Medien : Darwins Erbe ist tot

Mit Ernst Mayr starb 100-jährig einer der größten Evolutionsbiologen und Wissenschaftsphilosophen

Matthias Glaubrecht

Er hat einen deutschen Dutzendnamen, wurde im Allgäu geboren und machte erst in Berlin, dann in den USA eine einzigartige Karriere als Systematiker und Zoologe. Ernst Mayr, Alexander Agassiz-Professor und seit 1975 Emeritus an der Harvard University im amerikanischen Cambridge bei Boston, gilt heute als einer der bedeutendsten Evolutionsbiologen und Wissenschaftsphilosophen.

Mayrs mehr als zwei Dutzend Bücher und über 700 Fachpublikationen haben Generationen von Biologen geprägt. Zwar gibt es keinen Nobelpreis für Biologie, doch hat Mayr 1983 mit dem Balzan Prize, 1994 dem Japan Prize und 1999 dem Crafoord Prize der Schwedischen Akademie der Wissenschaften das dreifache Äquivalent verliehen bekommen. In vielen Würdigungen seines Lebensweges anlässlich seines 100. Geburtstages am 5. Juli 2004 wurde er zum „Darwin des 20. Jahrhunderts“ stilisiert.

Als ich ihn aus diesem Anlass vor genau einem Jahr in seiner kleinen Studierstube, voll gestopft mit Manuskripten, Zeitschriften und Büchern, in einem Seniorenwohnheim im ländlichen Bedford nahe Boston ein weiteres Mal besuchte, hatte er sich gerade von einer Lungenentzündung erholt. Er begrüßte mich lächelnd mit den Worten: „Beinahe wäre es nun nichts geworden mit dem 100sten! Die meisten in meinem Alter überleben das nicht.“

Tatsächlich hat Ernst Mayr früh Hartnäckigkeit und Durchsetzungskraft bewiesen. Nach einem zugunsten der Zoologie abgebrochenen Medizinstudium und seiner Promotion an der Berliner Universität 1926 hatte sich Mayr seine ersten wissenschaftlichen Sporen am Berliner Museum für Naturkunde verdient. Kaum 23-jährig brach er zu einer abenteuerlichen Ein-Mann-Expedition in den Südpazifik auf. In den Bergwäldern Neuguineas und auf den Salomoninseln sammelte er zwischen 1928 und 1930 exotische Vögel und studierte die Mechanismen der Evolution. Weitgehend auf sich allein gestellt, drang er – oft als erster Europäer – in die abgelegenen Bergregionen von vier Gebirgszügen und in das Innere von drei tropischen Inseln vor – und kehrte zur Verwunderung vieler lebend zurück.

Seine Anstellung 1931 am American Museum of Natural History in New York verdankte er einem glücklichen Zufall. Er nutzte diese Chance seines Lebens und schuf in zwei Jahrzehnten beinahe blindwütigen Durchforstens des reichen Sammlungsmaterials die Grundlage für seine späteren Einsichten. Wie bei Charles Darwin wurden Mayrs eigene Beobachtungen zum Ausgangspunkt für generelle Schlussfolgerungen zur Arbeitsweise der Evolution und über die Mechanismen bei der Entstehung neuer Arten.

Untrennbar verknüpft mit seinem Namen ist das Konzept der so genannten „biologischen Art“. Arten werden dabei nicht bloß als morphologisch unterscheidbare Gruppen aufgefasst, sondern aufgrund des Fortpflanzungskriteriums als in der Natur real existierende Evolutions-Einheiten. Zugleich entwickelte Mayr die heute gültigen Vorstellungen zur Artenbildung durch räumliche Separation. Damit löste er jene Frage, die für Darwin ein Leben lang das „Mysterium der Mysterien“ geblieben war. Ohne Mayrs bahnbrechende – weil die Richtung der weiteren Forschung aufzeigende – Beiträge würden wir heute nicht berechtigterweise von einer „synthetischen Theorie der Evolution“ sprechen. Denn während Darwin mit seiner Selektionstheorie 1859 nurmehr den Rohbau eines epochalen Gedankengebäudes schuf, hat sich Mayr vor allem in den 1930er und 1940er Jahren an den Innenausbau gemacht, mit dem Evolutionsbiologen bis heute – im Zeitalter der Molekulargenetik – auf seinen Spuren beschäftigt sind.

Seit 1953 an der Harvard Universität, wo er lange Jahre auch Direktor am dortigen Museum of Comparative Zoology war, hat Ernst Mayr in regelmäßigen Abständen die Strömungen und Entdeckungen in der modernen Evolutionsbiologie in Büchern und Aufsätzen gesichtet, zusammengefasst und kommentiert. Darin erklärte er nicht nur die Evolution, sondern begründet, warum die Theorie Darwins die umwälzendste aller geistigen Revolutionen ist.

Er hat der Biologie auch wissenschaftsphilosophisch einen Rahmen gegeben und belegt, warum sich die Gegenstände der Biologie von denen anderer Naturwissenschaften grundlegend unterscheiden. Mit seiner Darstellung zur Autonomie der Biologie hat er belegt, warum die gesamte Philosophie der Physiker im Widerspruch zur Biologie und zu ihren Grundprinzipien steht. Wie unabhängig die Biologie tatsächlich von den übrigen Naturwissenschaften ist, so wurde Mayr nicht müde zu betonen, sehe man daran, dass keine der revolutionären physikalischen Theorien zu einer auch nur minimalen Änderung in irgendeiner biologischen Theorie geführt hätte.

Nach kurzer Krankheit starb Ernst Mayr am vergangenen Donnerstagmorgen in Bedford.

Matthias Glaubrecht arbeitet als Evolutionsbiologe und Kurator am Museum für Naturkunde der Humboldt Universität zu Berlin – jenem Museum, an dem Ernst Mayrs wissenschaftliche Karriere begann.

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