Computerzeitschrift : Die Unbestechlichen

Die Zeitschrift "c’t" gilt als Bibel der Computerszene – seit nunmehr 25 Jahren

Cay Dobberke

Leser Frank S. grüßt seine Lieblingscomputerzeitschrift "c't" mit einem Foto aus Ho-Chi-Minh-Stadt, neben einer Vietnamesin mit Kegelhut schmökert er im Heft des Heise-Verlags aus Hannover. Andere Abonnenten posieren mit "c't"-Ausgaben am Strand von Barbados, auf einem Acker in Madagaskar und auf der Chinesischen Mauer. Die Leserfotos auf einer Online-Weltkarte gehören zum Jubiläumsprogramm: Das "Magazin für Computertechnik", so der Untertitel, wird in diesem Monat 25 Jahre alt. Es erscheint alle zwei Wochen und liegt mit einer Auflage von rund 458 000 Exemplaren auf Platz fünf der deutschen PC-Zeitschriften. Spitzenreiter ist "Computer Bild" mit 1,06 Millionen Heften.

Einzigartig an der "c't" sind der hohe Abonnenten-Anteil und die internationale Verbreitung: Gerade ist die Zahl der Abonnenten auf mehr als 250 000 gestiegen, von denen gut ein Zehntel in 112 verschiedenen Staaten lebt. Doch das ist nicht die einzige Besonderheit. Während sich viele PC-Zeitschriften an Laien wenden und mit den "besten Tuning-Tipps" werben, gibt sich die "c't" ganz nüchtern und professionell. "Wir vermitteln das Wissen der Experten", sagt Chefredakteur Christian Persson, der "Führungskräfte, Informatikstudenten und anspruchsvolle Privatleute" als Zielgruppe der "c't" nennt. Zur 90-köpfigen Redaktion gehören Ingenieure, Physiker und promovierte Wissenschaftler, die häufig auch von anderen Medien als Experten befragt werden.

Die meisten Computer-Tests finden in eigenen Laboren statt. Im "schallarmen Raum" wird gemessen, wie viel Lärm Rechner machen. In Klimakammern lassen Techniker CDs und DVDs künstlich altern, um die Haltbarkeit zu prüfen. Manche Geräte kosten sechsstellige Summen. Wegen solcher Spezialitäten wird die Zeitschrift oft "die Bibel der Computerszene" genannt. In der Industrie habe die "c't" "einen gewissen Respekt gewonnen", sagt Persson. Das klingt untertrieben, denn die Bewertungen sind oft gefürchtet. Zum Beispiel wurde einst ein Programm, das den PC-Arbeitsspeicher vergrößern sollte, als nutzlos entlarvt und 1995 die massenhafte Fälschung von Intel-Prozessoren aufgedeckt. Die meisten Hersteller seien "dankbar für unsere konstruktive Kritik" , glaubt Persson.

"Das Internet habe ich nicht geahnt"

Ursprünglich war der Heise-Verlag auf Telefon- und Adressbücher spezialisiert. Bereits 1977 kam die erste Computerzeitschrift "ELRAD" hinzu. Dort arbeitete der gelernte Zeitungsreporter Persson. Bei der "c't" wurde er gleich Chefredakteur. Heute teilt sich der 60-Jährige die Leitung mit dem Diplomingenieur Detlef Grell. Vieles, was in der IT-Welt längst selbstverständlich scheint, war 1983 sogar für Fachleute schwer absehbar. "Das Internet habe ich nicht geahnt", gibt Persson zu. In der ersten "c't" ging es um den Vorläufer "Bildschirmtext", den die Post kurz zuvor gestartet hatte - und dessen Klötzchengrafik heute steinzeitlich wirkt. Private Computerfans wählten sich damals per Telefonleitung in sogenannte Mailboxnetze ein, um Programme herunterzuladen und Nachrichten auszutauschen. Die "c't" war zeitweilig größter Mailboxbetreiber.

1994 startete das Internetportal "Heise Online", wo sich auch andere Zeitschriften präsentieren. Es gibt einen Newsticker und Softwaredownloads, eines der größten deutschen Internetforen, einen Stellenmarkt für die IT-Branche, Preisvergleiche und einen Anzeigenmarkt samt Kontaktbörse. Hinzu kommt ein Fernsehmagazin: "c't-TV" wird wöchentlich vom RBB, vom Hessischen Rundfunk und vom ARD-Kanal Eins plus gesendet. Zu den Themen zählen auch gesellschaftspolitische und rechtliche Fragen. Dauerbrenner sind die Sorge vor einem Überwachungsstaat, das verschärfte Urheberrecht und "Abzockereien" durch dubiose Bezahldienste im Internet. Dem Ärger von Privatanwendern mit Telekomfirmen und PC-Herstellern widmet sich die Rubik "Vorsicht Kunde!". Im aktuellen Heft geht es um gefälschte "Apple iPhones" aus China.

Persson sieht zwei große Themen mit denen sich sein Blatt noch lange beschäftigen werde. Immer mehr Computerprogramme würden zu Internetanwendungen, die ohne Installation auf dem PC einfach per Browser benutzt werden. Spannend bleibe außerdem der Kampf zwischen Google und Microsoft um die Vorherrschaft im Internetmarkt. Ein Programm wie "Google Street View" beispielsweise, mit dem sich abfotografierte Straßen am Bildschirm betrachten lassen, "hätte man vor zehn Jahren für unmöglich gehalten". "Etwas unheimlich" findet der Chefredakteur die wachsenden Möglichkeiten, Orte und Personen online auszukundschaften. Der Schutz der Privatsphäre stehe auf dem Spiel. "Ich traue Google nicht - und warum sollte ich?" "c't" wird die nächsten 25 Jahre noch einiges zu testen und zu schreiben haben.

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