Medien : Das Lied vom traurigen Zoltan

Kaum Geld, schlechtes Image, bald obdachlos: Ungarns Staatsfernsehen MTV ist ein Sanierungsfall

Simone Schellhammer[Budapest]

Irgendwann musste das Team im Übertragungswagen die Flucht ergreifen. Die randalierenden Demonstranten auf dem Blaha-Platz in Budapest hatten versucht, den Kleinbus von M 1 umzukippen. Bei den Unruhen zum 50. Jahrestag des Ungarnaufstandes zeigte sich auch, welche Rolle das öffentlich-rechtliche Fernsehen dort spielt. Wie schon bei den Krawallen vor vier Wochen anlässlich der „Lügenrede“ von Ministerpräsident Ferenc Gyurcsany war Magyar Televízió (MTV) ein Ziel der Attacken. Der Sender ist seit 1996 öffentlich-rechtlich organisiert, trotzdem wird er immer noch als staatliches Regierungsorgan empfunden; was bei den Programmleistungen oft nicht mehr stimmt, bei der Finanzierung umso mehr. Bei den Einnahmen ist MTV seit 2002 vom Staat abhängig, weil damals als Wahlgeschenk die Fernsehgebühren abgeschafft wurden – MTV ging pleite. Das wiederum zwingt seine Leitung regelmäßig, bei der jeweiligen Regierung um Geld zu betteln.

„MTV ständig an der Schwelle zur Insolvenz zu halten, scheint ein höchst erfolgreiches Instrument der politischen Einflussnahme zu sein“, sagt Olaf Steenfadt. Der 38-jährige Deutsche berät seit knapp einem Jahr den Intendanten von MTV, Zoltan Rudi, auf dessen Wunsch hin. Einst selbst Reporter beim ZDF-Magazin „Frontal“, arbeitete Steenfadt in einer ZDF-Tochterfirma, die sich auf Medienmarketing spezialisiert hatte. Sein Bericht, den er im Frühjahr unter anderem an die European Broadcasting Union (EBU) schickte, weist schonungslos auf die desolate Lage von MTV hin: Er operiere mit negativem Eigenkapital und damit illegal, die Aufhebung der Gebühren sei verfassungswidrig, die politische Einflussnahme skandalös. „Alles deutet darauf hin, dass die Unabhängigkeit des Fernsehens in Ungarn stärker gefährdet ist als in jedem anderen postkommunistischen Land Europas.“ Prompt schrieb die EBU einen sorgenvollen Brief an Ministerpräsident Ferenc Gyurcsany, in der sie die Lage des Senders als enttäuschend und peinlich bezeichnete, gleichzeitig ihre Hilfe und Gesprächsbereitschaft anbot.

Dieses Gespräch soll nun anlässlich einer Medienkonferenz mit dem schönen Titel „From Secret Service to Public Service“ (etwa: vom Geheimdienst zum öffentlich-rechtlichen Dienstleister) Ende der Woche in Budapest stattfinden.Viele hoffen, dass am Ende der Konferenz die Wiedereinführung der Fernsehgebühren angekündigt wird. Zuletzt waren das umgerechnet knapp drei Euro pro Monat und Haushalt. Auch wenn wie ehemals nur etwas über 60 Prozent der Haushalte zahlen würden, käme dabei doch eine Summe von fast 65 Millionen Euro zusammen. Bei dem kleinen MTV-Budget von 80 Millionen Euro wäre das ein wichtiger Betrag. Zum Vergleich: Das ZDF hat ein Jahresbudget von 1,8 Milliarden Euro, und in Deutschland zahlt ein Haushalt monatlich rund 17 Euro Gebühren.

Das Problem ist allerdings, dass die Ungarn nicht unbedingt einsehen, warum sie für diese aus ihrer Sicht mehr oder weniger überflüssige Leistung des Staates noch etwas zahlen sollen. Das Einzige, was in den beiden Programmen M 1 und M 2 immer noch geschätzt wird, sind die Nachrichtenkompetenz und die eine oder andere Kultursendung. Der Marktanteil von M 1 liegt bei zwölf bis 15 Prozent. Die privaten Konkurrenzsender RTL Klub und TV 2 kommen auf jeweils 25 bis 28 Prozent Marktanteil.

Bald ist der Sender gar ohne Gebäude. Aus der herrschaftlichen Zentrale am Freiheitsplatz muss MTV nächstes Jahr ausziehen, da das Gebäude verkauft wurde und in ein Hotel umgewandelt werden soll. Derzeit sucht der ungarische Staat nach einem Investor für ein neues, noch zu bauendes Sendezentrum. MTV wird sein 50-jähriges Jubiläum am 1. Mai 2007 ohne ein eigenes Dach über dem Kopf feiern müssen.

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