Computerspiele : Verspielt in Berlin

Die Deutschen Gamestage in der Hauptstadt: Die Branche hat genug von der Gewaltdiskussion. Interesssanter sind erfolgreiche Geschäftsmodelle wie Browsergames "Play for Free".

Kurt Sagatz
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Piraten unter sich. Das Online-Spiel „Seafight“ kostet nichts, größere Kanonen müssen jedoch extra bezahlt werden. Foto: Tsp

„Wir brauchen eine internationale Adresse, um international mitspielen zu können“, sagt Stephan Reichart über die Bedeutung Berlins für die deutsche Computer- und Videospielebranche. Zusammen mit sechs anderen Unternehmen will der Veranstalter der Deutschen Gamestage bis zum Herbst eine Repräsentanz am Alexanderplatz einrichten. Die internationale Strahlkraft Berlins ist für ihn zugleich die Erklärung, warum die Gamestage, die von Dienstag bis Donnerstag zum dritten Mal in der Hauptstadt stattfinden, die wichtigste derartige Veranstaltung in Deutschland sind.

Der Branche fehlt es nicht an Selbstbewusstsein. Von vielen unbemerkt hat sie sich in Deutschland zum Milliarden-Euro-Geschäft entwickelt. Zuerst wurde die Kinobranche überholt, 2008 zogen die Entwickler und Verleger von Computer- und Videospielen an der Musikwirtschaft vorbei. Neben Frankfurt, Hamburg und München gehört Berlin zu den bedeutendsten Zentren für diese Unterhaltungsmedien, hier haben wichtige Verbände genauso ihren Sitz wie die Games Academy. Zuletzt ging der Deutsche Computerspielepreis an das Berliner Spielestudio Radon Labs für ihr Fantasy-Rollenspiel „Drakensang“. 2010 wird der Preis im Umfeld der Gamestage in Berlin vergeben.

Die besten Geschäfte lassen sich derzeit mit kostenlosen Internetspielen machen – Free to play, wie das in der Szene heißt. Zu den besonders erfolgreichen Mitspielern in diesem Markt gehören zwei deutsche Unternehmen. Die Karlsruher Gameforge AG sieht sich selbst als Marktführer bei kostenlosen Online-Rollenspielen. In Berlin gab Gameforge-Chef Klaas Kersting bekannt, 200 neue Mitarbeiter zu suchen. Ebenfalls sehr erfolgreich im Online-Segment der Browser-Games ist die Firma Bigpoint aus Hamburg mit ihren 30 Spielen in 20 Sprachen. Die Bezeichnung „Free to play“ ist dabei nur eingeschränkt mit kostenlos zu übersetzen. Die Spiele können komplett ohne Bezahlung durchgespielt werden. Nach drei bis vier Tagen erkennen jedoch viele Spieler, dass es sich zum Beispiel beim Piratenspiel „Seafight“ mit einem größeren Segel oder einer besseren Kanone leichter siegen lässt.

Nach dem Amoklauf von Winnenden blieb in Berlin die Diskussion um die Verantwortung der Gamesbranche nicht aus. Einen direkten Zusammenhang zwischen dem übermäßigen Genuss von Killerspielen und Amokläufen gebe die Wissenschaft nicht her, erklärte der Mainzer Medienwirkungsforscher Christoph Klimmt. Aber wenn Jugendliche zu oft und zu lang Spiele mit hohem Gewaltanteil konsumierten, gehe das nicht spurlos an ihnen vorbei. Das mache sich bei der Suche nach Problemlösungsansätzen durch häufiger auftretende alltägliche Aggressivität bemerkbar. Branchenvertreter wie Koch-Media-Geschäftsführer Klemens Kundratitz beobachten hingegen, dass inzwischen eher sachlich über das Thema gesprochen werde: „Die Branche ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Heiko Fischer vom Spieleentwickler Crytek hat allerdings genug von der ständig wiederkehrenden Diskussion um Gewaltspiele und Shooter wie „Far Cry“. „Wir wollen uns nicht andauernd rechtfertigen“, sagte er und ergänzte, dass man die Spiele auch von Budapest aus herstellen könne. Kurt Sagatz

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