Medien : Blatt für Linksdenker

Geboren am 9. November 1990: Der „Freitag“ wird 15

Gunnar Decker

Wie sieht ein typischer „Freitag“-Leser aus? Er hat Soziologie studiert, im Bücherregal steht eine Gesamtausgabe von Habermas, er besitzt ein Abonnement der „Frankfurter Rundschau“, ist um die fünfzig oder älter, ein politisch ambitionierter Lehrer oder Beamter mit vorzeigbar konservierter Utopie.

Im „Freitag“ werden all die wilden linken 70er Jahre Diskursschlachten noch einmal geschlagen. Ein typischer „Freitag“-Leser will als linksintellektueller Sozialdemokrat die SPD aus der „neoliberalen Umklammerung“ befreien und freut sich auf Leitartikler Michael Jäger, der das dann jedes Mal anmahnt. Auf Seite eins in dieser Woche Robert Kurz, dessen Kommentar zur Lage der Wirtschaft schwungvoll anhebt: „Wie marode die kapitalistische Reproduktion geworden ist, zeigt sich an zwei diametral entgegengesetzten Imperativen...“ Wer wissen will, was für Imperative diametral entgegengesetzt sind, muss am Kiosk 2,70 Euro bezahlen.

Unterhaltung wird beim „Freitag“ immer noch eher als didaktisches Mittel der Theoriebildung gehandhabt. Immerhin, der Kulturteil war schon mal kleiner. Sibylle Cramer schreibt ganzseitig über Büchnerpreisträgerin Brigitte Kronauer, Dieter Wellershoff wird gewürdigt, ein Dokumentarfilm über Klaus Wagenbach vorgestellt, auch Ostermeiers Schaubühne und die Kinostarts der Woche kommen nun wieder ausführlicher vor. Es scheint, als versuche man, mehr gut geschriebene zeitungsgemäße Artikel ins Blatt zu holen wie jenen von Viola Keeve über die neuen Russen von Baden-Baden; ein wohltuender Kontrast zur Vorherrschaft des soziologisierenden Tons.

Der hohe Anspruch des „Freitag“ ist, eine unabhängige linke „Zeit“-Alternative zu sein, in der steht, was in der „Zeit“ nicht steht. Tatsächlich fehlt es dem „Freitag“ weder an Selbstbewusstsein noch an Sachverstand. Ebenso kritisch wie spröde bringt er seine unbequemen Themen jede Woche wieder an den Kiosk. Titelthema dieser Woche: Billigarbeiter für die US-Armee im Irak.

Wenn der „Freitag“ nun auch noch mehr feuilletonistischen Charme entfalten und sich von einigen Wortführern westlinker Selbstbestätigungsrituale verabschieden würde, er wäre das journalistische Kleinod, das er jetzt nur halb ist. Im Moment findet der „Freitag“ jede Woche gerade noch 15000 Käufer. Ist solch Auflagenhöhe verkaufstechnisch gesehen nicht eine Katastrophe? Nein, Chefredakteur Lutz Herden ist zufrieden, denn seit drei Jahren arbeite der „Freitag“ kostendeckend. Erreicht wurde dies durch eine weitere Verkleinerung der Redaktion.

Der „Freitag“, erstmals am 9. November 1990 erschienen, sieht sich selbst als ein gelungenes Ost-West-Zeitungsprojekt. War das vor 15 Jahren denn eine geglückte Vereinigung? Es war zuallererst das Ende des „Sonntag“, der Vorgängerzeitung des „Freitag“. Die vom Kulturbund der DDR herausgegebene Wochenzeitung bewegte sich journalistisch auf hohem Niveau. Hier las man Jutta Voigt, Christoph Dieckmann, Peter Wawerzinek, Regine Sylvester und ein Dutzend anderer Autoren, die man heute immer noch in den verschiedensten Blättern lesen kann – nur nicht mehr im „Freitag“.

Welch unglückliche Vereinigungs-Variante hatte 1990 den „Sonntag“ getroffen! Er wurde brachial mit zwei abgewirtschafteten West-Zeitungen fusioniert, der bis dahin DKP-hörigen „Volkszeitung“ und der „Tat“, die dann auch ihren aggressiv politischen Ton einbrachten und damit viele „Sonntag“-Leser verprellten. Nur noch ein Drittel der Leser kommt heute aus dem Osten. Über das Ende des „Sonntag“ hat dessen früherer Redakteur Wolfgang Sabath ein hinreißend komisches Buch geschrieben: „Das Pissoir“. Darin ist jener geistvolle Witz zu besichtigen, die Lust am gut geschriebenen Text, die sich auf den Leser überträgt.

Vielleicht aber hat sich am Ende dieses verunglückte Vereinigungsprodukt namens „Freitag“ ja gerade wegen seiner unvereinbaren Teile als so zählebig erwiesen. Das wäre dann immerhin ein Grund zum Feiern.

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