Medien : Bilanz der Schuld

Guido Knopp beschäftigt sich im ZDF mit der Wehrmacht. Und der NDR zeigt nun die Langfassung zum „Schweigen der Quandts“

Bernd Gäbler

Die Tage werden kürzer, die Gedanken schwerer. Das ist auch für das Fernsehen die rechte Zeit für ernste Themen. Zwischen Herbst und Weihnachten zieht das ZDF zur besten Sendezeit eine voluminöse Bilanz über Kriegsführung, Verbrechen und Schuld der Wehrmacht. Und der NDR zeigt am 22. November die Langfassung des Films „Das Schweigen der Quandts“, nachdem Ende September bereits überraschend eine 60-Minuten-Fassung kurzfristig im Ersten gezeigt worden war. Der NDR hatte das damit begründet, dass die Quandt-Dokumentation kurz zuvor bereits auf dem „Hamburger Filmfest“ zu sehen war. Die 30 Minuten längere, überarbeitete Fassung wird nun am übernächsten Donnerstag im NDR-Fernsehen gezeigt.

Doch zuerst zum ZDF: Zehn Jahre nachdem Jan Philipp Reemtsma durch die „Wehrmachtsausstellung“ die Deutschen aufrüttelte, will Guido Knopp mit einer fünfteiligen TV-Dokumentation eine endgültige Bilanz ziehen. Das Motiv ist identisch: Fast 18 Millionen Deutsche dienten in der Wehrmacht, wurden vereidigt auf den Führer, führten Krieg, überfielen fremde Völker, beteiligten sich an rassistisch begründeten Eroberungsfeldzügen und verbrecherischer Vernichtung.

Von der „Wehrmachtsausstellung“ angestoßen – gelegentlich um sie zu widerlegen – wurde seither erheblich in Forschung investiert, nicht zuletzt, um weitere Quellen zu erschließen. So entdeckten auch jüngere Wissenschaftler das Sujet. Guido Knopp und seine Autoren sind auf dem neuesten Stand. Nach Felix Römers Recherche führten 80 Prozent der deutschen Divisionen den „Kommissars-Befehl“ aus. Knopp nimmt Heinrich Schwendemanns Erkenntnisse zum „Endkampf“ ebenso zur Kenntnis wie Richard Overy, Manfred Messerschmidt oder Wolfram Wette. Sönke Neitzel, der die vom britischen Geheimdienst in Trent Park abgehörten Gespräche gefangener deutscher Generäle ausgewertet hat, gehört zu Knopps Beratern. Der Militärhistoriker Karl-Heinz Frieser, der die Genese der Operation „Sichelschnitt“ erforscht hat, kommt im Film in Uniform zu Wort.

Obwohl einige Vorlieben des Mainzer TV-Historikers zu erkennen sind, ist dieser Aufarbeitung nicht vorzuwerfen, dass sie einseitig ist. Allerdings scheint Knopp die Konkurrenz der Eliten stets mehr zu interessieren als die Opfer. Zudem gibt er gelegentlich der Nachkriegslegitimation, der militärische Dilettant Hitler habe den Generälen den schönen Krieg verdorben, etwas zu viel Raum. Dennoch: Wären seine Texte eine Resolution für eine Arbeitsgruppe auf dem Historikertag, es gäbe kaum Gegenstimmen. Aber ein Problem der pompösen Geschichtsshow ist, dass die Texte tatsächlich wirken wie Resolutionen, die Formulierungen wie Formeln, abgedichtet nach allen Seiten.

Gegossen wird alles Material in die bereits bekannte Darbietungsform des Guido Knopp. Und die ist eine Masche. Dramatische Musikakzente und die Stimme Christian Brückners halten die Filme zusammen. Die Texte sind Dekrete. Der Film folgt ihnen als Illustration. Da wird nicht Material ausgebreitet, auf neue Quellen verwiesen, plausibel gefolgert, unser Sehen und Denken herausgefordert, sondern stets steht alles schon fest – Guido Knopp bleibt beim televisionären Frontalunterricht. Wegen der Bandbreite des Materials mögen Historiker diesmal einigermaßen zufrieden sein, Filmkritiker können es nicht.

Guido Knopp braucht die Bombastik von Musik und Stimme, weil sein Konstruktionsprinzip sonst auffallen würde. In Windeseile folgen aufeinander: das Schwarz-Weiß-Foto eines jungen Soldaten – derselbe heute als alter Mann, farbig, mit O-Ton-Häppchen; Schauspieler setzt Stahlhelm auf, mit Off-Kommentar; Landschaft heute, eingefärbt – dieselbe Landschaft damals schwarz-weiß; Panzervormarsch dokumentarisch – laufende Soldaten dokumentarisch; Soldat springt erschöpft hinter ein Mäuerchen, Off-Stimme: „die anfängliche Begeisterung ist dahin“. So geht es immerzu.

Die O-Ton-Geber interessieren nur als Repräsentanten. Die „einfachen Soldaten“ sollen Normalität zeigen. Die Generäle sind schneidig. Wie gerne würden wir nachfragen, einmal ein Individuum kennenlernen. Schauspieler stellen die 1943 vom britischen Geheimdienst abgehörten Gespräche gefangener Generäle in Trent Park nach. Da deklamiert dann Wilhelm Ritter von Thoma seinen Text, als habe es ihn auf eine Shakespeare spielende Provinzbühne verschlagen. Spielfilm kann Knopp nicht. Unter der Hand wird Geschichte so zum Steinbruch; dem als O-Ton, Dokument oder nachgespielt möglichst kleinteilige Stücke entnommen und zu einem dramatischen Mosaik gefällig neu gefügt werden. Das charakterisiert die Dachmarke „Guido Knopp“. Jetzt schon stapeln sich die Bücher zum Film auf den Ladentischen, werden die DVDs für das Weihnachtsgeschäft platziert. Guido Knopp beansprucht das letzte Wort, darum muss er auch Schuld abschließend bilanzieren. Sie kann moralisch sein, juristisch, in sehr unterschiedlichen Graden empfunden werden. Knopp aber will sie unbedingt portionieren. Darum teilt er am Ende sauber ein: 18 Millionen Männer waren bei der Wehrmacht – nationalistisch, antisemitisch eingestellt, von Hitler begeistert oder ihn duldend waren viele. Aber direkt an Verbrechen beteiligt waren nur fünf Prozent der im Osten eingesetzten Soldaten. Die große filmische Anstrengung dient also letztlich doch dem Trost.

Völlig anders, auf den ersten Blick konventioneller und ohne Brimborium erzählen die NDR-Autoren Eric Fiedler und Barbara Siebert die Geschichte vom Aufstieg der Industriedynastie Quandt im Dritten Reich. Die Basisdaten über Zwangsarbeit, das werkseigenes KZ in Hannover, Rüstungsaufträge und NSDAP-Mitgliedschaft sowie die Selbststilisierung der Familie als Verfolgte nach dem Krieg hatte der Wirtschaftsjournalist Rüdiger Jungbluth bereits im Jahr 2002 veröffentlicht. Am Dokumentarfilm hat er als Fachberater mitgewirkt. Aber was ist ein Buch gegen ein TV-Ereignis?

Natürlich haben die Autoren inszeniert. Der ehemalige Zwangsarbeiter wird an die Stätte seiner Qualen geführt, aber nie ist er bloß Stichwortgeber. Sven Quandt, der einzige Spross der Familie, der sich filmen ließ, zeigt sich fröhlich als Rallyefahrer, der mit der Geschichte nichts zu tun haben will. Der große Stratege Horst Teltschik sagt, dass die Familie in den Zeiten des Dritten Reiches ja mit BMW noch gar nichts zu tun gehabt habe. Was stimmt, aber der Frage nach der Genesis des Reichtums ausweicht. Günther Quandt war einer der größten Profiteure des NS-Regimes. Darum geht es den Dokumentarfilmern. Da sind sie akribisch. Die Ehe der Magda Quandt mit Joseph Goebbels kommt selbstverständlich vor, wird aber nicht ausgewalzt. Die Autoren haben ehemalige Zwangsarbeiter ausfindig gemacht, befragen Wissenschaftler, geben ihren Protagonisten Zeit und legen – das ist ein inhaltlicher Höhepunkt – das Recherchematerial Benjamin Ferencz’ vor, einem der Ankläger im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess.

Die Briten hatten das Material verheimlicht, sonst wäre Günther Quandt der Prozess gemacht worden. Es ist eine Vergangenheit, die nicht vergeht. Nach der Erstausstrahlung haben die Quandt-Erben reagiert. Der Film habe die Familie „bewegt“, hieß es. Die Quandts wollen nun zur Aufarbeitung der eigenen Geschichte ein Forschungsprojekt ins Leben rufen. Die Autoren werden diese neue Lage in ihre Langfassung fair einarbeiten. Der verdienstvollen Aufarbeitung nimmt das nichts – im Gegenteil: Die Reaktion der Familie zeigt, wie wirksam gutes Geschichtsfernsehen gerade dann sein kann, wenn es nicht auf Effekte hin angelegt ist.

„Die Wehrmacht – Eine Bilanz“, fünfteilige ZDF-Reihe, 20 Uhr 15, dienstags. „Das Schweigen der Quandts“, NDR, 22. November, 21 Uhr.

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