Medien : Biene Maja: Wo der Willie nichts macht

Thomas Gehringer

Die Biene Maja fliegt gerade durch einen Tunnel, leider. Da ist sie schwer erreichbar, denn auch ihr Handy tappt im Dunkeln. Naja, nicht direkt die Biene Maja, aber doch die Frau, die ihr die Stimme lieh: Scarlet Lubowski (36) lebt heute in Italien, arbeitet als Übersetzerin und nach wie vor als Synchronsprecherin. Die Dialogarbeiten an den 104 Folgen der TV-Serie "Die Biene Maja", die nun 25 Jahre alt wird, dauerten "irre lange", erinnert sie sich am Telefon. "Ich war ja ein Kind." Genauer gesagt, ein Mädchen von neun, bei der zweiten Staffel von 14 Jahren. Ihre Stimme musste die junge Scarlet immerhin nicht verstellen. Heute hat sie selbst einen 14 Monate alten Sohn und möchte ihm irgendwann die Serie zeigen: "Vielleicht erbarmt sich mal einer, mir die Kassetten zu schicken." In Italien scheint "Die Biene Maja" derzeit nicht über den Bildschirm zu summen.

Dabei ist die Serie nicht nur ein Dauerbrenner im deutschsprachigen Raum, sondern auch ein internationaler Erfolg: In knapp 40 Länder hat Junior-TV, ein gemeinsames Unternehmen der Kirch Gruppe und von EM.TV, "Maja The Bee" verkauft, darunter nach Burkina Faso in Westafrika, auf die Seychellen und in die arabischen Länder. Auch das 1912 erschienene Buch von Waldemar Bonsels war in 40 Sprachen übersetzt worden. Maja sei ein "Weltstar", behauptet folgerichtig das ZDF, das die deutschen Fernsehrechte besitzt und das Jubiläum mit der "Biene-Maja-Show" (heute um 10 Uhr 45), einer Dokumentation (8. September, 13 Uhr 35) sowie einer "Biene-Maja-Nacht" (8. September, 0 Uhr 55) feiert.

Die Titelmelodie können wohl die meisten aus dem Stehgreif trällern. Als der von Karel Gott geschmetterte Hit nach den ersten 52 Folgen durch ein neues Lied von James Last ersetzt werden sollte, handelte sich das ZDF einen Proteststurm ein. Susanne Müller, die heutige Leiterin des ZDF-Kinderprogramms, setzt Maja als "charmante Geheimwaffe" ein, weil der Publikumserfolg nahezu garantiert ist. Derzeit ist die Serie samstags zu sehen und erreicht dort bis zu 300 000 Kinder bei Marktanteilen über 20 Prozent. Im Kinderkanal, wo "Die Biene Maja" zuvor täglich ausgestrahlt wurde, schalteten sogar eine Million Zuschauer ein, die Hälfte davon waren Erwachsene. Neben den nostalgischen Gefühlen der Mütter und Väter, die die Serie schon als Kinder gesehen haben, erklärt ein weiterer Umstand den Siegeszug der gelb-schwarz geringelten Blondine: "Jungs akzeptieren diese weibliche Heldin", sagt Susanne Müller. Das sei bei Trickserien ungewöhnlich. Während Mädchen nicht so wählerisch seien, würden Jungen üblicherweise männliche Helden bevorzugen. Dabei ist "Action" nicht gerade Majas Stärke. Am meisten Bewegung, so scheint es, bietet noch Grashüpfer Flip, wenn er mit seinen vier Armen gleichzeitig gestikuliert.

"Die Sachen werden heute ganz anders gemacht, da ist die Biene Maja Einschlaftechnik", sagt Scarlet Lubowski. Die Maja-Stimme von einst ist mit der Zeit gegangen, sie ist gegenwärtig zum Beispiel als Jessie bei "Pokémon" zu hören. Dass die in Japan produzierte Maja-Serie eine nicht unbedingt bahnbrechende Tricktechnik bietet, fällt allerdings kaum auf, denn die vielen modernen Serien sind zumeist liebloser gezeichnet. Und wo findet sich noch diese Vielzahl an vergleichsweise ausgefeilten und gutherzigen Charakteren, vom sensiblen Regenwurm bis zum naiven Mistkäfer? Entworfen wurden die Bewohner der Klatschmohnwiese am Swimmingpool eines Hotels in Los Angeles vom ehemaligen Disney-Zeichner Marty Murphy und seinem Team. Um ihre Köpfe schwirrten allerdings keine Bienen, sondern Kolibris. Die Oberflächlichkeit der anderen Serien lässt Majas Glanz jedenfalls um so heller erstrahlen: "Hätte sich das Kinderfernsehen nicht so verhängnisvoll entwickelt, weg von kindgerechter Unterhaltung, hätte die Maja keine Chance mehr", behauptet etwa Eberhard Storeck. Diese "seelenlosen Computeranimationen", schimpft Storeck auf den gewöhnlichen TV-Ramsch und ärgert sich über Figuren mit "viereckigen Köppen und quadratischen Mündern". Außerdem seien die Serien meist "krawallig gemacht". Der heute 72-Jährige darf sich ein solches Urteil getrost erlauben, er hat Klassiker des Kinder- und Familienfernsehens mitgeschaffen: Als Autor der deutschen "Paulchen-Panther"-Reime, als Dialog-Autor bei der "Biene Maja", als Regisseur bei "Wickie" und als Übersetzer aller Jim-Henson-Produktionen.

Die Maja sei eigentlich zu edel, nur mutig und hilfsbereit, meint Storeck. Dagegen ist Willie, der am liebsten nichts tut und in der übrigen Zeit an Pollenklößchen denkt, ein sympathischer Anti-Held. Eine echte Identifikationsfigur: "Viel fressen und faul rumliegen, das ist ja das, was alle gerne machen", sagt Storeck. In Bonsels Buch taucht Willie nur kurz auf, in der TV-Serie wurde seine Rolle dank des Publikumserfolgs immer weiter ausgebaut. Dazu hat Storecks eigentümliche Stimm-Interpretation natürlich beigetragen. Dabei war dies nur eine Notlösung: Weil das Kind, das den Willie sprechen sollte, bei Produktionsbeginn der Mut verließ, sprang Storeck ein. "Das ist zur Anekdote geworden", sagt Storeck, "damals war es ein Albtraum". All jenen, die Willie immer noch gerne nachahmen, sei gesagt, dass dies mit Näseln oder Nasezuhalten nicht zu erreichen ist. Vielmehr habe er "ganz hell, ganz offen" gesprochen, beweist Storeck sogleich am Telefon - und erweckt Willie für einen Moment zu neuem Leben.

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