Medien : Böse Staaten haben keine Lieder

Tom Peuckert

Vor genau 30 Jahren riss in Ost-Berlin der letzte Geduldsfaden. Man hatte mit dem Sänger Wolf Biermann beinahe alles versucht. Aber der ließ sich weder integrieren noch tolerieren, nicht disziplinieren und totschweigen schon überhaupt nicht. Nun sang er in Köln vor laufenden Kameras von der Schande einer Revolution, die zur Diktatur der Spießbürger verkommen war. In Ost-Berlin wurde beschlossen, Biermann das Heimatrecht abzuerkennen. Was als radikale und endgültige Lösung eines Problems gedacht war, wurde zum Anfang einer verhängnisvollen Kettenreaktion. In ihrem Feature „Ausgebürgert“ erzählt Doris Liebermann die ganze Geschichte vom Kampf des Sängers Wolf Biermann gegen einen Staat, der sich durch freche Lieder bis ins Mark erschüttern ließ (Kulturradio, 8. November, 22 Uhr 04, UKW 92,4 MHz).

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Der Berliner Politik-Professor Herfried Münkler ist zum Stammgast in der Medienarena geworden. Ein Intellektueller, der mit seinen Themen und Thesen das Publikum fasziniert. Wenn Münkler über die Geschichte der Imperien doziert, werden plötzlich auch die Großkonflikte unserer Gegenwart deutlicher. Nun hat Münkler einen Radioessay über „Die politischen Mythen der Deutschen“ geschrieben. Das geteilte Nachkriegsdeutschland hatte noch starke Mythen: hier der kämpferische Antifaschismus, der eine bessere Welt errichten wollte, dort der ungeheure Fleiß eines gestrauchelten Volkes, das im Wirtschaftswunder zu neuem Leben erwachte. Beide Mythen sind verblasst, das wiedervereinte Land hat seinen Leitmythos noch nicht gefunden. Müssen wir das als nationales Problem betrachten? Münkler untersucht, wie politische Mythen entstehen und wie sie funktionieren. Und der Wissenschaftler fragt sich, ob sie einer Nation eigentlich zum Vorteil gereichen (Kulturradio, 9. November, 22 Uhr 04).

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Der Musiker Sting hat viele schöne Popsongs gemacht. Aber die einschlägigen Hitparaden haben ihm nie ausgereicht. Sting vagabundierte in den Tempeln der ernsten Musik, sang Weill und Brecht und überrascht uns jetzt als Lautenspieler. Es waren die Lieder des elisabethanischen Komponisten Jon Dowland, die Sting auf Abwege trieben. Wegen Dowland hat Sting das Lautespiel erlernt und tourt nun gemeinsam mit einem bosnischen Kollegen durch internationale Konzerthallen. Unplugged spielen und singen die beiden Dowlands melancholische „Songs from Labyrinth“ , die ihrem Komponisten vor 400 Jahren den Ehrentitel „Oprheus Britannicus“ eintrugen (Deutschlandfunk, 10. November, 21 Uhr 05, UKW 97,7 MHz).

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Fjodor Dostojewskis Roman „Der Doppelgänger“ erzählt vom Petersburger Kanzleibeamten Goljadkin, der sich eines Tages mit einem leibhaftigen Doppelgänger konfrontiert sieht. Ein frecher Kerl, der sich überall vordrängelt und den eigentlichen Goljadkin langsam, aber sicher in den Wahnsinn treibt. Wer ist dieser andere? Ein abgespaltenes und zu Fleisch gewordenes Identitätsfragment? Ein Schabernack, der Goljadkin von gottgleichen Mächten gespielt wird? Der zwischen hochfliegenden Träumen und einer mausgrauen Realität zerquälte Beamte findet keine Antwort. Wer miträtseln möchte, sollte sich die schöne Hörspieladaption des Romans nicht entgehen lassen (Deutschlandfunk, 11. November, 20 Uhr 05).

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Die nackte Realität wird immer wichtiger für die zeitgenössische Theater- und Hörspielkunst. Statt professioneller Schauspieler holt man lieber Experten des wirklichen Lebens auf die Bühne und vor die Mikrofone. Die berichten dann in mehr oder weniger kunstvollen Arrangements vom Drama ihrer alltäglichen Existenz. Die Gruppe „Rimini-Protokoll“ gehört zu den Stars dieser neuen Kunstpraxis. Für ihr Hörspiel „Zeugen! Ein Verhör“ haben sie Leute engagiert, die sonst im Landgericht Moabit ein und aus gehen. Da sind der notorische Gerichtszuschauer, die Gutachterin, die Schöffin, der Anwalt, die Angeklagte. Echte Menschen aus der Justizwelt, die nun in einer künstlerischen Gerichtskopie sich selbst darzustellen haben (Deutschlandradio Kultur, 13. November, 0 Uhr 05, UKW 89,6 MHz).

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