Medien : Das Tagesthema

Alle Wetter: Selbst Außenminister Steinmeier dankt Ulrich Wickert für 15 Jahre Moderation

Joachim Huber

Es war an Frank-Walter Steinmeier, der den Dank des Fernsehvolkes überbrachte. In wärmsten Worten und – „stellvertretend für viele andere“ – gratulierte der Bundesaußenminister dem scheidenden „Tagesthemen“-Anchorman Ulrich Wickert „für 15 Jahre hervorragende journalistische Arbeit“. Einmal in Fahrt, brach der Außenminister durch die protokollarische Leitplanke, als er bedauerte, dass er Wickert als Abschiedsgeschenk nicht einen gelösten Konflikt im Atomstreit mit dem Iran auf den Tisch legen könne. Da hätte sich Staatspräsident Achmanedischad aber wirklich mal zusammenreißen und die Bombe Bombe sein lassen können. Himmel, war der Steinmeier feierlich und dankbar.

Nichts gegen rund 2500 Moderationen der „Tagesthemen“, aber hat Ulrich Wickert nicht einfach auch einen, seinen Job gemacht? Nein, hat er nicht. In Wickerts Abschiedsworten klang die herausgehobene Beziehung zwischen einem Menschen im Fernsehen und den Menschen draußen im Lande durch: „Danke, dass Sie mich 15 Jahre lang während der ,Tagesthemen‘ in Ihrem Wohnzimmer empfangen und ertragen haben und dass Sie mir vertrauten.“ Nicht wenige werden mit Wickert zusammen 15 Jahre älter geworden sein und den „Tagesthemen“-Moderator besser kennen als den wechselnden Lebenspartner. Wickert im Wohnzimmer, das waren auf jeden Fall Vertrautheit und bestimmt auch Sichvertrauen.

Die spontane Huldigung vom Außenminister machte Wickert sichtlich verlegen, was sich um 22 Uhr 48 noch steigerte. Den riesigen Blumenstrauß, den ihm die Mitarbeiter von ARD-aktuell überreichten, warf der 63-jährige Journalist gleich wieder in die Runde. Es war – leider – nicht genau zu erkennen, ob eine Frau das gewaltige Bouquet wie einen Brautstrauß auffing. Nein, nein, keine falschen Gerüchte, dieser Mann ist in dritter Ehe stabil glücklich verheiratet.

Die „Tagesthemen“ vom 31. August 2006 waren eine Ulrich-Wickert-Spezialausgabe. Steinmeier dankte, die Redaktion feierte, und der Moderator selbst nutzte den Beitrag seines Nachfolgers Tom Buhrow – „möge er Ihnen bald ein guter Freund sein“ – über die Ruhrtriennale, um ein Leben nach der Sendung anzuzeigen: „The road to nowhere – irgendwo geht die Reise immer hin“, sagte er. Jetzt geht es erst einmal nach Frankreich zum Urlauben, dann an den Schreibtisch zum Bücherschreiben, dann vor die Kamera mit „Wickerts Büchern“. Frank-Walter Steinmeiers Wunsch, „dass es lange dauert, bis Ihre Kollegen sagen, ,eine geruhsame Nacht‘“, wird in Erfüllung gehen.

Wickert ließ es sich nicht nehmen, seinen Rausschmeißer „einen angenehmen Abend und eine geruuuuhsame Nacht“ zu dehnen und sich zu versprechen. Und dann war dieser „Tagesthemen“-Moderator Fernsehgeschichte.

Außer Frank-Walter Steinmeier wollten sich noch weitere 4,34 Millionen Zuschauer von Wickert verabschieden. Das waren glatt zwei Millionen mehr als im „Tagesthemen“-Schnitt. Muss denn immer erst einer gehen, bis so viele sagen: „Schön war’s, schade ist’s“?

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