Medien : Das „Tutti Frutti“-Rezept

1. Januar 1984: In Deutschland geht das Privatfernsehen auf Sendung und direkt auf den Zuschauer los. Da kann der Erfolg nicht ausbleiben

Joachim Huber

„Tutti Frutti“ feiert Comeback. Ab Januar 2004 reißen sich die „Zitrone“, die „Kirsche“ oder die „Erdbeere“ wieder die Oberteile von den Brüsten. Alles daran ist alt: die Regeln, die Kandidaten, die Länderpunkte, die Oberteile, der Moderator Hugo Egon Balder. Neu ist nur die Bühne: „Tutti frutti“ läuft nicht mehr im RTL-Fernsehen, sondern bei www.rtl.de. Dass die Strip-Show bei ihrer Wiederholung im Netz in Serie geht, markiert den langen Weg, den RTL in 20 Jahren gegangen ist.

RTL ist den Halbmarathon nicht alleine gelaufen, tatsächlich ist der heutige Marktführer im deutschen Fernsehen sogar als Zweiter gestartet – am 2. Januar 1984 in Luxemburg. Einen Tag vorher war die Programmgesellschaft für Kabel- und Satellitenrundfunk (PKS/später Sat 1) losgerannt. Geschäftsführer Jürgen Doetz hatte an einem grauen Tag im grauen Ludwigshafen in der Anstalt für Kabelkommunikation, einem Gelände „zwischen Schlachthof und Friedhof“, um 10 Uhr 30 auf den Knopf gedrückt. An seiner Seite waren Bernhard Vogel, CDU-Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, und Christian SchwarzSchilling, CDU-Bundespostminister. Den Start des privaten Fernsehens in Deutschland konnten, wenn sie denn wollten, 1500 Kabelhaushalte mitfeiern. Durch das Programm führte Irene Joest, ausgebildete Lehrerin und nun erste private Ansagerin, die sich, wie sich Doetz, heute Vorstandsmitglied der Pro 7 Sat 1 Media AG, erinnert, „ein Bleyle-Kleid von ihrer Mutter geliehen hatte“.

RTL, damals RTL plus, ging die Sache gleich anders an. Helmut Thoma, Geschäftsführer und Österreicher, wollte, was die „Früchtchen“ wollten: möglichst viele Zuschauer für möglichst hohe Ratings für möglichst hohe Werbeerlöse. Das war neu, das war unerhört, Fernsehen musste sich plötzlich rechnen. Dass die Rechnung aufging, verdankte das neue Medium dem Regierungswechsel 1982 in Bonn. Helmut Kohl hatte den Fernsehverächter Helmut Schmidt abgelöst, der noch 1979 die Verkabelungspläne seines Postministers Kurt Gscheidle gestoppt hatte: „Wir dürfen nicht in Gefahren hineintaumeln, die akuter und gefährlicher sind als die Kernenergie.“ Mit dem Privatfernsehen schaffte Kohl eine echte Wende. Der gebundene Wettbewerb zwischen SPD-ARD und CDU-ZDF wurde in die Systemkonkurrenz von öffentlich-rechtlichem Gebührenfernsehen und privatwirtschaftlichem Fernsehen aufgelöst. Die parteipolitisch gemeinte Gründung des Privatfernsehens ging im Unterhaltungsmedium unter, und Kohl ist darüber zum Fernsehverächter geworden wie ehedem Helmut Schmidt. Erst mit Gerhard Schröder wurde 1998 ein Medien-Bundeskanzler gewählt, längst überfällig, denn da war das Privatfernsehen schon 14 Jahre erfolgreich auf Sendung.

Mit RTL und Sat 1 werden aktuell 23 weitere Privatstationen bundesweit verbreitet. Die enorme Reichweite und die üppige Vielfalt – ein TV-Haushalt verfügt über 33 Programme – führen zu einer unglaublichen Nutzung: 2003 ist die durchschnittliche Sehdauer eines jeden Deutschen auf 203 Rekordminuten angeschwollen. Länger am Tag vollbringt der Deutsche nur zweierlei – Arbeiten (wenn er denn eine Arbeit hat) und Schlafen (wenn er denn schlafen kann).

Das Fernsehen ist in den Tagesablauf, in die Alltagsroutine eingepasst worden. Der Abend gehört dem Fernsehen, auch wenn der Morgen und der Mittag und die Nacht längst erobert sind. Ferngesehen wird aus manch gutem Grund (Bildung zum Beispiel oder Unterhaltung), und noch öfters aus:

Langeweile: erst Freitagmittag und noch immer keine Wochenendgestaltungsidee

Gewohnheit: Licht an und Fernseher an

Erschöpfung: War wieder ein anstrengender Tag heute

Flucht: Die Probleme können warten

Mangel an Alternativen: lieber mit dem Fernseher als ganz allein

Lifestyle: Ich bin wie meine Programmauswahl

Sparsamkeit: Fernsehen kostet pro Monat nur 16 Euro 15

Sehnsucht: nach Lieblingen wie Günther Jauch, Harald Schmidt, Arabella Kiesbauer, Ulrich Meyer, Anke Engelkes, Peter Kloeppel

Sucht: nach Fernsehen

Einsamkeit: Die Fernsehrekordhalter in Deutschland sind die Senioren im Osten – 294 Minuten pro Tag. Ein schöner Fernsehabend bedeutet dann auch einen bunten Lebensabend. Nachweislich waren Mitbürger tot, und der Fernseher lief trotzdem weiter.

Wer will weniger fernsehen?

Von den Zahlen her: Es wird zu viel Fernsehen geschaut, aber wer will ernsthaft weniger schauen? Jedenfalls nicht die, die einschalten, selbst wenn Kritiker des Fernsehens die Privatfernsehzuschauer mahnen, tadeln, gerne auch zur „Selbstadelung der Besserwisser“ (Friedrich Küppersbusch). So wenig das Privatfernsehen den Zuschauer zum Einschalten zwingen kann, so wenig kann die Opposition das Ausschalten erzwingen.

Weil das Fernsehen das Fernsehen ist, ist das Fernsehen ein echter Sündenbock, ein Pfui-Medium. Ständig ist es an irgendetwas Schuld, und vor allem ist es daran Schuld, dass Menschen fernsehen, die eigentlich gar nicht fernsehen wollten. Fernsehen passiert einem auch unabsichtlich, das ist wahr.

Dabei meint das Privatfernsehen auch in seinem bald 21. Sendejahr immer nur den einen, den Zuschauer. Den hat das Medium für sich entdeckt. Das Diktum von Helmut Thoma, „der Köder soll dem Fisch schmecken, nicht dem Angler“, war Programm und Attacke zugleich. In weniger als einem Jahrzehnt holte RTL die Marktführerschaft: 1995 waren die Anteile von ARD und ZDF von jeweils rund 43 Prozent auf nur noch 15 Prozent gesunken, auf satte 18 Prozent brachte es RTL. Ein säkulares Fernsehvolk war den öffentlich-rechtlichen Gottesdienst Leid.

ARD und ZDF waren erst empört, dann paralysiert, dann nahmen sie die Konkurrenz an. Während die privaten Sender sich zu TV-Familien wie der RTL Group und der Kirch-Gruppe vermehrten, sich industriell organisierten und dabei im Rekordjahr 2000 Einnahmen von 4,9 Milliarden Euro verbuchten, spreizten sich ARD und ZDF in Spartenkanäle aus: Kika, Phoenix, BR Alpha, Digital-Bouquet. Der Siegeszug der Privatfunker wurde gestoppt, nach dem Zusammenbruch des Kirch-Imperiums und dem Rückgang der Werbeerlöse finden sich öffentlich-rechtliches und privates Fernsehen in der Balance.

Der private TV-Ableger ist marktgetrieben. Sender à la Nickelodeon oder das Weather TV kamen und gingen, andere wie TM3 wurden Mehrfach-Mutationen unterworfen, das Pay-TV stand erst vor dem Ruin und jetzt vor neuer Blüte. Regionales, gar lokales Fernsehen scheint nicht refinanzierbar, private Nachrichtenkanäle existieren nur mittels Subventionen: RTL hält n-tv am Leben, die Pro 7 Sat 1 Media AG die Newsstation N 24.

Nur der Markt hat Recht

Bedauert wird das schon, aber bejammert? „Ohne mit der Wimper zu zucken, sortiert der Markt die schönsten Formate, ja ganze Fernsehsender aus. Dem Markt sind unsere Schmerzen egal. Er kennt keine Moral und kein Mitleid. Er kennt nur ein Kriterium: den Erfolg.“ Sagen Privat-TV-Pioniere wie Karl-Ulrich Kuhlo oder Christiane zu Salm, die mit ihrem „Transaktionssender“ Neun Live den Beweis antritt, dass ein Privatsender bald ganz ohne Werbung exisitieren kann – indem Millionen von Zuschauern zum Telefonhörer greifen und sich für 49 Cent je Anruf an den absurdesten Gewinnspielen beteiligen. Auch das ist Trost im Privatfernsehen: Wer im Zweifel über die Qualität seines Fernsehprodukts ist, kann sich immer noch in die Quote retten.

Aber gerade in Neun Live wird das Erfolgsmodell privaten Fernsehens offenbar: ausschließlich das im Programm abzubilden, was die fernsehende Bevölkerung nutzen will. Privat-TV als Indikator der Normalität? Ja und Nein. Nein, weil die Programme, je ernster die Lage wird, desto lustiger werden. So viel Comedy war nie, das Lach-Fernsehen überwölbt Reformstau, Arbeitslosigkeit, Rezession. Ja, weil das Fernsehen durchdrungen ist von den Sehnsüchten der Menschen. Und wenn es die Sehnsucht ist, selbst im Fernsehen Teil des Mediums zu werden. Otto Fernsehverbraucher tauchte plötzlich in den Studios des Privat-TV selber auf, um sich als Peitschen-Fetischist zu outen, den Partner als lustfeindlich zu beschimpfen und sich dann wieder mit der Schwiegermutter zu versöhnen. Die Moderatoren und das Publikum waren betroffen, einzelne Mitglieder desselben wollten aber nur noch eines: einmal im Leben ins Fernsehen kommen. Das Privatfernsehen nahm die Obession auf und förderte sie, gerade in den Hybridformaten der jüngsten Programmentwicklung: Dokutainment, Faction, Socialtainment, Infotainment, Emotainment – Fitction meets Doku, Realits meets Entertainment. So kreuzten sich bei der Castingshow „Deutschland sucht den Superstar“ musikalische Bühnenshow und „Big Brother“, war das Zusammenleben der Kandidaten Teil des Wettbewerbs. Das Privatfernsehen schaffte den Dreisprung: Erst war der Zuschauer vor dem Fernseher, dann wurde der Zuschauer als Privatperson ins Fernsehen mit einbezogen. heute holt das Fernsehen den Zuschauer als Privatperson in seiner Wirklichkeit ab – und macht Privatfernsehen draus. Aktiver als heute war der Zuschauer noch nie.

Die homogenisierende Kraft des Mediums entsteht nur durch die Vielfalt der Angebote, dadurch, dass so viel Unterschiedliches gezeigt wird. Der Zuschauer bezwingt die Programme, indem er sie in seine Fernbedienung zwingt. 2001, annonciert eine Studie, hat der Zuschauer täglich 61 Mal umgeschaltet. „Zapping“, folgert Küppersbusch, „ist die Höhlenkunst der Fernsehfrühzeit, ist Volkskunst.“ Und doch ist die ausgeübte Individualität vermeintlich – siehe die Fernsehwerbung, die angeblich individuelle und tatsächlich massenhaft verkaufte Produkte anpreist. Substanz und Image sind gerade beim Privatfernsehen nicht dasselbe, können vom Zuschauer aber verwechselt werden. So wie der Zuschauer nicht der individuell Gehätschelte ist, sondern ein Atom in der Millionenquote. Die Fernbedienung suggeriert die Macht über das Medium, das Medium verstärkt diese Fiktion, indem es sendet, was ankommt. Auf dieser Oberfläche lässt es sich wunderbar begegnen.

Welche Haltung gegen das Privatfernsehen ist statthaft, ohne lächerlich zu sein? Ein TV-Maniac, der amerikanische Schriftsteller David Foster Wallace sagt, das Fernsehen „hat es doch stets am besten verstanden, selbst TV-kritische Trends so umzumünzen, dass sie Quoten brachten. Diese Fähigkeit, alles aufzunehmen, zu homogenisieren und frisch aufbereitet wieder auf den Markt zu werfen, fasziniert mich bis heute.“ Kalkofe, Raab, Schmidt sind in unterschiedlicher Qualität die Kläranlagen dieser Industrie: Alles ist wiederverwertbar, kann verlacht und dann entsorgt werden.

Das Privatfernsehen hat darüber kein Gedächtnis entwickelt, es produziert, reproduziert und vergisst. Vor zehn Jahren feierte das Medium nicht, vor 15 Jahren gab eine große Party in Berlin, der 20. Geburtstag wird an der Schnittstelle von Programm und Publikum gefeiert: im Privatfernsehen. RTL am 2. Januar und Sat 1 sechs Tage später machen sich selbst zum Programm. Eindrucksvoller kann der Daseinszweck nicht bewiesen werden.

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