Boulevard : Die Matthäus-Passion

Vom Weltstar zur Witzfigur: Wie Prominente ihre Popularität in den Medien verspielen können.

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Noch glücklich waren Lothar Matthäus und seine vierte Frau Liliana beim Sportball in Frankfurt 2009. Heute streiten sie – via Zeitung und Fernsehen. Foto: dpa Foto: dpa
Noch glücklich waren Lothar Matthäus und seine vierte Frau Liliana beim Sportball in Frankfurt 2009. Heute streiten sie – via...Foto: dpa

Am Ende wird vielleicht doch noch alles gut. Lothar Matthäus, 49, will für die Brustverkleinerung seiner Frau Liliana, 22, zahlen, quasi ein Abschiedsgeschenk, denn Liliana hat mit einem anderen Mann namens Matteo, 27, auf einer Yacht fremdgeknutscht und jetzt steht die Trennung an. Und während Matthäus nun das Scheckbuch zückt, posiert sie mit ihrem neuen Lover im Sonnenuntergang. Cut.

Was seit zwei Wochen in den Boulevardmedien und Promisendungen des Privatfernsehens zu verfolgen ist, mutet eher an wie die Folgen einer Soap Opera als das Leben eines Ex-Weltfußballers, der vermutlich nur eines will: ernst genommen werden. Fünf Weltmeisterschaften und 150 Spiele im deutschen Trikot hat Matthäus absolviert, die deutsche Elf 1990 als Kapitän zum Titel geführt. Und heute? Ist er nicht mehr Weltstar, sondern Witzfigur. Vor laufender Kamera kommentiert er die Knutschfotos seiner Freundin, zweifelt an, dass sie ihm, wie sie im Fernsehen verkündete, ihre Jungfräulichkeit geschenkt hat und diktiert den Reportern in den Block, an seine mittlerweile vierte Scheidung zu denken.

Auch Franz Beckenbauer ist schon zum dritten Mal verheiratet, tritt häufig in den Medien auf, war deshalb früher sogar als „Firlefranz“ verrufen. Heute jedoch wird er als „Kaiser“ gefeiert, freut sich über lukrative Werbeverträge – und hat das geschafft, was Matthäus nicht gelingen will: die Popularität aus seiner Zeit als Sportler über das Ende seiner Karriere hinaus zu bewahren.

Dabei dürften beide Männer eine entscheidende Eigenschaft teilen. „Narzisstisch veranlagt zu sein, ist Grundvoraussetzung, um berühmt zu werden. Nur wer ehrgeiziger oder geltungssüchtiger ist als die anderen, wird sich ganz an die Spitze kämpfen und der bessere Sportler oder Künstler werden“, sagt Borwin Bandelow, Psychologe und Verfasser des Buchs „Celebrities. Vom schwierigen Glück berühmt zu sein“. Narzissmus sei prinzipiell keine schlechten Eigenschaft, bringe jedoch die Angst mit sich, von anderen nicht ausreichend beachtet zu werden. Und damit die Neigung, sich gerne und oft in den Medien zu äußern. Auch das nicht weiter verwerflich. „Leser wollen schließlich authentische Menschen sehen. Aber es darf eben nicht zur Realsatire werden“, sagt Paul Sahner, Chefinterviewer der „Bunten“. Und hier ist der entscheidende Unterschied: Beckenbauer ist sich nicht zu großartig, sich bei der Imagepflege beraten zu lassen. Marcus Höfl heißt sein Schattenmann, lautlos sorgt er für den guten Ruf des „Kaisers“. Auch Franziska van Almsick lässt sich von Höfl beraten, und seitdem auch Boris Becker den Medienexperten konsultiert, ist es auffällig ruhig geworden um den früheren „Bum-Bum-Boris“. Schon während ihrer aktiven Zeit sind Berater für Sportler unverzichtbar, insbesondere aber auch danach, erklärt Sven Müller, der mit seinem Unternehmen People Brand Management beispielsweise Fußballer wie Miroslav Klose begleitet. „Viele Sportstars haben sich während ihrer aktiven Phase ausschließlich auf ihre sportliche Karriere konzentriert. Im nächsten Abschnitt ihrer Biografie fehlen schlichtweg die Erfahrungswerte für viele Themen“, sagt Müller. Ohne klare persönliche Strategie würden falsche Projekte angenommen, die Öffentlichkeit nicht mehr mit sportlichen, sondern mit privaten Themen befriedigt. „Stehen diesen nicht gleichzeitig berufliche oder gesellschaftliche Erfolge entgegen, verflacht das Image. Eine Dauerpräsenz mit Geschichten aus dem privaten Umfeld ist nicht in jedem Fall zielführend.“ Sie könne Markenwerte zerstören.

Matthäus hat seinem Image als „Loddar“ zurzeit kaum berufliche Erfolge entgegenzusetzen. Mitten im aktuellen Ehestreit bekam er eine Absage aus Kamerun, wo er als neuer Trainer gehandelt worden war. Zuvor heimste er mit seinen Jobs in Österreich, Brasilien, Israel und Serbien keine Welterfolge ein. Die Fußball-WM in Südafrika kommentierte er für den arabischen Sender Al Dschasira, bei den großen deutschen Sendern war er nicht mehr gefragt. „Um trotzdem nicht in Vergessenheit zu geraten, fällt ihm eben nicht mehr ein, als sein Privatleben in den Medien zu inszenieren“, sagt Sahner. Dabei wirke er aber nicht souverän, sondern bediene sich der Medien in einer gewissen Ohnmacht. „Er bräuchte jetzt eigentlich jemanden, der ihm sagt: ,Mach mal Pause‘ und ihn zwei Wochen mit ins Kloster zum Schweigen nimmt. Aber Matthäus’ bester Berater heißt Matthäus “, sagt Sahner.

Doch würde Matthäus schweigen, hätte Sahner ein Problem. Denn wie all die anderen People- und Boulevardblätter lebt auch sein Magazin von den „Loddars“ und Lilianas dieser Welt. All das funktioniert nur, weil Menschen sich allzu gern am Unglück der Promis weiden, wie Bandelow erklärt: „Da werden Urinstinkte befriedigt, die im Belohnungs- und Angstsystem unseres Gehirns verankert sind.“ Denn prinzipiell lebe jeder Mensch mit der Gefahr, vom eigenen Partner verlassen zu werden. Lassen sich nun Prominente wie Matthäus und Liliana scheiden, würden im eigenen Gehirn aus Erleichterung darüber, selber von solchen Problemen verschont zu bleiben, die Glückshormone Endorphine und Dopamine freigeschüttet. „Indem man sich an den Schwierigkeiten anderer ergötzt, entlastet man sich von seinen eigenen Ängsten“, sagt Bandelow.

Und während sich die Leser kurzzeitig mit dem Knutschkrieg ablenken, ruiniert Matthäus womöglich langfristig sein Image. Weder er noch seine Agentur waren für eine Anfrage zu den Medienauftritten in den vergangenen Wochen zu erreichen.

Allerdings ist noch nicht alles zu spät, auch ein Image, dass einmal beschädigt wurde, ist wieder zu reparieren, sagt Berater Sven Müller. „Vorausgesetzt, die persönlichen sportlichen Erfolge waren außergewöhnlich, so dass Popularität und Sympathiewerte aus dieser Zeit eine starke Grundlage bilden.“ Dauerpräsenz in den Medien könne auch eine gute Seite haben; sie schaffe Vertrautheit in der Öffentlichkeit, „und guten Freunden verzeiht man gerne“, sagt Müller. Entscheidend sei, dass die Persönlichkeit aus Fehlern lerne und Themen finde, die glaubwürdig sind und wirklich zu ihr passten. „Dann ist der Grundstein für neue Erfolge und Anerkennung gelegt, die den ehemaligen Status potenzieren können“, sagt Sven Müller.

Vielleicht hilft es ja, wenn sich Matthäus an sein früheres Motto hält: „Jetzt nur nicht den Sand in den Kopf stecken.“

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