Dagmar Manzel : „Bist du denn wahnsinnig?“

Ein Leben gelebter Träume: Erst wollte Dagmar Manzel Busfahrerin werden, dann wurde sie Schauspielerin – und jetzt singt sie

Katja Hübner

In Kummerow lebt die Vergangenheit. Sie legt sich über die Stadt wie der Staub über den Tresen des Gasthofes Naase, der als Filmkulisse dient. Hier werden noch Schlachteplatte serviert und Nordhäuser Doppelkorn, die Musikbox spielt alte Schlager statt neuer Hits. An den Wänden hängen Fotos aus den siebziger Jahren, als der Ort mit seinem Ruder-Achter glänzen konnte. Aber die alten Zeiten sind in Kummerow längst vorbei, die jungen Leute ziehen weg, die Arbeitsplätze sind rar, und Lethargie macht sich breit wie der endlose Regen an diesem Drehtag.

Die Schauspielerin Dagmar Manzel steht fröstelnd im trüben Licht der Kneipe und wartet auf ihren Einsatz. In dem von der Saxonia Media für den NDR und Arte produzierten Film „Hoffnung für Kummerow“ spielt sie Irmgard Kubiczek, die Frau des Bürgermeisters, der für seine Stadt kämpft – und auch um seine Ehe.

Irmgard nämlich will nicht nur Kummerow verlassen, um wieder in ihrem Beruf als Hebamme zu arbeiten, sondern auch ihren Mann. Eine Szene im Schlafzimmer wird gedreht. Henry Hübchen, der ihren Mann spielt, erscheint im Trainingsanzug, in Badelatschen und mit Pflaster am Kopf. Dagmar Manzel trägt Jeans, langes, weißes Hemd und Strickjacke, die Haare sind mit Klammern hoch gesteckt, sie soll aussehen, als ob sie gleich zu Bett geht.

„Irmchen berührt einen“, sagt Dagmar Manzel über ihre Figur, „sie ist eine einfache Frau in meinem Alter, die noch einmal aufbrechen und nicht lebendig begraben werden will. Eine, die denkt: ‚Das kann es doch nicht gewesen sein’.“

Am 1. September ist Dagmar Manzel 50 geworden. Zum Gespräch im Café Einstein kommt sie mit Kapuzenpullover, buntem Rock über der Hose und ungeschminkt. Sie wirkt mädchenhaft, fröhlich und zufrieden. Ihren Geburtstag hat sie im kleinen Kreis in ihrem Haus in Pankow gefeiert, zusammen mit der Familie und ein paar Freunden. Von jedem hat sie sich ein Glas gewünscht, damit sie beim Trinken immer weiß, „ach, das ist von dem, heute trinke ich aus Günthers Glas“. Günther ist einer von Dagmar Manzels engsten Vertrauten, sie kennen sich schon ewig, er ist ihr Gesangslehrer. Er ist in dieser Zeit besonders wichtig.

Es gibt Ereignisse, die mitten im Leben eines Menschen stattfinden, aber auf einmal fängt alles neu an. Für Dagmar Manzel war „Kiss me Kate“ so ein Ereignis. Das Musical von Cole Porter hatte im Mai dieses Jahres in der Komischen Oper Premiere und Dagmar Manzel wirbelte als Käthchen über die Bühne, dass das Publikum nur so staunte. Nach der Aufführung gab es stehende Ovationen, gute Kritiken und einen neuen Operettenstar.

„Dass ich mit 50 noch einmal anfange in die Opernhäuser zu gehen, hätte ich nie gedacht“, sagt Dagmar Manzel, „das war immer mein Traum, das habe ich mir schon gewünscht, als ich ein Kind war.“

Geboren wurde Dagmar Manzel in Berlin-Friedrichshagen als Tochter eines Lehrerehepaars. Sie ist mit Operetten und Opern groß geworden. Im Wohnzimmer, wo der Plattenspieler stand, sang sie zusammen mit Maria Callas „Lucia di Lammermoor“, und in den Glastüren des Schranks beobachtete sie sich beim Dirigieren der 5. Sinfonie von Beethoven. Sie träumte, als Dirigentin oder Opernsängerin berühmt zu werden, aber zu dieser Zeit war sie ungefähr so weit entfernt davon wie die DDR von Amerika. Ihr Berufswunsch war Busfahrerin. Sie fuhr im Bus, wann immer sie konnte, sie liebte das große Lenkrad, das schaukelnde Sofa und das Geräusch der Kupplung beim Anfahren. „Tschschsch“ zischt die Schauspielerin, und man muss lachen.

Eine Freundin entdeckte ihr komödiantisches Talent und sagte zu ihr: „Warum wirst du nicht Schauspielerin“? Und als Dagmar Manzel bei einer Aufführung im Gorki-Theater saß, auf die Schauspieler guckte und dachte: „Det kann ick ooch“, war der Weg so gut wie entschieden. Ein Jahr vor Schulabschluss sprach sie an der Staatlichen Schauspielschule Berlin vor. Am Abendbrottisch erzählte sie ihren Eltern, die nichts davon wussten, dass sie den Eignungstest bestanden hatte. Totenstille. Plötzlich sagte die Schwester: „Wat haste? Wat, so wie du aussiehst?“ Bei der zweiten Prüfung spielte sie die Luise aus „Kabale und Liebe“. „Das muss eine totale Lachnummer gewesen sein“, erinnert sie sich, „ich war klein und pummelig und habe sehr stark berlinert.“ Aber man nahm sie. Nur die Sprecherzieherin fragte: „Wie soll ich der bloß Hochdeutsch beibringen?“

Es ist bestimmt nicht leicht für ein junges Mädchen, mit seinen Makeln konfrontiert zu werden. Dafür benötigt man viel Selbstvertrauen. Oder aber eine Menge Humor. Dagmar Manzel kann über sich selbst lachen, mehr als über andere. Zum Beispiel darüber, dass sie so stark kurzsichtig ist, dass sie nicht ohne Kontaktlinsen über die Straße gehen kann. Sie guckt Billy Wilders „Manche mögen’s heiß“, um gute Laune zu bekommen, und spricht alle Dialoge mit. Als sie einmal mit ihrem Sohn und ihrer Tochter im Kino war, hat sie vor Aufregung so geschrien, dass ein Mann sie bat, sie solle doch etwas leiser sein, weil seine Kinder mehr Angst vor ihr hätten als vor dem Film. Dagmar Manzel geht in Geschichten auf. Sie kann sie mit anderen teilen. 18 Jahre war sie Ensemblemitglied am Deutschen Theater. Sie stand mit Gudrun Ritter, Christine Schorn, Dieter Mann und Fred Düren auf der Bühne. Sie sagt: „Mein Gott, das ist höchste Qualität, da muss man sich nicht schämen.“ Es klingt, als müsste sie sich noch immer unter Beweis stellen. Vermutlich aber ist genau das die größte Herausforderung am Schauspielberuf: sich jedes Mal behaupten zu können.

2002 wurde sie Schauspielerin des Jahres, 2004 bekam sie den Adolf-Grimme- Preis für Kai Wessels TV-Drama „Leben wäre schön“ und 2006 den Deutschen Fernsehpreis als beste Darstellerin für die Fernsehfilme „Die Nachrichten“ (Matti Geschonneck) und „Als der Fremde kam“ (Andreas Kleinert). Zuletzt war sie in dem ZDF-Thriller „Mordgeständnis“ zu sehen, in dem sie eine Staatsanwältin verkörpert, die im Verdacht steht, ihren Mann getötet zu haben. Eine Figur, die viele Wesen vereint: liebende Mutter, verletzte Ehefrau, tückische Mörderin. Alle besetzt mit nur einem Gesicht, dem es gelingt, zart und schroff, schön und müde, lesbar und verschlossen zu sein. Dagmar Manzel beherrscht die Demut ebenso wie den Impuls, das macht sie zu einer der besten Schauspielerinnen des Landes. Das sagen auch die Regisseure zu ihr. Mitunter aber scheint es wie der kleine Fluch des Ostens zu sein, dass man sich in das Getriebe des deutschen Filmgeschäfts zu spät eingefunden hat. Die großen Fernsehrollen hat sie nie bekommen und es hat etwas gedauert, bis man sie auch im Westen wahrnahm. Aber während andere Namen in der Film- und Fernsehwelt verfliegen, ist ihr Name einer, für den man den Fernseher einschaltet, ins Kino geht und Theatertickets im Voraus bucht. Sie ist ein Star – ohne die öffentlichen Gewohnheiten eines Stars. Sie sagt: „Es interessiert mich nicht, für mich selber zu werben, das hat nichts mit meiner Arbeit zu tun. Ich gehe ganz gerne unerkannt einkaufen. Nur selten werde ich angesprochen und wenn, dann von Leuten, die mich zum Beispiel in ,Kiss me Kate’ gesehen haben.“

Das erste Mal hat sie 1992 in der Rolle der Rita Marchetti in Carl Sternheims „Nebbich“ gesungen. Der Opernsänger Jochen Kowalski lobte sie dafür. Sie fing an, ihren Traum zu leben, nahm wieder klassischen Gesangsunterricht, bestritt Liederabende, sang die Rosalinde in der „Fledermaus“ und 2004 die Mrs. Lovett in dem Musical „Sweeney Todd“. Damals stand sie zusammen mit einem 70-Personen-Orchester und einem 100-Mann-Chor auf der Bühne der Komischen Oper und dachte: „Bist du denn wahnsinnig? Warum tust du dir das an?“ Danach öffneten sich für sie neue Türen.

Vielleicht liegt gerade in ihrer Unsicherheit ein Schlüssel zu ihrem Erfolg. Dagmar Manzel ist ein wenig ängstlich und dadurch gleichzeitig äußerst gewissenhaft. Dreimal in der Woche geht sie zum Gesangsunterricht, dazu übt sie im Keller ihres Hauses. Am liebsten singt sie im Auto. „Dort ist es am schönsten“, meint sie, „da hört man die Stücke immer wieder und in verschiedenen Aufnahmen. Man singt mit, lernt die Texte und kriegt sofort einen Riecher: Das mache ich anders, da steckt noch viel mehr drin.“

Zur Zeit probt sie für die Jacques-Offenbach-Operette „La Périchole“, die am kommenden Mittwoch im Berliner Ensemble Premiere hat. Genau genommen ist Dagmar Manzel dahin zurückgekehrt, wo sie hergekommen ist. In eine Welt voller Musik. „Musik“, sagt sie, „öffnet die Herzen.“ Fast steigen ihr Tränen in die Augen, als sie im Café aus der Arie „Agnus Dei“ von Bach vorsingt. „Da fällt dir nichts mehr zu ein.“ Kann man so jemandem übel nehmen, dass er sich bald vom Theater und Film zurückzieht, um durch die Opernhäuser zu ziehen? Köln, Leipzig, Düsseldorf, Dresden sind interessiert, mit Sydney gibt es Gespräche. „Für die nächsten zehn Jahre“, sagt Dagmar Manzel, „bin ich im Prinzip beschäftigt.“ Ein wenig klingt das nach Abschied, und ein wenig ist er das ja auch.

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