Medien : "Big Diet": Dickes Ding

Markus Huber

Die Nachricht an sich ist rasch erzählt: Sat 1, der Familiensender Nummer Eins in Leo Kirchs Pro 7 Sat 1 Media AG, bleibt schlank. Die Abspeck-Show "Big Diet", bei der zehn übergewichtige Kandidaten hundert Tage lang in einem Fitnessstudio vor Kameras abspecken sollten, was das Zeug hält, wird nicht wie geplant bei Sat 1 ausgestrahlt, sondern beim Konkurrenten RTL 2. Das teilten die beiden Sender gestern mit. Doch während Sat 1 den Ausstieg aus dem bereits heftig beworbenen Produkt mit dem Erfolg der "Quiz Show" von Jörg Pilawa begründet, der zur Zeit auf dem für "Big Diet" vorgesehenen Sendeplatz ausgestrahlt wird, jubeln die RTL 2-Verantwortlichen über den Coup, dass man dem großen Konkurrenten aus Berlin in letzter Minute ein Erfolg versprechendes Produkt abgeluchst habe. Hier wird die Sache richtig spannend.

Überraschend ist vor allem, dass Sat 1 auch in der Eigenwerbung schon seit Wochen mit "Big Diet" eine Sendung ankündigt, für die der Sender die Rechte noch gar nicht erworben hatte. Erst an diesem Freitag wollten die Sat 1-Verantwortlichen mit dem Rechteinhaber von "Big Diet", Endemol-Chef John de Mol, zu Potte kommen. Monatelang feilschte Sat 1 mit Endemol um die Rechte. Zum Schluss war man bei einem Lizenz- und Produktionspreis von 30 Millionen Mark angelangt - für hundert Folgen. Zum Vergleich: Die Produktion der "Quiz"-Show kostet im Vergleichszeitraum gerade einmal fünf Millionen. Um diese Kosten wieder einzuspielen, müsste Sat 1 laut eigener Berechnung mit "Big Diet" einen Marktanteil von 25 Prozent erreichen. Wieder der Vergleich mit der Quizshow: Jörg Pilawa erreicht für Sat 1-Verhältnisse sensationelle 15 Prozent. Zudem ergab die Marktforschung des Senders, dass die Zuschauer auf die Abspeck-Show nicht so recht anspringen: "Niemand will vor dem Abendessen auf das Thema Fettleibigkeit gestoßen werden", weiß ein Sat 1-Mitarbeiter. Die Werbewirtschaft dürfte das ähnlich einschätzen. "Für so eine Sendung bekommt man keine Spots von Food- und Alkoholproduzenten", fügt der Sat 1-Mann hinzu: "Und genau die sind um diese Zeit aber unsere Hauptkunden."

In einer Telefonkonferenz am Dienstag abend soll deshalb Sat 1-Geschäftsführer Martin Hoffmann John de Mol unter Verweis auf die eigenen Untersuchungen einen Korb für das Projekt gegeben haben. Möglich, dass das nur ein taktischer Winkelzug war, um die Lizenzgebühren zu drücken. Was aber Hoffmann nicht wusste: John de Mol hatte mit RTL 2-Chef Josef Andorfer bereits jemanden in der Hinterhand, der gerne anstelle von Sat 1 die Abspeck-Nummer senden wollte. Andorfer soll bereits seit Monaten antichambriert haben.

Hinter allem steckt der schon skurrile Wettlauf der Sender um Produktionen aus dem Hause Endemol, der nach dem Erfolg von "Big Brother" in Deutschland eingesetzt hat. Seit Jahren schon versorgen die niederländischen Produzenten hier zu Lande vor allem die Sender der RTL-Familie. Mit "Big Diet" wäre Sat 1 in diese Phalanx eingebrochen. Dementsprechend groß war auch das Interesse der Berliner, den Deal zu verkünden - noch bevor er überhaupt stattgefunden hat.

Umso größer ist nun die Freude bei RTL, dass daraus nichts wurde. Mit großer Schadenfreude wird in der Kölner RTL-Zentrale nun auch der Bauchfleck mit der Dicke-Leute-Sendung kommentiert: "Es ist schon reichlich ungewöhnlich, dass ich Sendungen ankündige und sogar Kandidaten dafür suche, bevor ich die Verträge unterschrieben habe", heißt es aus Köln. Doch auch in der RTL-Programmentwicklung wird das Projekt sehr skeptisch beäugt - aus ähnlichen Gründen wie bei Sat 1. RTL fürchtet nicht minder, dass die Werbekundschaft fernbleibt, und so ist auch noch nicht sicher, ob "Big Diet" eine Koproduktion von RTL und RTL 2 werden wird oder nur beim kleineren Bruder RTL 2 laufen soll. Sicher ist nur eines: "Big Diet" wird im deutschen Fernsehen zu sehen sein. Und der Reality-Boom wird im nächsten Jahr um eine zusätzliche Freak-Show angereichert.

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