Bloggerkolumne : Omas neues Haustier

Älteren wird nachgesagt, sie interessierten sich nicht für das Internet. Das wird jeden Tag weniger wahr.

Mercedes Bunz
Foto: privat
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Ältere Leute haben im Internet nichts zu schaffen. Denkt man so. Allerdings ist das falsch. Eine Umfrage in den USA hat kürzlich gezeigt, dass 51 Prozent der sogenannten Silversurfer zwischen 50 und 64 sogar in sozialen Netzwerken aktiv sind. Auch die Altersgruppe ab 65 hat dort ein rasantes Wachstum hingelegt, 150 Prozent in den letzten zwei Jahren. Eine Schweizer Studie bestätigt diesen Trend: 46 Prozent der Senioren zwischen 50 und 70 planen, in Zukunft das Internet auf jeden Fall häufiger zu nutzen. Das ist auch klug. Denn wie es aussieht, geht das Internet nicht mehr weg.

In Deutschland hat man auf das Internet ein wenig reagiert, als wäre man ein Schulkind, das mit den Eltern umziehen musste. Erst einmal lehnt man alles Neue ab und findet es doof. Es dauert, bis man beginnt, sich mit dem neuen Zimmer und den neuen Klassenkameraden anzufreunden. Genau das tun unsere Alten jetzt, und sie machen das ganz pragmatisch. Die Studien zeigen nämlich auch: Sie nutzen das Netz anders.

Im Gegensatz zu uns Jüngeren gehen sie nicht online, um sich zu unterhalten und das Netz anschließend zu beschuldigen, dass es einen von den wesentlichen Dingen des Lebens ablenkt. Sie nutzen es gezielt, wenn sie etwas wissen wollen. Das liegt nahe, denn Gesundheit ist im Alter und im Netz ein wichtiges Thema. In gewisser Weise können wir sogar hoffen, dass Technologie unseren alternden Gesellschaften unterstützend unter die Arme greifen wird und die Schwächen des Alters ein wenig ausbalanciert. Erste Entwicklungen zeigen bereits, wie das aussehen könnte.

Gerade wird überall in Berlin plakatiert: Die Telekom hat in Zusammenarbeit mit einer Gesundheitsfirma das Mobiltelefon zum Blutdruckmessgerät erklärt, wahlweise kann es auch ein Thermometer sein. Das ist aber nur der erste Schritt. Lebenswichtiger wird es, wenn einen die Pillendose blinkend an vergessene Medikamente erinnert und erst energisch das eigene Mobiltelefon, dann das der Tochter anruft. Auch kann man nun mit einem Bewegungsmelder leben, der mit dem normalen Tagesablauf vertraut ist und den Nachbarn benachrichtigt, wenn etwas Beunruhigendes passiert; beispielsweise wenn stundenlang keine Bewegung wahrzunehmen ist, obwohl niemand die Wohnung verlassen hat.

Vielleicht initiiert das Internet sogar erneut das Gespräch zwischen den Generationen – welcher Enkel wäre nicht stolz, der Großmutter eine erste Einführung ins iPad zu geben? Meine private Umfrage hat ergeben: alle Enkel in meinem Umfeld, wenn sie es danach auch eine halbe Stunde zum Spielen benutzen dürfen. Vielleicht ist das Heranführen ans Internet heute sogar so etwas wie eine neue zwischenmenschliche Aufgabe. Gilt es nicht in einer Welt, in der sich die Digitalisierung kontinuierlich ausbreitet, Menschen, die sich vom Internet überfordert fühlen, an die Möglichkeiten der Technologie heranzuführen?

Von Seiten des Internets zumindest stehen die Chancen gut, kann es doch mit jedem Haustier mithalten. Es versucht geduldig immer eine Antwort zu geben, beißt nicht, ist auch nachts immer für einen da, und geht nicht so schnell kaputt.

Die Autorin war Online-Chefin des Tagesspiegels und Autorin des Guardian. Sie lebt in London, schreibt an einem Buch über Digitalisierung und Gesellschaft und bloggt unter www.mercedes-bunz.de.

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