Name Johannes B. Kerner wird in der Branche genannt. Der Sender schweigt dazu und verweist auf kommende Offenbarungen.

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