Medien : "Big Diet": Du darfst!

Matthias Frings

Finden Sie sich zu fett, ziert ihre Oberschenkel Cellulite und löst das Wort Fitness bei Ihnen die Produktion von Angstschweiß aus? Herzlichen Glückwunsch! Sollten Sie außerdem das dringende Bedürfnis verspüren, Ihre körperlichen Makel hundert Tage lang einem Millionenpublikum darzubieten, dann haben Sie die einmalige Chance, Deutschlands neuer Fernsehliebling zu werden - Speck For Fun, gewissermaßen. Und 111.111,11 Euro gibt es auch noch zu gewinnen.

"Big Diet" heißt die tägliche Show, die RTL 2 ab 26. Mai senden wird. Nicht nur bei den Kandidaten wird hier mit Pfunden gewuchert, auch die Moderatorin ist ein harter Brocken: Margarethe Schreinemakers stößt wieder in die Eingeweide des wahren Lebens vor. Ausgerechnet die sehnige Langstreckenläuferin wird ihre übergewichtigen Kandidaten an die Fitnessgeräte treiben, und damit niemand denkt, hier würden Menschen á la "Kleine Tierschau" der Lächerlichkeit preisgegeben, bezeichnet der Sender seine neue Show als "kostenlose Luxuskur".

Bester Laune präsentiert sich Margarethe Schreinemakers am Freitag auf der "Big Diet"-Pressekonferenz in Köln. Sie trägt eine goldene Jeansjacke, enge Hosen aus schwarzer Spitze und ist sehr blond und sehr, sehr dünn. Exzellent vorbereitet referiert sie über Statistiken zum Thema Diät, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Ernährung und Sport. Drei Monate lang wird ihre Sendung täglich um 20 Uhr 15 ausgestrahlt. Sie selbst wird in diesen Zusammenschnitten nur hin und wieder auftauchen, vielleicht einmal mitjoggen, ihre Hauptaufgabe aber ist die sonntägliche 90-Minuten-Livesendung.

Schreinemakers, die 1996 nach Steuerproblemen von Sat 1 abgeschaltet wurde, scheint ihren Comeback-Plan mit Bedacht ausgetüftelt zu haben. Als Partner hat sie schließlich die Profis von Endemol, die einzige Produktionsfirma, die bisher die komplizierte Logistik eines solchen Großunternehmens erfolgreich gemeistert hat. Der Themenbereich Diät, Fitness, Schönheit lässt kaum jemanden kalt, und wer zur "Du darfst!"-Generation gehört, der kann sich immer noch am Abstrampeln der Durchschnittsmenschen ergötzen. Außerdem muss sich die Moderatorin nicht Woche für Woche aufs Neue beweisen - nach hundert Tagen ist alles vorbei. Und sollte wider Erwarten "Big Diet" zum Big Flop werden, lässt sich immer noch argumentieren, die "Big Brother"-Formate hätten sich totgelaufen.

Infotainment im besten Sinne will Margarethe Schreinemakers bieten: "Ich hab es immer gern, wenn auf dem Bildschirm was passiert", sagt sie und schiebt ein herzhaftes "Gesundheit ist das höchste Gut" hinterher. Die Kalorien-Show ist aber nicht nur eine neue Sendung, sondern auch ihr Comeback-Versuch. "Ich habe diesen Beruf immer geliebt", versichert sie, "er hat mir wirklich gefehlt. Es geht mir um die Themen, um das Recherchieren, nicht um das Rotlicht." Nicht als Moderatorin verstehe sie sich, sondern als moderierende Journalistin.

Warum muß sie dann unbedingt vor der Kamera arbeiten? Schreinemakers stutzt, zieht die Augen zusammen und schießt ein irritiertes "Sagen Sie mal, finden sie mich etwa zu alt für den Job?" über den Tisch. Das war eigentlich nicht die Frage, denn sie ist ein erfahrener Profi und klug genug, sich auf ihre Stärken zu besinnen. Sie beherrscht das Gespräch mit Menschen wie du und ich, ist schlagfertig, kann improvisieren. Das Menscheln ist ihr großes Talent, und so wie "Schreinemakers TV" graziös zwischen gequälten Tieren, putzigen Kindern und grausigen Misshandlern tänzelte, dürfen wir uns in der neuen Show gewiss auf allerlei schicksalsschwangere Momente freuen.

General Manager Borris Brandt von Endemol setzt jedenfalls voll auf "Big Diet", das in den Niederlanden schon mit Erfolg lief. Satte 12 Prozent Marktanteil werden erwartet und eine enge Zuschaueranbindung über das Internet. Vom Schlüsselloch-TV will man sich deutlich absetzen, aber Kameras auf den Toiletten wird es schon geben - es könnte ja dort jemand heimlich zehn Tafeln Schokolade verdrücken wollen.

Ganz so eng wie im Container soll es aber nicht werden. Die Kandidaten haben zu festen Zeiten Ausgang ("Wie in der Kur auch"), allerdings wird sie immer ein Fernsehteam begleiten. Wer sich nicht durch Schokolade verführen lässt und dem von Ärzten ermittelten Idealgewicht am nächsten kommt, hat gewonnen. Nominierungen und Rauswürfe wird es nicht geben.

Und der Quotenrückgang der Reality-Shows macht ihm keine Sorgen? Da ist der Endemol-Mann ganz zuversichtlich. Seine Firma habe als einzige die Kompetenz für solche Sendungen, gewisse Nachahmer hätten ja schon bei der Kandidatenauswahl versagt: "Die bei Girlscamp haben ein Arsch-Casting gemacht, im wahrsten Sinn des Wortes nur die besten Hintern ausgewählt!"

In der Branche heißt es, die Werbekunden würden sich mit Big Diet schwertun. Wie will man im Lättaland zu Milka, Haribo und Radeberger verführen? Auch da zeigt man sich optimistisch, außerdem sei eine intensive Kooperation mit Zeitungen und Zeitschriften geplant.

Zum guten Schluss gibt es noch viel Lob für die Moderatorin: "Margarethe hat eine unfassbare Leidenschaft! Es gibt wenige Menschen, die mit soviel Begeisterung bei der Arbeit sind. Wir erwarten einen großen Erfolg", sagt Brandt. Bleibt nur zu hoffen, daß es am Ende von Big Diet nicht heißt: Gewogen und für zu leicht befunden.

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