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Bild.de : 200.000 sehen umstrittene Antisemitismus-Doku

Arte wollte die Doku "Auserwählt und ausgegrenzt - Der Hass auf Juden in Europa" nicht zeigen. "Bild" übernahm den Film einfach online. Rechtliche Konsequenzen muss der Springer-Verlag offenbar nicht fürchten.

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Die umstrittene Antisemitismus-Doku - jetzt auf bild.de
Die umstrittene Antisemitismus-Doku - jetzt auf bild.deScreenshot: Tsp

Ist das nicht ein Rechteklau? "Bild"-Chefredakteur Julian Reichelt selbst kündigte in der Dienstagsausgabe der "Bild"-Zeitung an: Die Arte-Doku "Auserwählt und ausgegrenzt - Der Hass auf Juden in Europa" war seit Mitternacht für 24 Stunden bei Bild.de zu sehen. Am Mittwoch teilte Bild.de mit: Die Dokumentation ist rund 200.000 Mal geklickt worden. Zudem hätten sich rund 650.000 Interessierte über den Film informiert.

Zuvor war bekanntgeworden, dass Arte den Film, eine Auftragsproduktion des WDR für Arte, aufgrund angeblich handwerklicher Fehler der Produzenten nicht zeigen wird. Der Kultursender hatte kritisiert, dass der fertige Film nur wenig mit dem in Auftrag gegebenen Projekt zu tun habe. Einige Experten, wie zum Beispiel der Historiker Michael Wolffsohn, sahen das anders. Insgesamt sei diese Doku ein ganz großer Wurf, die mit Abstand breiteste und beste zum Thema. „Es ist völlig klar, dass wer auch immer im vorauseilenden Gehorsam gegenüber dem islamistischen Terror einknickt.“ 

Zuletzt schaltete sich sogar noch der Zentralrat der Juden in Deutschland in die Debatte ein, drängte WDR und Arte auf eine Ausstrahlung. Der WDR aber will erst noch prüfen, "ob die Dokumentation den journalistischen Standards und Programmgrundsätzen des WDR entspricht". Erst danach soll über die Ausstrahlung entscheiden werden.

Zur "Bild"-Aktion nun wollte sich der öffentlich-rechtliche Sender auf Tagesspiegel-Anfrage am Dienstag zunächst nicht äußern, ebenso wie der Produzent der Dokumentation, Joachim Schröder. Ein Springer-Sprecher verwies auf das übergeordnete Interesse "aller Gebührenzahler", die Dokumentation sehen zu können. Es handele sich um eine journalistische Aktion.

"Arte hat zur Kenntnis genommen, dass Bild.de die Dokumentation ,Auserwählt und Ausgegrenzt. Der Hass auf Juden in Europa' in eigener Verantwortung online gestellt hat", sagte eine Arte-Sprecherin. "Auch wenn diese Vorgehensweise befremdlich ist, hat Arte keinen Einwand, dass die Öffentlichkeit sich ein eigenes Urteil über den Film bilden kann."

Arte könne und wolle den Film jedoch nicht durch eine eigene Ausstrahlung nachträglich legitimieren, da er, ohne dass Arte darüber informiert wurde, gravierend von dem verabredeten Sendungskonzept abweiche. "Eine solche Vorgehensweise kann Arte in diesem wie in jedem anderen Fall nicht akzeptieren."

Die Unterstellung, so Arte, der Film passe aus politischen Gründen nicht ins Programm sei schlichtweg absurd. "Der ursprünglich von der Programmkonferenz genehmigte Programmvorschlag sah ausdrücklich das Thema des unter dem Deckmantel der Israelkritik versteckten Antisemitismus vor – entsprechend der editorialen Linie von Arte als europäischer Sender aber nicht im Nahen Osten, sondern in Europa."

"Bild"-Chef rechtfertigt Aktion

WDR-Sprecherin Ingrid Schmitz sagte zum „Doku-Leak“: „Wir nehmen das zur Kenntnis“. Zu erfahren war ferner, dass der Sender die Prüfung des Films fortsetzt und Mitte, spätestens Ende nächster Woche entscheidet, ob und wann der Beitrag veröffentlicht wird.

"Bild"-Chef Julian Reichelt schrieb, "die TV-Dokumentation belegt in Europa grassierenden, teils hoffähigen Judenhass, für den es nur zwei Worte gibt: ekelhaft und beschämend." Seit Wochen werde bis in die höchsten Ebenen der Politik über diese – von Gebührengeldern produzierte – Dokumentation diskutiert. Ohne dass die Bürger sie sehen dürften. Ohne dass sie sich ein Urteil bilden könnten.

"Der Verdacht liegt bitter nah, dass diese Dokumentation nicht gezeigt wird, weil sie politisch nicht genehm ist, weil sie ein antisemitisches Weltbild in weiten Teilen der Gesellschaft belegt, das erschütternd ist", so Reichelt. "Unsere historische Verantwortung verpflichtet uns, den Unsäglichkeiten entschlossen entgegenzutreten, die diese Dokumentation belegt. Dazu müssen alle wissen, womit wir es zu tun haben. Deswegen zeigt ,Bild' für 24 Stunden online, redaktionell eingeordnet und eingebettet, was im TV nicht gezeigt werden sollte." Springer-Sprecherin Edda Fels sagte dem Tagesspiegel, die Redaktion habe ihren publizistischen Auftrag wahrgenommen.

Arte sieht das Thema verfehlt

Arte weigert sich, die Dokumentation „Auserwählt und ausgegrenzt - Der Hass auf Juden in Europa“ von Joachim Schroeder und Sophie Hafner zu senden. Wesentliches Argument: Thema verfehlt. Der Sender hätte einen Film zum Antisemitismus genehmigt, bei dem ein Querschnitt verschiedener europäischer Länder vorausgesetzt worden war. Statt dessen sei aber ein Film geliefert worden, der seinen Schwerpunkt auf die Situation im Nahen Osten lege. Arte hat vor diesem Hintergrund die Ausstrahlung abgelehnt. Auch der WDR will die für Arte produzierte TV-Dokumentation zumindest vorerst nicht ausstrahlen. Es gebe „handwerkliche Bedenken“ gegen den Film, der nun zunächst geprüft werden solle, erklärte der Sender. Zudem lägen die Ausstrahlungsrechte bei Arte. Die Arte-Redaktion des WDR verantwortet die Produktion, der Film wurde von der zuständigen WDR-Redakteurin abgenommen.

Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, hatte sich in einem Schreiben an Arte, WDR und ZDF verwundert geäußert, dass die Dokumentation nicht wie eigentlich geplant bei Arte gesendet werden soll. Historiker wie Michael Wolffsohn und Götz Aly hatten die Dokumentation gelobt. Aly hatte dem Arte-Programmdirektor Zensur vorgeworfen. Auch der Islamismus-Experte Ahmad Mansour hatte die Relevanz des Projekts hervorgehoben. Der arabische Israeli hatte die Autoren bei der Produktion beraten.

Jetzt schauen alle auf den WDR, wo bild.de mit der publizierten Doku den Ball ins Feld geschlagen hat. Ein Rechteklau? Das Urheberrecht stehe durch diese Aktion schon in Frage, sagt Medienjurist Ehssan Khazaeli dem Tagesspiegel. Aber: "Wo keine Kläger, da keine Klage." Daran haben offenbar weder Arte noch WDR ein Interesse.

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