Bilder und Zeichen : Druckverhältnis

„Art and Press“: eine Ausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau bringt die Zeitung in die Kunst. "Bild"-Chef Kai Diekmann mischt auch mit.

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War einmal ein Pressefoto. „Study for Old Glory“, die Arbeit von Robert Longo, nimmt den Moment der schwankenden Polizei gefangen. Foto: Courtesy Galerie Thaddaeus Ropac Salzburg, Paris
War einmal ein Pressefoto. „Study for Old Glory“, die Arbeit von Robert Longo, nimmt den Moment der schwankenden Polizei gefangen....

Viel Platz bleibt nicht, wenn man wie das britische Künstlerpaar Gilbert & George auf Signale versessen ist. Wer ein kleines Plakat mit handgroßen Buchstaben füllen möchte, der muss sich auf die wesentliche Information beschränken: Mord, Entführung, Raub, brutaler Übergriff.

Jede Nachricht ist eine Headline, für Details bleibt kein Platz. So nah kommen die Künstler in ihrer jüngsten Serie „London Pictures“ dem Zeitungs-Boulevard, dass die Trennung von elitärer Konzeptkunst und Straße aufgehoben scheint. Tatsächlich stammen die reißerischen Sätze, von denen jeweils 28 Varianten eine Arbeit bilden, vom Kiosk: Gilbert & George haben tausende Fotos von jenen „Schürzen“ gemacht, mit denen die Zeitungen in London täglich um Aufmerksamkeit kämpfen. So laut und verbal brutal, dass ihre Botschaften nun auch die großen Collagen im Martin-Gropius-Bau dominieren.

Es passt hervorragend in das Konzept von „Art and Press“, der neuen Ausstellung im Haus, die von der „Bild“-Zeitung mit einer Serie im Blatt flankiert und von RWE gesponsert wird. Chefredakteur Kai Diekmann macht es sich einfach, wenn er als Grund seines Engagements vermeintliche Ähnlichkeiten nennt: „Die Kernkompetenz von ,Bild’ ist es, Geschichten in Bildern zu erzählen. Künstler tun das Gleiche“, behauptet der Kunstsammler im Ausstellungskatalog. Etwas komplexer ist die Beziehung zwischen der bildenden Kunst und dem Medium Zeitung allerdings schon, sonst hätte die Bonner Stiftung Kunst und Kultur nicht zwei Jahre von der Idee bis zur Realisierung des Projekts gebraucht. Sie startet ihre Geschichte mit der Malerei des 19. Jahrhunderts, streift die collagierten Stillleben eines Pablo Picasso, zeigt auch die ätzende Sozialkritik in den Fotomontagen von Raoul Hausmann. Im Original sieht man diese Werke jedoch nicht, die kunsthistorischen Informationen sind in der Ausstellung über iPads abrufbar. „Art and Press“ setzt nach 1945 an – ganz unmittelbar mit einem monströsen Unfallfoto, das Andy Warhol für eine Arbeit nutzte.

Kein anderer Künstler dieser Zeit setzt den Schockeffekt des Mediums so planvoll ein. Über die Alternativen der Auseinandersetzung informieren die „Acht Lernschwestern“ (1966) von Gerhard Richter und eine Arbeit von Joseph Beuys, die den ersten Ausstellungsraum komplettieren: In Richters Bild vermittelt sich das Grauen nur, wenn man die Mordgeschichte hinter den übergroß abgemalten, verwischten Passfotos kennt. Beuys wiederum löscht mit seinen farbigen Abstraktionen auf Zeitungspapier den Inhalt aus und schafft so einen „Resonanzraum“ für andere Informationen.

Die drei Strategien tauchen immer wieder auf und symbolisieren den Umgang aller rund 50 versammelten Künstler mit dem Medium. Bei Günther Uecker wird die Tageszeitung in den siebziger Jahren vernagelt, die Französin Annette Messager bringt sie 2010 mithilfe eines Ventilators zum Tanzen, Gloria Friedmann weist mit ihrer Skulptur „L’envoyé special“ (1995) auf die Abholzung der Wälder hin und Franz West verrührt die Themen des Tages zu Brei, um aus der Masse abstrakte Köpfe zu formen. Vor allem die ältere Generation geht haptisch mit dem Material um oder widmet die Buchstaben und ihre Botschaften wie die US-Künstlerin Barbara Kruger kritisch um.

Abstrakter verfahren Künstler wie Daniel Richter oder Ai Weiwei mit dem Informationswert des Mediums: Während sich Richters giftig leuchtende Gemälde auf flüchtige Fotografien der Tagespresse beziehen, verbalisiert Ai Weiweis abstrakte Skulptur „Untitled“ einen Skandal. Die unscheinbaren Armierungseisen stammen aus einer der Schulen, die 2008 während des Erdbebens in der Provinz Sichuan zerstört wurden und unzählige Kinder töteten. Schuld waren Nachlässigkeit und Korruption – zwei Aspekte, die die chinesische Presse verschwieg.

Der Künstler ergänzt die lückenhaften Nachrichten durch die eigene Arbeit, in der die fehlenden Informationen aufgehoben sind. Solche Exponate kommen dem hohen Anspruch der Ausstellung mit dem Untertitel „Kunst.Wahrheit.Wirklichkeit“ ebenso nahe wie die Leuchtskulptur von Jenny Holzer oder jene anachronistischen Druckmaschinen, aus denen Anselm Kiefer verdorrte Sonnenblumen wachsen lässt. Dass aus ihnen Kerne und Buchstaben gefallen scheinen, die den Boden im Lichthof des Gebäudes bedecken, weist auf die Kräfte des Mediums Zeitung hin, die sich zunehmend mit ihrer digitalen Ersetzung konfrontiert sieht. Andere Arbeiten wirken so museal, dass die Zeitung tatsächlich wie von gestern aussieht.

Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstr. 7, bis 24. Juni, Mi-Mo 10-19 Uhr

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