Call-in-Sendungen : Mach mit, mach’s nach…

Weniger Hetze: Der Call-in-Sender 9Live bekommt klarere Spielregeln.

Pablo Silalahi
9Live
Alles klar? 9Live Moderator Jürgen Milski bei der Arbeit. -Foto: Promo

Es ist schon unglaublich. Die Lösung ist ganz einfach, aber niemand ruft an. Mit nur einer richtigen Antwort könnte man sofort 300 Euro gewinnen. Trotzdem: Minutenlang klingelt das Telefon einfach nicht. Wer schon mal beim Fernsehsender 9Live eingeschaltet hat, kennt dieses Szenario. Immer wieder fordern gehetzte Moderatoren dazu auf, die ultimative „letzte Chance auf viel Geld“ zu nutzen und den Hörer in die Hand zu nehmen. Der Zufallsgenerator könnte ja jederzeit zuschlagen. Nur tut dieser das dann meinst eine ganze Weile lang nicht.

Was manche einfach nur langweilig nennen würden, bezeichnen andere als Betrug. Und so riefen die Methoden des Münchner Mitmach-Senders neben zahlreichen Kritikern auch die Landesmedienanstalten auf den Plan. Deren Direktorenkonferenz (DLM) beschloss nun neue „Anwendungs- und Auslegungsregeln“ für Call-in-Sender wie 9Live. An dem neuen Regelkatalog der DLM hat auch der Sender selbst mitgearbeitet, um „noch transparenter zu werden“, wie Sendersprecherin Sylke Zeidler sagt. Im Kern geht es bei den neuen Richtlinien darum, künstlichen Zeitdruck durch die Moderation zu untersagen und die technischen Mechanismen offenzulegen. Außerdem sollen nicht gelöste Rätsel im Anschluss aufgelöst werden, und es muss eine klare Dokumentation der ausgezahlten Gewinne geben.

Der ominöse "Hot Button"

9Live war in der Vergangenheit auch mit negativen Schlagzeilen aufgefallen. So gab es erheblichen Wirbel, als Moderatorin Alida Kurras im Mai während einer Sendung bei einem Gespräch mit der Redaktion erwischt wurde, in dem sie riet, bei solch hohen Anruferzahlen noch ein bisschen zu warten, bis der „Zufallsgenerator“ zuschlägt. Mit den neuen Regeln soll der Willkür der Redaktion ein Riegel vorgeschoben werden. Wird in einem Spiel der sogenannte „Hot Button“, also der Zufallsgenerator, eingesetzt, soll der Zuschauer künftig erfahren, wie groß das Zeitfenster genau ist, in dem der „Hot Button“ zuschlagen könnte.

Bedeutet das nun: Die Spiele der Mitmach-Sender werden transparenter, vertrauenswürdiger? Bei 9Live betont man, dass es auch früher schon Regeln gegeben und dass man sich auch immer an diese gehalten habe. „Die Aufgabenstellung aller Rätsel ist deutlich“, sagt 9Live-Geschäftsführer Marcus Wolter. „Die Moderatoren präsentieren die Rätsel- und Quizaufgaben unterhaltsam und spannend. Sie machen auch auf Feinheiten in den Rätseln aufmerksam.“

Das sehen nicht alle so. Einer, der sich die Aufdeckung der Unregelmäßigkeiten bei 9Live besonders auf die Fahne geschrieben hat, ist der Medienjournalist Stefan Niggemeier. In seinem Internetblog (unter www.stefan-niggemeier.de) listet er Fälle von „unerlaubtem Zeitdruck“ auf. Er stellt dort Videos ins Netz, in denen Moderatoren vehement darauf hinweisen, wie dringend man doch anrufen müsse, um zu gewinnen. Besonderen Anstoß nimmt er an einer Szene, in der es ein Auto zu gewinnen gab und in welcher der Moderator den vom Zuschauer gewählten Karton erst öffnete, nachdem die Kamera kurz von dem Karton weggeschwenkt hatte. 9Live bezeichnete damals die Szene als „unglücklich“. „Pannen“ dieser Art werden sich aber auch mit den neuen Regeln nicht vermeiden lassen.

Geben "verwirrte" Spieler in fingierten Anrufen extra falsche Antworten?

Die Zunft der Mitmach-Sender ist noch durch eine weitere Auffälligkeit in das Visier der Kritiker und Medienwächter geraten. In einem Blog auf der Seite call-in-tv.de wurde der Vorwurf laut, die Sender würden selbst Anrufe fingieren, in denen „verwirrte“ Spieler die falsche Antwort gäben, um so den Anreiz, selbst ins Geschehen einzugreifen, zu erhöhen. Konkret wurde hier die Firma Callactive genannt, die im Auftrag von MTV Call-in-Sendungen produziert. Aber auch bei 9Live gibt es auffällig häufig „verwirrte Anrufer“. Dass es sich dabei um beauftragte Mitarbeiter handeln könnte, schließt 9Live-Sprecherin Zeidler für ihren Sender „definitiv“ aus. Man würde den Landesmedienanstalten anbieten, die Auflistung aller Anrufer einzusehen. Gegen die Bezeichnung „Fake-Anrufe“ hatte die Firma Callactive übrigens geklagt und vor Gericht verloren.

Ob die neuen Regeln für diese Rätselspiele wirklich zu mehr Transparenz führen, muss sich zeigen. Ohne künstlichen Zeitdruck und die vielen blinkenden Lichter dürfte es manchem Zuschauer noch weniger Spaß machen, dem Geschehen im Mitmachfernsehen zu folgen.

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