Medien : „Das ist freies Schießen“

Bürger fragen, Ulla Schmidt antwortet: Jörg Schönenborn zum neuen ARD-Format

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Herr Schönenborn, die ARD startet mit „Ich stelle mich“ ein neues Format. Eine Talksendung gleichen Namens gab es schon mal.

Ja, von 1980 bis 1993 mit Claus Hinrich Casdorff und einem Prominenten im Interview. Wenn sich Menschen daran erinnern, schön! Aber wir haben nicht darauf gesetzt. Unser Format haben wir in den Dritten Programmen im Bundestagswahlkampf eingeführt. Das hieß „Wahlarena“. Nun, nach der Wahl, brauchten wir einen anderen Titel.

Als Erste will sich Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt den Fragen der Zuschauer stellen. Wem oder was setzt sich die Ministerin da aus?

Das Publikum ist mithilfe von Infratest dimap repräsentativ ausgewählt. Ein Abbild der Gesellschaft, das ist uns wichtig. Damit ist schon mal sicher, das wir keine politische Schlagseite haben. Sicher, das ist freies Schießen. Jeder darf fragen, was er will. Weder wir Moderatoren noch die Ministerin wissen, was da kommt.

Das Thema Gesundheit regt auf. Eine Chance für Störenfriede, Provokateure.

Das ist sehr unwahrscheinlich. Die rund 200 Zuschauer wurden von uns vorher angesprochen. Störenfriede wären mehr eigeninteressiert. Wie gesagt, ganz neu und unerprobt ist dieses Format nicht. Mit Angela Merkel und Gerhard Schröder in der „Wahlarena“ wären solche Störungen heikel gewesen.

Mal abgesehen von „Hart aber fair“ im Dritten – es hat den Anschein, als ob Polittalks zu Plauderrunden verkommen. Überraschungsarm, immergleiche Phrasen.

Wir müssen ja nicht zwanghaft bissig sein. Der Kern bei „Ich stelle mich“ ist, dass die Zuschauer Experten für Realität sind. Es wird bei uns keine klassischen Journalistenfragen à la „Frau Schmidt, musste diese Reform jetzt sein?“ geben. Die Leute sind an Sachfragen interessiert.

Und mögen deshalb „Hart aber fair“.

Frank Plasbergs Erfolg liegt darin begründet, das da in jeder Runde etwas abgearbeitet wird. Der Vorwurf, der dem Fernsehen oft gemacht wird, ist doch, das es nicht genügend Realität einfange. Die Idee der „Wahlarena“ war: Wenn Menschen sich von der Politik abwenden, weil sie Politikern nicht mehr trauen und Journalistenfragen nicht mehr als ihre Fragen betrachten, sollten wir das direkte Gespräch stiften. Jeder ist Experte für seine eigene Lebenswirklichkeit.

Im Grunde genommen ein Armutszeugnis für Moderatoren und Journalistenfragen.

Wenn Sie das so sehen. Ich erinnere mich an eine „Wahlarena“ mit Frau Merkel, wo es einen lauten Konflikt um das Thema Steuerfreiheit von Sonntagszuschlägen gab. Da wurde es richtig emotional. In diesem Format gibt es Fragen, die Journalisten nie gestellt hätten.

Ein Beispiel?

Bei Gerhard Schröder meldete sich jemand, der sagte, er sei schwul, und er freue sich über die Gleichstellungspolitik der Regierung. Ob Schröder sich denn ein Adoptionsrecht für schwule Paare vorstellen könne. Da hat der Ex-Kanzler geschluckt. Auf solche Fragen kämen wir Journalisten gar nicht.

Jörg Schönenborn verbindet man eher mit Wahlsonntagen und Hochrechnungen als mit einem konfliktträchtigen Talk.

Ich habe in Sachen Bildschirmpräsenz keinen Nachholbedarf. „Ich stelle mich“, das ich zusammen mit dem NDR-Chefredakteur Andreas Cichowicz begonnen habe, liegt mir am Herzen. Und diese Wahlgeschichten machen mir Spaß.

Oft müssen Sie ja nicht auf den Schirm. „Ich stelle mich“ soll je nach politischer Lage kurzfristig ins erste Programm kommen.

Politiker werden sich jedenfalls nicht gerade zerreißen, in die Sendung zu kommen. Ich möchte keinen Talk mit jemanden machen, der nicht in der Konfrontation steht. Bei Ulla Schmidt passt das. Wir hatten am Mittwoch die Kabinettsentscheidung zur Gesundheitsreform. Heute steht das in den Zeitungen. Die Zuschauer haben Fragen.

Sind Politiker nach Schmusekursen bei Christiansen, Kerner & Co. überhaupt noch harte Fragen gewöhnt?

Abwarten. Es wundert mich schon, wie zurückhaltend Politiker sind, sich darauf einzulassen. Selbst ein Medienkanzler wie Gerhard Schröder tat sich im letzten Wahlkampf schwer, in die Arena zu den Zuschauern zu kommen.

Vielleicht stellt sich auch seine Nachfolgerin im Kanzleramt.

Wir haben ein Thema mit Angela Merkel in petto und sind mit dem Kanzleramt im Gespräch.

Das Gespräch führte Markus Ehrenberg.

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