Medien : „Cicero ist etwas, was kein Mensch braucht“

Verleger Michael Ringier über die Schweiz als Land der Kompromisse, seine Liebe zum Boulevard, die Freundschaft zum Kanzler – und sein neues Debattenmagazin aus Potsdam

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Am Donnerstag erscheint die erste Ausgabe von „Cicero“, ein Monatsmagazin, das in Potsdam, vor den Toren Berlins gemacht wird. Das Anzeigengeschäft liegt noch immer brach, viele reden von Politikverdrossenheit, und mittenrein bringen Sie ein politisches Debattenmagazin auf den Markt. Fürchten Sie sich vor Ihrer eigenen Risikobereitschaft?

Furcht darf man als Unternehmer nicht haben, aber Respekt. Und den habe ich. Das mit „Cicero“ ist eine Frage der finanziellen Dimension. Die Verluste sind überschaubar, falls es schief gehen sollte. Zum Beispiel haben wir nur eine kleine Redaktion.

Zwei Dutzend Mitarbeiter, davon die Hälfte Redakteure.

Das liegt nicht daran, dass wir sparen wollten, sondern weil diese Redaktion anders angelegt ist als andere. Bei „Cicero“ sollen Redakteure nicht schreiben, sondern denken. Was nicht heißen soll, dass schreibende Redakteure nicht auch denken …

… ach …

… Redakteure können nicht beides gleich intensiv tun – das ist eine Frage der Zeit. Bei „Cicero“ ist die Redaktion ein „think tank“, und Wolfram Weimer ist der Chef davon. Ihre Aufgabe ist es, Themen zu diskutieren und gute Autoren zu finden. Diese Autoren können, müssen aber keine Journalisten sein.

Bei 50 000 in Deutschland, Österreich und der Schweiz verkauften Exemplaren würde sich „Cicero“ bei einer Gesamtinvestitionen von rund acht Millionen Euro rechnen. Ist für Sie „Cicero“ eine Art intellektuelle Spielwiese und muss daher nicht unbedingt Geld verdienen?

Ich glaube fest daran, dass sich mit „Cicero“ Geld verdienen lässt. Sollte sich nach sechs Monaten herausstellen, dass, sagen wir, nur 13 000 Menschen „Cicero“ kaufen und das Blatt auch sonst nicht angenommen wird, bedeutet es das Aus. Das Risiko ist aber kleiner als die Chance, durch „Cicero“ neue Leser und Anzeigenkunden für uns zu gewinnen und obendrein ein Netzwerk toller Autoren an uns zu binden. Denn das können wir auch für andere Projekte in unserem Verlag nutzen. „Cicero“ hat für uns einen Stellenwert, der sich nicht nach verkauften Exemplaren berechnen lässt. Für mich ist das Wichtigste, dass die Zeitschrift mit Anerkennung und Wohlwollen vom Markt aufgenommen wird.

Sie kamen zu unserem Gespräch direkt aus der Aufsichtsratsitzung. Wie man hört, wollen Sie auch eine neue, anspruchsvolle Tageszeitung für die Schweiz starten: die „Neue Zeitung“. Ist die Entscheidung über den Starttermin gefallen?

Wir haben darüber geredet, aber entschieden ist nichts. Das braucht noch Zeit.

Im Herbst könnte es losgehen. 1,80 Franken soll das Blatt kosten, die ersten drei Monate soll die durchgehend vierfarbige Zeitung kostenlos Ihrem Boulevardblatt „Blick“ beiliegen.

So könnte es sein, aber sicher ist es nicht. Wir basteln schon seit Jahren an diesem Projekt. Noch sind wir inhaltlich nicht soweit. Das Ganze ist so schwierig, weil es so etwas meines Wissens noch nirgendwo gibt auf der Welt. Vielleicht liegt es ja daran, dass das Konzept nichts taugt. Genau das wissen wir eben nicht. Die Zeitung ist wie „Cicero“ etwas Besonderes, etwas, das es so nirgends gibt. Irgendwann kommt der Moment, dass ich als Verleger daran glaube – oder eben zur Überzeugung komme, dass es nichts wird.

Die Zeitung wäre das zweite große journalistische Projekt, das Sie 2004 starten würden. Woher nehmen Sie das Geld?

Erstens verdienen wir ganz gut …

… 2002 betrug der Gewinn 27 Millionen Euro, die Rendite war mit 3,8 Prozent gering.

2003 wird es ein bisschen mehr sein. Im Vergleich zu anderen, auch deutschen Verlagen, stehen wir ganz gut da. Und bei einem Familienunternehmen wie Ringier geht es ja nicht nur um Gewinne. Außerdem verdienen wir in Mittel- und Osteuropa ganz gut.

Dort erwirtschaftet Ihr Verlag 16 Prozent des Umsatzes …

… und 2003 haben wir Gewinne erzielt, die den Rückgang im Schweizer Markt mehr als ausgleichen. Immer, wenn ich deprimiert bin, nehme ich die Statistik unserer tschechischen Boulevardzeitung zur Hand, dann werde ich sofort unglaublich fröhlich, denn dort geht es nur nach oben.

„Cicero“, die „Neue Zeitung“ – macht das einen Verlagserben wie Sie zum wahren Verleger?

Das bin ich auch so. Ich bin Verleger von Boulevardzeitungen. Wer allerdings nie für ein Boulevardblatt gearbeitet hat, kann nicht einschätzen, was das bedeutet. Für mich ist Boulevard die anspruchsvollste Form des Journalismus. Der „Blick“ ist leichter zu lesen als, sagen wir, die „Neue Zürcher Zeitung“. Gerade deshalb ist der „Blick“ schwieriger herzustellen. Denselben Sachverhalt in 500 Zeilen zu schreiben ist leichter als in 50 Zeilen. Sei es „Cicero“, sei es der „Blick“, die Qualität muss stimmen. Der Swatch- Käufer will genau so, dass seine Uhr funktioniert wie der Käufer einer Uhr mit goldenem Uhrwerk und weiß der Teufel, mit welchem Schnickschnack noch. Qualitativ müssen alle gut sein.

Und „Cicero“ setzt durchweg auf Qualität: bei den Autoren, den Themen, den Fotos. Dennoch ist es ein Nischenprodukt zu einem stolzen Preis von sieben Euro. Funktioniert anspruchsvoller Journalismus nur in der Nische?

Ich glaube, ja. Und der Vorteil von Deutschland ist, dass dort eine Nische bedeutet, man kann 50 000, 70 000 oder 80 000 Hefte verkaufen, während Nische in der Schweiz bedeutet, dass gerade mal 10 000 verkauft werden. Keine Marktforschung der Welt hat gesagt, dass „Cicero“ fehlt. „Cicero“ ist etwas, was kein Mensch braucht. Aber Geschichten, die einen berühren, von verschiedenen Seiten zu beleuchten, zu debattieren – das ist so notwendig wie das Lesen von Büchern. Niemand braucht ein Buch. Es zu lesen, ist geistiger Luxus. Trotzdem werden Millionen von Büchern gelesen. Die Leute wollen verstehen, was passiert. Stattdessen sind sie überinformiert. Ich bin jemand, der morgens zum Aufstehen Radio hört. Da höre ich dann das, was ich abends schon in der „Tagesschau“ gesehen habe. Ich weiß also schon alles, bevor ich ins Büro komme. Dazu kommen das Internet und die Zeitungen. Die Menschen bekommen so viele Informationen an den Kopf geknallt. Was wir zu wenig haben, sind Einordnung, Erklärung, Analyse, Wertung.

„Cicero“ legt die Latte sehr hoch. Madeleine Albright, Gesine Schwan, Wirtschafts-Nobelpreisträger Milton Friedman – das sind nur einige der Autoren der ersten Ausgabe. Immendorff hat das Titelbild gestaltet, im Heft spricht er über seinen nahen Tod. Mit Horst Köhler wurde ebenfalls ein Interview geführt, und pünktlich zum SPD-Parteitag rechnet Rudolf Scharping mit der SPD ab. Lässt sich dieses Niveau auf Dauer halten?

Dazu kommt, dass wir viele Vorschusslorbeeren bekommen haben. Wir fühlen uns unter einem enormen Erwartungsdruck. Ich hoffe, dass wir die Erwartungen einigermaßen erfüllen. Da wir aber die Inhalte der beiden kommenden Ausgaben schon kennen, kann ich Ihnen versprechen: Vorerst werden wir das Niveau halten. Es gibt so viele faszinierende Menschen, die viel zu wenig wahrgenommen werden. Allein in Osteuropa gibt es unglaublich viele gescheite Leute.

Öffnen Sie mit Ihren Kontakten der Redaktion da auch Türen zu bestimmten Leuten?

Die Redaktion ist gut vernetzt, die brauchen mich nicht. Wenn ich etwas zu „Cicero“ beigetragen habe, dann sind es die vielen Gespräche, die ich seit einem Jahr über die Ausrichtung und das Konzept geführt habe.

Sind Sie ein Verleger, der sich in Inhalte einmischt?

Ich bin Journalist, und wenn man das einmal gemacht hat, wird man es nicht mehr los. Was für mich zum Beispiel bei unseren tschechischen Zeitungen ein Problem ist. Ich verstehe ja kein Wort von dem, was da drin steht. Insofern bin ich ein amputierter Verleger. Zum Ausgleich fahre ich halt oft hin und organisiere Abendessen, um mit den Leuten zu reden. Mit den eigenen, aber auch mit Politikern und anderen. Ich bin ein sehr intensiver Gesprächspartner mit journalistischem Gespür und finde es gut, wenn in einem Verlag, der Inhalte verkauft, auch die Konzernleitung über diese Inhalte redet.

Zwei Eindrücke gewinnt man hier in der Schweiz von der Ringier AG: Zum einen wird sie wegen der Boulevardzeitung „Blick“ ein bisschen als Schmuddelverlag angesehen.

Dazu muss man stehen. Ich fühle mich da nicht angesprochen. Ich habe schon als Kind mitgekriegt, wie über den „Blick“ geredet wurde. Für die Schweizer war die Einführung einer Boulevardzeitung damals wie ein Schock. Dabei haben wir noch nicht einmal ein Seite-3-Mädchen – und schauen Sie sich an, wie viele nackte Menschen andauernd über den Bildschirm huschen.

Zum anderen scheint Ringier zu polarisieren. Woran liegt das?

Zum einen daran, dass man uns eine gewisse Macht unterstellt.

Weil Ringier der größte Verlag der Schweiz ist?

Nicht nur deshalb. Grundsätzlich herrscht ja der Glaube, dass Verlage und Verleger Macht haben und Meinungen beeinflussen können. Natürlich haben auch wir bestimmte politische Ideen vertreten. Damit schafft man sich Feinde. Und dass die nicht besonders freundlich über einen reden, ist klar.

Ihr Publizist Frank A. Meyer spielt dabei eine herausragende Rolle.

Ja, der kriegt es dann immer übergebraten, selbst wenn er nicht dafür verantwortlich ist. Für mich ist er einer der klügsten Journalisten im Land. Ihm ist es zu verdanken, dass hier tagtäglich über Inhalte geredet wird.

Als Frank A. Meyer kürzlich in Berlin seinen 60. Geburtstag feierte, waren neben seinem Freund, dem Bundeskanzler, auffällig viele weitere SPD-Leute da. Der Ringier-Verlag scheint dem Kanzler, der sich in Deutschland von einigen Medien verfolgt sieht, das Gefühl zu geben, mit Ihrem einen befreundeten Verlag gefunden zu haben. Ist das nicht gefährlich?

Es gibt da eine enge Freundschaft zu Gerhard Schröder. Aber davon hat der Kanzler ja nichts.

Immerhin finden sich in der ersten Ausgabe ein Interview mit ihm, ein Porträt und eine Fotostrecke, die ihn als einsamen Menschen zeigt.

Er ist nun mal einer der interessantesten Persönlichkeiten in Deutschland, also ist er für „Cicero“ ein Thema. Dasselbe könnte es in einer späteren Ausgabe über Wolfgang Schäuble geben. Wir haben linke Autoren ebenso wie rechte, wir schreiben über Rote wie über Schwarze. Hauptsache ist, dass die Menschen, über die wir schreiben, interessant sind. Das Stück von Arthur Miller über Fidel Castro lässt ja auch nicht den Schluss zu, dass wir bei Ringier gut finden, was Castro auf Kuba macht. Aber ein interessanter Mensch ist Fidel Castro zweifellos.

Mit „Cicero“ kehren Sie als Verleger nach Deutschland zurück, von wo Sie sich Ende der 90er Jahre nach dem Aus des Reisemagazins „Globo“ komplett zurückgezogen hatten.

Ich habe acht Jahre in Deutschland gelebt, das ist meine zweite Heimat geworden, ich habe eine sehr emotionale Bindung zu dem Land. Das Schöne an unserem Geschäft ist doch, dass wir es mit Sprache zu tun haben, und die Schweizer, die Österreicher und die Deutschen sprechen nun mal dieselbe Sprache.

Was unterscheidet Deutsche und Schweizer ?

Die Deutschen haben eine andere Gesprächstradition. Wenn man als Schweizer in Deutschland eine Parlamentsdebatte verfolgt, hat man das Gefühl, die schlagen sich die Köpfe ein. Da geht es zur Sache, da wird hart diskutiert. Bei uns ist immer alles auf Kompromiss angelegt. Die Schweiz ist ein Land der Kompromisse, die Schweiz selbst ist ein einziger Kompromiss. Das Land gibt es überhaupt nur, weil dauernd irgendwelche Leute Kompromisse geschlossen haben. Die Schweizer pflegen eine Lösungskultur, keine Debattenkultur. Darin sind andere sehr viel besser. Ich selbst bin auch jemand, der andere Meinungen spannend findet, sich die gern anhört und dann emotional diskutiert.

Dann ist „Cicero“ als Debattenmagazin in Deutschland ja ganz gut aufgehoben.

Was Österreicher und Schweizer nicht davon abhalten soll, das Magazin auch zu kaufen.

Das Gespräch führte Ulrike Simon.

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